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Nach Parkrun-Verbot: Betreiber im Interview
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Warum nicht alles im Bremer Bürgerpark erlaubt ist

Nina Willborn und Mathias Sonnenberg 22.03.2019 3 Kommentare

Ein Jogger dreht im Bürgerpark seine Runden. Problematisch wird es nur, wenn Sport-Großveranstaltungen überhandnehmen und andere Besucher sich gestört fühlen.
Ein Jogger dreht im Bürgerpark seine Runden. Problematisch wird es nur, wenn Sport-Großveranstaltungen überhandnehmen und andere Besucher sich gestört fühlen. (Frank Thomas Koch)

Als was verstehen Sie den Bürgerpark? Dem Namen nach als Park für die Bürger?

Joachim Linnemann: Der Bürgerpark ist vor 153 Jahren angelegt worden, durch private Initiative. Er ist also kein staatlicher Park. Das Geld, das damals erforderlich war, haben Bürger gespendet, für die Bürger dieser Stadt. Seitdem wird der Park auch nur durch ihre Spenden und Zuwendungen unterhalten. Das Ganze wird organisiert durch den Bürgerparkverein, der dieses Geld einsammelt und der die Verantwortung für den Park übernommen hat. Wir sind ein privater Park und müssen uns aus privaten Zuwendungen finanzieren. Der Bürgermeister sagt immer, dass der Bürgerpark die älteste und erfolgreichste Bürgerinitiative der Stadt ist.

Ist es für Sie ein positives Zeichen, dass die Bremer den Bürgerpark als ihren Park betrachten?

Linnemann: Natürlich. Es gibt diesen Leitspruch, helfen Sie mir, Herr Großmann ...

Tim Großmann: ,Für Herr und Gesind‘, Mann, Weib und Kind. Zu Nutz‘ und Freud‘ auf alle Zeit‘...

Linnemann: Genau. Das ist der Urspruch unserer Vor-Vor-Vorgänger. Er steht auf einer Bank im Park. Und er beschreibt den Sinn der ganzen Sache. Wir brauchen jedes Jahr 2,5 Millionen Euro, um alles so aufrechtzuerhalten. Und es ist nicht immer einfach, dieses Geld zusammenzubekommen.

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Der Bürgerparkverein behält sich aber auch vor, Gebrauch von seinem Hausrecht zu machen, richtig?

Großmann: Wir haben den Park als Leihgabe bekommen und wollen ihn in dem Zustand, in dem wir ihn übernommen haben oder vielleicht noch besser an die nächste Generation übergeben. Aber es gibt auch, das wollen wir nicht verhehlen, mal unschöne Situationen. Und wenn man dann formaljuristisch bis auf den letzten Punkt geht, ist der Bürgerparkverein Eigentümer. Und aus dieser formaljuristischen Situation leiten wir das Hausrecht ab.

Linnemann: Wenn ein Baum auf einen Menschen oder auf ein Auto fällt, haften wir und nicht einer der Tausenden Spender. Die Aufgabe des Vereins ist es, den Bürgerpark zu unterhalten und ihn für alle Menschen attraktiv zu machen. Diese Aufgabe nehmen wir wahr, mit ganz vielen Veranstaltungen, aber auch mit Dingen wie dem Tiergehege, der Reaktivierung der ,Marie‘ (Schiff, d. Red.). Oder nehmen Sie die Finnbahn, die Spielplätze. Es sind viele Dinge, die wir in den letzten Jahren organisiert haben.

Wir müssen noch mal über den von Ihnen abgelehnten Parkrun von Bastian Fraune sprechen. Das wäre sonnabendmorgens ein Lauf über fünf Kilometer gewesen, Dauer geschätzt 35 bis 40 Minuten. Warum lassen Sie ihn nicht erst mal machen?

Großmann: Meine Erfahrung, die auch schon mein Vorgänger Werner Damke gemacht hat, ist, dass es ungemein schwierig ist, im Nachhinein zurückzurudern oder etwas zu verändern. Wir haben seit dem vergangenen Jahr die ,Explore Science‘ im Park, bei der wir auch noch nicht wissen, ob sie dauerhaft bei uns stattfinden kann. Bei Herrn Fraunes Veranstaltung klang mir das alles ein bisschen sehr locker. Nach der Love-Parade-Katastrophe von Duisburg sieht man zum Beispiel die Haftungsfrage sehr viel enger. Als Eigentümer sind wir beteiligt, wenn etwas passiert. Also: Wie ist es bei so einer Laufveranstaltung, wenn es glatt ist und jemand stürzt? Sind die Teilnehmer versichert? Da habe ich zur Antwort bekommen: Na ja, die Leute kommen ja freiwillig und müssen selbst aufpassen. Nein, das ist nicht so.

