Interview mit Jürgen Bultmann

Laufen als Non plus Ultra

Jürgen Bultmann (57) nimmt seit 18 Jahren an vielen Marathons und Ultra-Läufen teil. Im Interview spricht er über seine körperliche Verfassung, Ernährungspläne und seine liebste Distanz.
23.02.2019, 20:14
Lesedauer: 6 Min
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Laufen als Non plus Ultra
Von Gesa Below
Laufen als Non plus Ultra

Jürgen Bultmann wurde 1961 in Hoya im Kreis Nienburg geboren und wuchs in Asendorf im Kreis Diepholz auf.

Vasil Dinev

Herr Bultmann, würden Sie von Bremen nach Rotterdam laufen? Das sind ungefähr 320 Kilometer.

Jürgen Bultmann: Sicherlich! Allerdings nicht in einem Stück, lieber in sechs Etappen von 50 Kilometern.

Das klingt in Hinblick auf Ihre sonstigen Laufstrecken geradezu entspannt. Sie sind so eine große Distanz aber schon am Stück gelaufen?

Ja, beim WIBOLT-non-stop-Ultra-Lauf zwischen Wiesbaden und Bonn vor fünf Jahren. Das waren 320 Kilometer, dafür habe ich 83:33 Stunden gebraucht – mit sechs Stunden Schlaf dazwischen.

Sie nehmen an sogenannten Ultras teil – also Strecken, die über die Distanz von 42,195 Kilometer hinausgehen; sie laufen aber auch Marathons und machen bei kürzeren Volksläufen mit. Seit wann sind Sie Extremsportler?

Das begann im Jahr 2001. Ich habe damals 110 Kilo gewogen, war kurzatmig und fühlte mich insgesamt ziemlich schlecht. Mein Hausarzt hat mir gesagt, wenn ich meinen Lebenswandel so fortführen würde, hätte ich keine hohe Lebenserwartung mehr, und das war ein heilsamer Schock für mich. Daraufhin hab ich mein ganzes Leben umgekrempelt. Hört sich jetzt so simpel an, war aber in den ersten Wochen nicht so einfach. Ich hab von einem Tag auf den anderen keinen Alkohol mehr getrunken und mit Walken angefangen – zum Laufen war ich noch zu schwer.

Da waren Sie 39 Jahre alt. Warum waren Sie körperlich in so einer schlechten Verfassung?

Ich war bis dahin das, was man einen Lebemann nennt – hab jede Menge getrunken, viel gegessen, alles mitgenommen sozusagen. Sport hab ich wenig gemacht, ein bisschen Tischtennis, aber das mehr so pillepalle, es ging mir da mehr um das gesellige Beisammensein nach dem Training. Mit 25 sah ich noch so aus wie jetzt, vielleicht noch ein bisschen schlanker – ich hab mich in den Jahren dazwischen einfach gehen lassen, viel getrunken, viel Süßes, war beruflich als Bankkaufmann auch sehr eingespannt – da kam einiges zusammen.

Was wiegen Sie jetzt?

Zwischen 70 und 72 Kilo bei einer Größe von einsneunzig. Ich habe damals innerhalb eines halben Jahres ein Drittel meines Gewichts abgenommen, das war extrem. Ich sah in der Zeit ziemlich ausgemergelt aus. Die Leute fragten mich schon, ob ich zuhause nicht genügend zu essen bekomme. Und weil ich auch von heute auf morgen keinen Alkohol mehr getrunken habe, kamen auch so die Sticheleien wie „kannst doch ruhig mal einen mittrinken“. Ich bin aber konsequent geblieben. Seit 18 Jahren trinke ich keinen Alkohol mehr. Süßes nehme ich jetzt ein bisschen mehr zu mir - irgendein Laster muss der Mensch ja haben.

Zwischen 110 Kilo Körpergewicht und dem ersten Marathon mit einem Gewicht von 70 Kilo liegen Welten. Wie sah Ihr Training aus?

