Warum der SV Blau-Weiß Bornreihe sich neu erfinden muss / Eine Betrachtung von Tobias Dohr Kultklub am Scheideweg

Kultklub! Das hört sich irgendwie genial an. Aber was bedeutet es eigentlich? Das entscheidende Kriterium eines sogenannten Kultklubs ist es wohl, dass ein solcher Verein berührt, emotionalisiert.
12.12.2017, 00:00
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Kultklub am Scheideweg
Von Tobias Dohr

Kultklub! Das hört sich irgendwie genial an. Aber was bedeutet es eigentlich? Das entscheidende Kriterium eines sogenannten Kultklubs ist es wohl, dass ein solcher Verein berührt, emotionalisiert. Positiv oder negativ. Man kann sich einem Kultklub irgendwie nicht entziehen. Die meisten lieben ihn, einige hassen ihn. Aber keinem ist er irgendwie so wirklich egal.

Genau so ist es auch mit dem SV Blau-Weiß Bornreihe. Die „Moorteufel“ haben unter den hiesigen Fußballfans allerdings deutlich mehr Anhänger als Kritiker. Denn der Klub lebte sein Image in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten bis in die letzte Faser. Eine lange Straße, fünf Bauernhöfe – ein Fußballverein. So werden die Blau-Weißen seit jeher gesehen. Ein sympathisches, gallisches Dorf, das sich gegen die Großkopferten in Niedersachsen immer wieder und wieder behauptet hat. Wie machen die das bloß, fragte sich die Konkurrenz nach so manch verlorener Schlacht auf dem Platz bei Postels. Dem Kultplatz. Und der Bornreiher Anhang zog mit der Mannschaft unterdessen ins Vereinsheim und feierte dort mal wieder eine rauschende Siegesfeier. Einfach kultig.

Vielleicht muss man all das verstehen, wenn man die vergangenen 18 Monate beim SV Blau-Weiß Bornreihe aufarbeiten will. Wenn man verstehen will, was da schief gelaufen ist mit Andre Lütjen und Bernd Böschen. Ausgerechnet diese beiden. Der langjährige Kapitän und der begnadete Flügelflitzer. Ein Duo, das vielleicht sogar blaues Blut in seinen Adern hat. Bornreiher Blut.

Der Geist der Vergangenheit

Kurz bevor Lütjen und Böschen ihre Aufgabe übernahmen, schien sich der ganze Verein regelrecht nach diesen Zwei zu verzehren. Michael Rickers hatte zwar die Landesliga-Meisterschaft geholt und völlig überraschend den Oberliga-Aufstieg geschafft, aber der Geist der glückseligen Vergangenheit umschwebte eben Lütjen und Böschen. Dieses Bornreiher „Mia san mia“ konnte Rickers nicht bieten. Er stand schließlich jahrelang auf der anderen Seite, beim großen Rivalen VSK Osterholz-Scharmbeck.

Lütjen und Böschen hingegen wussten ja, worum es geht. Und wie es geht. Dachten sie zumindest in Bornreihe. Dachten vielleicht auch Böschen und Lütjen selbst. Manchmal schien es zu Beginn ihrer Amtszeit fast schon so, als ob die Vergangenheit als große Bornreiher Spielerpersönlichkeit gleichzeitig auch eine Befähigung wäre für ein Dasein als große Bornreiher Trainerpersönlichkeit. Die Sehnsucht nach einer neuen Ära – wie sie Lütjen und Böschen ohne Frage als Spieler entscheidend geprägt hatten – war groß bei den „Moorteufeln“. Entsprechend tief war der Fall.

Andre Lütjen kam vom TSV Gnarrenburg zurück ins Teufelsmoor. Das Ziel, die Gnarrenburger aus der Kreis- in die Bezirksliga zu führen, hat er nicht erreicht. Bernd Böschen war in seinen zwei Jahren beim Bezirksligisten FC Worpswede mehr als Mangelverwalter, denn als Gestalter tätig, schloss seine beiden Spielzeiten auf Platz 13 und fünf ab. In Bornreihe waren sie plötzlich Oberliga-Trainer – und standen vor einer praktisch unlösbaren Aufgabe.

Doch nur ein Missverständnis?

Deshalb ist vor allen Dingen das letzte halbe Jahr zu bewerten, wenn man nun Bilanz zieht. Und die fällt – nüchtern betrachtet – geradezu verheerend aus. Der Abstiegskampf ist dabei noch das kleinste Problem. Das eigentliche Dilemma ist, dass ausgerechnet Lütjen und Böschen, die beiden Ur-Bornreiher, keine Euphorie auf dem Feld entfachen konnten. Egal, wie die Stimmung außerhalb des Platzes ist, ob das Team auch bei negativen Ergebnissen prima feiern konnte oder nicht: Am Ende ist der SV Blau-Weiß ein Fußballklub und kein Feierklub. Und Böschen und Lütjen waren Fußballtrainer. Doch auf Fußball schien am Ende kaum noch jemand Lust gehabt zu haben im Team. Die Trainingsbeteiligung war desaströs. Und die Trainingsbeteiligung ist der wohl wichtigste Gradmesser für jeden Trainer. Ganz besonders in schlechten Zeiten.

War es also die Kaderzusammenstellung? Oder das so unglücklich verlaufene erste Jahr? Oder die zu hohe Erwartungshaltung im Umfeld? Ganz sicher war es nicht einfach nur Pech. Fakt ist: Andre Lütjen und Bernd Böschen sind dabei gescheitert, ihr altes Bornreihe in eine neue Ära zu führen. Vielleicht waren sie zu inkonsequent im Umgang mit Problemfällen, vielleicht hätte der Schnitt im Sommer noch viel radikaler sein müssen. Am Ende bleibt nun jedenfalls irgendwie das Gefühl eines großen Missverständnisses hängen.