Seit 2004 ist Joachim Linnemann Präsident des Bürgerparkvereins.
Seit 2004 ist Joachim Linnemann Präsident des Bürgerparkvereins. (Frank Thomas Koch)

Welche Kriterien muss ich denn als Veranstalter einer Sportveranstaltung erfüllen?

Großmann: Wir sind zurückhaltender geworden, weil Veranstaltungen für uns als Parkverwaltung immer auch Arbeit bedeuten. Wir müssen am Wochenende die Schranken aufschließen, es muss immer jemand da sein, der guckt, wie die Veranstaltung durchgeführt wird, dann muss jemand die Nachkontrolle machen, abends die Schranken wieder abschließen ... Da suchen wir mit dem Veranstalter das Gespräch. Hat er so etwas schon mal gemacht? Wie sieht es aus mit dem Müll? Wer macht Erste Hilfe? Alles Fragen, die uns beschäftigen.

Linnemann: Wir haben ein begrenztes Budget. Wenn wir nicht 2,5 Millionen Euro einsammeln würden, sondern drei, könnten wir mehr Mitarbeiter einstellen. Aber wir sind irgendwo gedeckelt. Ich muss als Veranstalter also nur genügend vorbereitet sein?

Großmann: Genau. Und wir sind ein Gartendenkmal. Eine Veranstaltung muss auch zu uns passen. Auch mit Herrn Bertschy (u.a. Marathon-Veranstalter, d. Red.) rede ich, wenn seine Siegerehrungen am Sonntagmorgen so laut sind, dass ich sie noch am Bahnhof höre. Aber man sieht an den Veranstaltungen, die wir haben, auch bei den Läufen, dass es geht. Wir werden aber auch von andere Parkgästen dafür kritisiert. Wir müssen bei geschätzt zwei bis zweieinhalb Millionen Besuchern pro Jahr ein Gleichgewicht finden. Deshalb habe ich Herrn Fraune gesagt, dass ich seine Veranstaltung im Moment nicht bei uns sehe.

Dieser Schnappschuss entstand im Juli 1977. Auch damals war das Füttern der Tiere im Wildgehege des Bremer Bürgerparks allerdings schon verboten. Exotische Tiere haben eine lange Tradition im Bürgerpark - gegründet wurde er aber schon weit vorher...
... Die Geschichte des Bürgerparks begann nämlich circa im Jahr 1865. Wie der Name schon vermuten lässt, entstand der Bürgerpark durch das Engagement der Bürger und war keinesfalls nur für die oberen Schichten gedacht. Hier ein Foto von den Anfängen.
1951: Die Meierei im Bürgerpark. Die Meierei trägt ihren Anteil zum Wohle des Bürgerparks bei. Egal ob auf einen Kaffee oder Kuchen: Von den Erlösen fließt immer ein Teil an den Bremer Bürgerparkverein. Seit 1953 gibt es zudem die Bürgerpark-Tombola. Zahlreiche Prominente haben schon Tombola-Lose verkauft.  Von den Erlösen profitieren auch andere Parks in Bremen.
1959: Die beiden Kängurus waren ein Geschenk des Norddeutschen Lloyd an den Bürgerparkverein.
Fotostrecke: Bürgerpark: Die grüne Lunge Bremens

Bedeutet ,im Moment‘, dass es keine endgültige Absage für den Parkrun ist und Herr Fraune mit einem veränderten Konzept noch eine Chance hätte?

Linnemann: Grundsätzlich würden wir das dann noch mal prüfen, ja. Wenn jemand ein gutes Konzept hat, und alles passt, sind wir auch offen.

Wäre es grundsätzlich nicht einfacher, die Regeln und Voraussetzungen für Veranstaltungen transparent zu machen?

Großmann: Das liegt im persönlichen Ermessen. Es gibt keine klare Checkliste, die man sich auf der Webseite herunterladen könnte. Das hat auch mit persönlichem Gespür und Erfahrungen zu tun. Da kann man ohne Frage auch mal falsch liegen, dass man Leute über- oder unterschätzt. Ein Beispiel meines Vorgängers: Zu einem Laternenumzug kamen plötzlich 200 bis 300 Teilnehmer, der halbe Park war mit Autos zugeparkt, es wurden Hunderte Teelichter entlang der Strecke aufgestellt, Fackeln verteilt und so weiter ...

Wir gestatten das Laternelaufen immer, keine Frage. Aber ich möchte gerne wissen, wer sich in welchem Bereich im Park bewegt. Einfach eine kurze Mail schreiben mit den wichtigsten Informationen. Wir antworten dann in der Regel, dass alles okay ist.

Wurde 2012 Direktor des Bürgerparks: Tim Großmann.
Wurde 2012 Direktor des Bürgerparks: Tim Großmann. (Christina Kuhaupt)

Und was wäre, wenn ich mich mit 20, 30 Leuten aus meinem Freundeskreis jeden Sonntagmorgen im Park zum Laufen treffen würde? Würden wir dann kontrolliert?