Nach dem ersten Monat Walken wurde meine Ausdauer besser, und dann habe ich mit Laufen angefangen – erst ganz langsames Tempo, so sieben Minuten pro Kilometer, dann wurde das Tempo schneller, ein Kilometer in fünf Minuten. Ich hab gemerkt: Geht doch! Und die Pfunde purzelten nur so. Dann hat mich eine Bekannte überredet, an einem 20 Kilometer-Volkslauf teilzunehmen. Eigentlich wollte ich gar nicht, ich dachte, dass Wettkampf nicht so mein Ding ist. Aber ich bin auf Anhieb Fünfter geworden, und dann hatte ich, wie man sagt, Blut geleckt. Meinen ersten Marathon bin ich 2003 in Hamburg gelaufen in 3:20 Stunden. Das wäre auch noch schneller gegangen, aber der erste Marathon ist eine heikle Sache. Man hat ja noch keine Erfahrungen und weiß nicht, ob man einbricht…

Haben Sie einen Ernährungsplan?

Nicht wirklich. Ich habe damals ein paar schlaue Bücher über Ernährung gekauft und wenig Kohlenhydrate und viel Suppen gegessen… Seit 2003 bin ich Vegetarier, der Schritt dahin war eigentlich auch konsequent. Viele Menschen, die irgendwann zum Laufen gekommen sind, stellen ihre Ernährung auf vegetarische Kost um.

Warum?

Das gehört zu einer gesunden Lebensweise einfach dazu. Ich hab es erst nur aus ernährungstechnischer Sicht gemacht; jetzt möchte ich es auch Gründen des Tierschutzes nicht mehr umstellen. Ich hab‘s auch mal mit vegan probiert für vier Wochen, aber das ist mir zu aufwendig, und ich müsste auch auf meinen geliebten Kuchen verzichten.

Sind Sie ein Suchttyp? Laufen kann ja auch eine Sucht sein.

Ich neige immer zu den Extremen, ja. Sucht klingt aber so negativ, vielleicht könnte man eher Laufen aus Leidenschaft sagen? Aber ein gewisses Suchtpotential hat das Laufen schon. Das merke ich schon daran, dass ich hibbelig werde, wenn ich ein paar Tage nicht gelaufen bin.

Gibt es längere Pausen bei Ihnen überhaupt?

Bisher konnte ich ein einziges Mal – toi toi toi - wegen einer Kapselverletzung drei Wochen gar nicht trainieren. Da bin ich Rad gefahren, also bewegt hab ich mich trotzdem. Aber Radfahren ist nicht Laufen. Laufen ist für mich Lebenselixier, ist für mich Alles, ist Meditation, gehört zum Tag dazu.

Was sagt Ihr Hausarzt zu Ihrer sportlichen Entwicklung?

Der ist mittlerweile im Ruhestand, aber er hat das verfolgt und sich gefreut darüber. Der neue Arzt ist selber Läufer – nicht Marathon, aber immerhin: er kann nachvollziehen, was das Laufen für mich bedeutet.

Sie arbeiten in Bremen und müssen früh los. Wann trainieren Sie?

Abends. Ich stehe gegen 5.15 Uhr auf und bin gegen 19 Uhr wieder zuhause. Dann geht’s raus aus den Klamotten, rein in die Laufschuhe und los. Am besten gleich. Wenn man erstmal zur Ruhe gekommen ist, fällt es schwerer. Aber ich muss mich eigentlich selten überwinden. Das gehört für mich dazu, da kann ich auch allen Alltagsfrust abstreifen. Beim Laufen hab ich auch die besten Ideen.

Wie viele Ultras und Marathons sind Sie bisher gelaufen?

Weil ich darüber Buch führe, weiß ich das genau: es sind 131 Läufe, 77 Marathons und 54 Ultras. Die längste Strecke waren die 320 Kilometer am Rheinsteig im Jahr 2014; mein bislang anstrengendster und wichtigster Lauf war aber 2011 der Spartathlon, der geht über 245 Kilometer von Athen nach Sparta und man muss ihn in 36 Stunden schaffen. Alle fünf Kilometer ist eine Verpflegungs- und Zeitmessstation, die man in einer bestimmten Zeit erreichen muss, sonst fliegt man raus. Da hat man also immerzu die Zeit im Nacken. Außerdem war es zwischen 35 und 40 Grad Celsius heiß. Deshalb war das mein härtester Lauf. Der gilt als die inoffizielle Weltmeisterschaft der Ultra-Läufe.