Zur Erinnerung: Auch unter Michael Rickers hatte es enorme Spannungen innerhalb der Mannschaft gegeben, nicht umsonst nahm der damalige Co-Trainer Max Klimmek mitten in der Saison seinen Hut. Lütjen und Böschen hatten nun jedoch eineinhalb Jahre Zeit, die Struktur des Kaders so zu ändern, dass das Team den eingeschlagenen Weg mitgeht, dass es „ihr“ Team wird. Das ist ihnen nicht gelungen. Und das muss sich das Trainerduo ankreiden lassen. Doch man sollte nicht den Fehler machen und Lütjen und Böschen als die einzigen großen Verlierer sehen. Denn: was ist eigentlich mit der Mannschaft?

Sich nach einem Abstieg derart hängen zu lassen, wie es das Team seit Wochen tut – was sagt das aus über den Charakter eines Teams? Egal, wie das Verhältnis Trainer/Mannschaft ist: Nach einer Saison, wie sie hinter den „Moorteufeln“ liegt, sollte doch jeder Sportler darauf brennen, wieder einen anderen Eindruck zu erwecken. Oder eben dem Vereinsvorstand klar signalisieren, dass es in der bestehenden Konstellation nicht funktioniert. Oliver Kahn hat für so etwas mal einen Begriff geprägt: „Eier haben“.

Die Bornreiher wirkten aber von Anfang an beinahe so, als wären sie in diesem Jahr nur angetreten, um irgendwas zwischen Platz sechs und neun zu erreichen. Bloß nicht am Ende noch mal Gefahr laufen aufzusteigen. Doch so kann man nicht herangehen an eine Saison. Bei keinem Klub der Welt – und schon gar nicht in Bornreihe.

Die Spieler haben – im Gegensatz zu Böschen und Lütjen – im Frühjahr eine weitere Chance, den negativen Eindruck der vergangenen Monate vergessen zu machen. Sie sind weiter ein Teil des Kultklubs. Und dieser Klub muss nun höllisch aufpassen, nicht seine Seele zu verlieren. Lütjen und Böschen waren mit dem Ziel angetreten, die großen Talente des Landkreises in Bornreihe zu vereinen und eine junge, entwicklungsfähige Mannschaft mit langfristiger Perspektive aufzubauen. Davon ist (fast) nichts zu erkennen.

Wo sind die Talente?

Stattdessen sind ein paar große Landkreistalente bei der TuSG Ritterhude und dem FC Hagen/Uthlede deutlich besser durchgestartet als in Bornreihe. Und dort droht nun tatsächlich die Bezirksliga. Zum ersten Mal nach einer gefühlten Ewigkeit. Das will verständlicherweise niemand in Bornreihe.

Wenn der neue Trainer Sasa Pinter nun tatsächlich mehrere Spieler vom Bremer SV mitbringt, dann sollte man als erstes festhalten: Das müssen mitnichten von Haus aus Legionäre sein. Es wäre unfair und unseriös, so etwas von vornherein zu behaupten. Doch mit einem Artur Degtjarenko haben die Blau-Weißen eben auch schon Erfahrungswerte gesammelt. Der Mittelfeldmotor und Leistungsträger der Oberliga-Spielzeit hatte im Frühjahr sein Wort gebrochen und seine lange erfolgte Zusage kurzfristig zurückgezogen – um zum Bremer SV zu wechseln.

Die Angst vor den Söldnern

Natürlich hat jeder eine zweite Chance verdient. Auch ein Artur Degtjarenko. Dennoch beschleicht jeden Bornreihe-Fan ein ungutes Gefühl bei dem Gedanken an solche Spieler. Zu Recht. Denn genau dieses Verhalten ist eines Kultklubs unwürdig. Das Wort zählt. So ist es doch eigentlich immer gewesen im gallischen Dorf. Was, wenn jetzt wirklich vier oder fünf BSV-Spieler kommen? Was, wenn dadurch die wenigen jungen vorhandenen Talente im Bornreiher Kader hinten runterfallen. Was, wenn dann zur übernächsten Saison die Degtjarenkos wieder ihre Zusage kurzfristig zurückziehen? Solche Gedanken lassen sich angesichts dieser brisanten Konstellation und den Erfahrungen aus der Vergangenheit fast gar nicht ausblenden. Und sie müssen sehr sorgfältig zu Ende gedacht werden.

In dieser vertrackten Gemengelage könnte der entscheidende Faktor am Ende der neue Trainer sein. Sasa Pinter. Er hat – außer beim BSV – bislang immer viele Jahre bei einem Klub verbracht. Sein Team hat ihm den maximalen Rückhalt erwiesen mit dem viel diskutierten Trainingsboykott. Pinter sagt selbst: „Bornreihe arbeitet Fußball, das passt sehr gut zu mir, ich sehe mich auch als Fußball-Arbeiter.“ Pinter trägt zudem keine Bürde einer glorreichen Bornreiher Vergangenheit und hat in anderen Klubs schon einiges erreicht.

Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Es ist jammerschade, ja geradezu bedauernswert, dass zwei so großartige Fußballer wie Andre Lütjen und Bernd Böschen nun eine so unschöne Episode ihres Herzensvereins so negativ mitgeprägt haben.Vielleicht war ihre Mission aufgrund eben jener Vergangenheit zum Scheitern verurteilt, weil die Hoffnungen und Ansprüche einfach viel zu hoch gegriffen waren. Doch spätestens jetzt muss sich der Verein neu erfinden. Irgendwie. Viel Zeit hat der SV Blau-Weiß Bornreihe nicht mehr. Denn irgendwann bröckelt auch ein Kultstatus langsam dahin.

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