Großmann: Nein. Wenn wir sehen, dass das so eine große Gruppe ist und Sie sich regelmäßig treffen, würden wir Sie mit Sicherheit mal ansprechen. Es geht auch darum, ob das eine professionelle Veranstaltung ist, mit der jemand gerade Geld verdient oder eine private Gruppe.

Wenn es irgendwann 100 Leute sind und man sieht, dass Sie andere Parkbesucher behindern oder es entsteht Müll, muss man vielleicht mal ins Gespräch kommen. Herr Fraune ist keine private Veranstaltung. Er ist der Veranstalter, es gibt ein Konzept dahinter und er lädt ja auch über die Medien dazu ein. An privaten Gruppen haben wir mehrere, die wir auch kennen.

Aber das bedeutet schon, dass Sie oder Ihre Mitarbeiter sozusagen Streife laufen?

Großmann: Wir haben unser Netzwerk. Und da kommt auch zum Tragen, dass es der Park der Bremer Bürger ist. Da klingelt bei mir in der Verwaltung ganz schnell das Telefon. Ein Beispiel, wo ich jetzt einen Anruf bekommen habe: Ein Herr übt mittwochs am späten Nachmittag immer am Meiereisee Tai Chi, ganz in Ruhe, manchmal auch mit seiner Frau. Auf der anderen Seite vom See ist wohl immer jemand, der zur gleichen Zeit Power-Fitness macht, mit Musikanlage.

Unser Tai-Chi-Meister geht jedes Mal rüber und bittet ihn darum, die Musik leiser zu machen. Das will der aber nicht. Also werden wir an einem der nächsten Mittwochabende mal mit dem Herrn reden. Wir sind nicht überall, aber wenn was aus dem Ruder läuft, kommt das früher oder später zu uns.

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Stellen Sie insgesamt fest, dass die Toleranzschwelle der Leute gesunken ist?

Großmann: Wie auch in der gesamten Gesellschaft, da sind wir ein Abbild. Dieser Hang zum Individualismus, um es mal höflich auszudrücken, findet sich bei uns genauso.

Jetzt sind Sie vom Naturell her auch eher forsch, Herr Großmann ...

Großmann: Definitiv, das ist auch Absicht, zumindest, wenn ich im Park unterwegs bin. Was ich mir manchmal anhören muss, also, da ist ,Idiot‘ noch die netteste Variante. Natürlich macht es keinen Spaß, wenn meine Mitarbeiter und ich etwa auf dem Spielplatz darauf hinweisen müssen, dass der Hund da nicht frei herumlaufen darf. Aber das fällt dann auch unter den Begriff Verantwortung übernehmen, auch für die anderen Parkbesucher.

Sind Sie, Herr Linnemann, über alle Vorgänge im Park informiert?

Linnemann: Der Bürgerpark hat ja fünf Vorstände, einer davon bin ich als Vorsitzender. Natürlich tauschen Herr Großmann und ich uns regelmäßig aus. Wir sehen uns ein Mal pro Woche, telefonieren häufig. Bei allen Dingen, die besonders gut oder besonders problematisch sind, bin ich involviert. Ich muss sagen, dass der Vorstand insgesamt sehr froh ist, dass wir mit Herrn Großmann als Parkdirektor jemanden haben, der den Park so lebt und ihn auch so verteidigt, wie es sich die Gründerväter vorgestellt haben.

Apropos verteidigen, es gibt seit Jahren auch den Streit um das Radfahren im Bürgerpark. Denken Sie über ein grundsätzliches Verbot nach?

Linnemann: Wir überlegen seit einigen Jahren, wie wir ein Konzept schaffen können, mit dem wir diesen Konflikt, der einfach da ist, lösen können. Überall in der Stadt gibt es aggressive Fahrradfahrer, auch im Bürgerpark. Wir wollen auf der anderen Seite aber auch kein grundsätzliches Verbot. Auch, weil der Bürgerpark eine Verbindung ist zwischen Schwachhausen, Findorff und in Richtung Universität. Die nutzen ja wirklich viele Leute. Wir haben auch grundsätzlich nichts gegen Fahrradfahrer. Wir müssen sie nur in bestimmten Bereichen eindämmen.

Großmann: Wir sind in Gesprächen mit der Polizei, dem Umweltsenator, den Ortsämtern und dem ADFC. Wir versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden. Es ist ein Dauerthema, und es wird ein Dauerthema bleiben.

Das Gespräch führten Nina Willborn und Mathias Sonnenberg.

Zur Person

Joachim Linnemann arbeitet im Hauptberuf als geschäftsführender Gesellschafter der Justus Grosse Unternehmensgruppe. Seit 2004 ist er Präsident des Bürgerparkvereins.

Tim Großmann wurde 2012 Direktor des Bürgerparks und wohnt dort auch. Der studierte Garten- und Landschaftsarchitekt stammt aus Wanne-Eickel (Nordrhein-Westfalen)


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...