Was ist denn Ihre liebste Distanz?

50 Kilometer. Die kann man sich noch gut einteilen, die kann man auch noch in einem schnelleren Tempo laufen, alles was darüber hinausgeht, sind Distanzen, die man sich einteilen muss, damit man sie nicht zu schnell angeht – das wird nämlich bitterböse bestraft, weil irgendwann die Energie verpufft sind. Der längste Ultra-Lauf (das Self-Transcendence Race über 4989 Kilometer, Anm. der Red.) findet in den USA in New York als Straßenlauf statt; man muss die Strecke in 51 Tagen schaffen – das ist nichts für mich, das ist jenseits des Erträglichen. Man will ja auch noch ein bisschen Spaß haben.

Und bei 320 Kilometern hatten Sie noch Spaß?

Nein. Spaß hatte ich dann irgendwann auch nicht mehr, weil ich nach einer gewissen Zeit Magenprobleme bekomme. Ich weiß, dass die kommen, deshalb kann ich mich ernährungstechnisch darauf einstellen. Selbst das Trinken fällt mir dann schwer, deshalb muss ich das Tempo dann zurücknehmen – sonst könnte ich vielleicht noch schneller laufen. Aber bei diesen langen Strecken kommt es mir auch nicht aufs Tempo an, ich will die einfach nur schaffen.

Wie oft trainieren Sie?

Im Winter mache ich an einem Tag Pause, das ist meistens der Montag, weil am Sonnabend und Sonntag oft Wettkämpfe sind. Im Sommer laufe ich eigentlich täglich. Letztes Jahr hab ich an 28 Wettkämpfen teilgenommen. Insgesamt waren es sechs Ultras, vierzehn Marathons und acht Volksläufe. Ich mach auch mal kleinere Distanzen mit, über fünf und zehn Kilometer, damit ich mir die Spritzigkeit erhalte. Wenn man immer nur die langen Läufe macht, wird man irgendwann langsamer. Ich hab für mich den Anspruch, wenn ich einen Lauf mache, dann gebe ich auch alles. Ich bin nicht der Typ, der so dahinschlurfen kann.

Welches war denn Ihr schnellster Marathon?

In Frankfurt im Jahr 2007, da bin ich 2:54:42 gelaufen. Da hat aber auch wirklich alles gepasst, da darfst du nicht mit dem falschen Fuß aufgestanden sein.

Gibt es in Ihrer Planung einen besonders interessanten Lauf?

In diesem Jahr freue mich schon sehr auf den Berliner Mauerweg-Lauf. Der führt über 161 Kilometer auf dem ehemaligen Grenzstreifen um das westliche Berlin, und man muss die Strecke in 30 Stunden bewältigen. Und für 2021 habe ich mich beim Deutschlandlauf angemeldet - 1200 Kilometer in 21 Tagen; von Flensburg bis Lörrach.

Gibt es denn bei so einem Terminkalender überhaupt noch Zeit für die Familie?

Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu viel mache, sonst steigt mir meine Frau aufs Dach – was sie in der Vergangenheit auch schon des Öfteren mal getan hat. Ist aber auch ganz gut so, sonst wäre ich wahrscheinlich noch mehr gelaufen. Wir gehen manchmal im Harz wandern, das mögen wir beide.

Das Gespräch führte Gesa Below.

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Info

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Zur Person

Jürgen Bultmann (57) nimmt seit 18 Jahren an vielen Marathons und Ultra-Läufen teil, er läuft also Strecken über die Marathon-Distanz von 42 Kilometern hinaus. Bultmann wurde 1961 in Hoya im Kreis Nienburg geboren und wuchs in Asendorf im Kreis Diepholz auf, ist gelernter Sparkassenkaufmann und staatlich geprüfter Betriebswirt und arbeitet in Bremen. Seit 1997 ist er verheiratet und hat eine Tochter.

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