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Interview vor dem SWB-Marathon
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Oliver Sebrantke und der tote Punkt der Marathonläufer

Marlo Mintel und Jan-Felix Jasch 28.09.2016 0 Kommentare

Möchte am Sonntag wieder das Interesse auf sich ziehen: Vorjahressieger Oliver Sebrantke.
Möchte am Sonntag wieder das Interesse auf sich ziehen: Vorjahressieger Oliver Sebrantke. (Frank Thomas Koch)

Herr Sebrantke, in der Marathonszene sprechen Läufer vom sogenannten toten Punkt. Wie fühlt sich dieser Punkt eigentlich an?

Oliver Sebrantke: Puh, der tote Punkt ... Jeder kennt ihn vom inneren Schweinehund. Wenn man auf dem Sofa sitzt und denkt, man müsste jetzt eigentlich trainieren gehen oder ein bisschen Sport täte einem jetzt gut. Na ja, man macht es einfach nicht. Diese Überwindung stellt für mich den toten Punkt dar. Die Überwindung, es dann doch zu machen.

Wie bekommen Sie das während des Wettkampfs hin?

Das ist auf jeden Fall eine Kopfsache, die potenziert sich dann natürlich. Alles Mögliche kommt hinzu. Wenn ich diese Phase habe, dann ist dieses Gefühl da, das einem sagt: Ich möchte nicht mehr. Dann merke ich plötzlich, meine Beine tun mir weh, und meine Hände tun mir eigentlich auch weh, und alles tut irgendwie weh. Und das Frühstück heute Morgen war auch nicht schön. Dann denkt man sich immer mehr Sachen hinzu, und dadurch wird es immer schwieriger, diesen toten Punkt zu überwinden. Wenn man diese Gedanken weglässt, ist es leichter, den toten Punkt zu überwinden.

Ist der tote Punkt während eines Marathons immer an der gleichen Stelle?

Das ist unterschiedlich, und der fühlt sich auch nicht gleich an. Ein erfahrener Marathonläufer, so wie ich mich bezeichnen würde, kann mit ihm besser umgehen als so manch anderer Läufer. Ich weiß, er wird kommen, und darauf bin ich vorbereitet.

Inwiefern vorbereitet?

Der tote Punkt äußert sich bei mir insofern, als dass ich nur noch anhalten will. Ich will heulen und mich an den Rand setzen. Ich weiß vorher, dass dieses Gefühl irgendwann im Rennen kommen wird. Wenn ich weiß, dass dieser Gedanke kommt und der dann wirklich da ist, dann sag ich: Nein, du wusstest ja, dass er kommt. Da musst du jetzt drüber hinweg, Zähne zusammenbeißen und einfach weitermachen, immer weiterlaufen. 

Ist es möglich, ihn hinauszuzögern?

Das geht, glaube ich, nur durch Training. Man muss möglichst oft den toten Punkt simulieren oder versuchen, ihn herbeizuführen.

Wie oft machen Sie das?

Jede Woche laufe ich sonntags einmal im Training fast eine Marathon-Distanz. Da absolviere ich den sogenannten langen Lauf, der ist zwischen 35 und 40 Kilometer lang. Und je öfter man den toten Punkt simuliert, desto besser kann man damit umgehen.

Haben Sie schon einmal mit einem Mentaltrainer zusammengearbeitet, um sich besser auf diese imaginäre Schwächephase im Rennen einzustellen?

Das macht man nur mit sich selber aus.

Glauben Sie, dass psychologische Hilfe da sinnvoll wäre?

Einige Profisportler machen das. Hab‘ ich auch schon gehört. Aber für mich habe ich das nie in Erwägung gezogen.

Also findet kein Austausch mit den Konkurrenten über den toten Punkt statt?

Nein, weil jeder weiß, dass er kommt. Man darf es sich vielleicht nicht anmerken lassen, wenn man nebeneinander läuft.

Wie kann man sich so was nicht anmerken lassen?

Einfach so weitermachen wie die vorherigen 38 Kilometer auch. Jeder Schritt ist gleich, alles muss gleich sein. Meine Freunde sagen immer, während des Wettkampfs sehe ich beim Laufen aus, als wenn ich kleine Kinder fressen würde, weil ich in keine Kameras lächele und nicht winken würde. Das mache ich vielleicht auf den letzten 50, 60 Metern, aber vorher nicht. Vorher bin ich zu sehr aufs Rennen fokussiert.

Sie bezeichnen sich mittlerweile selbst als erfahrenen Marathonläufer. Als Sie neu in der Szene waren, hat der sich der tote Punkt damals anders angefühlt als jetzt?

Auf jeden Fall. Er war damals intensiver. Es war viel schwieriger, ihn zu überwinden.

Das müssen Sie genauer erklären, bitte.

Ich wollte wirklich aufhören. Vor allem bei meinem ersten Marathon, dem in Hamburg. Das werde ich nie vergessen. Ich habe die Ziellinie schon gesehen, war nur 400 Meter von ihr entfernt. Ich hatte Schmerzen und Krämpfe und musste stehen bleiben. Ich habe versucht, mich ein bisschen zu dehnen. Zum Glück hatte ich eine Mitläuferin, und die mich angefeuert: Komm, da vorne ist das Ziel! Laufen wir eben durch. Ich sagte ihr, dass ich nicht mehr wolle, dass ich jetzt aufhören werde. Angeschrien habe ich sie regelrecht und sie aufgefordert, weiterzulaufen. Ich wollte einfach nicht mehr. Im Endeffekt hat sie mich überredet, dass ich die letzten Meter auch noch gemacht habe.

Waren Sie erleichtert?

Direkt danach gar nicht, weil ich zu große Schmerzen hatte. Natürlich malt man sich vorher Bilder aus. Am Ende meines ersten Marathons werde ich über die Ziellinie tanzen und einen Sekt trinken. Als ich danach über die Ziellinie getrottet bin, wollte ich nur noch sitzen und meine Ruhe haben.

Das ist nun bereits 14 Jahre her. Sie sind ein Routinier. Glauben Sie, dass der tote Punkt bei Ihnen irgendwann verschwindet? 

Ich bin Ausdauersportler. Man sucht diesen toten Punkt. Das ist ja das, was ich haben will. Deswegen mache ich diesen Sport, deshalb wird es für mich auch neue Herausforderungen geben.

Welche Herausforderungen?

Der Ironman 2017 im August in Hamburg, wo ich zwischen neun und zehn Stunden unterwegs sein werde. So habe ich ja auch mit Triathlon angefangen. Im Laufen habe ich alles erlebt. 

Fotostrecke: Sebrantke jubelt im Ziel

Sonntag ist Bremen-Marathon. Gibt es eine spezielle Stelle, an der Sie besondere Probleme haben und Ihr Kopf sich vermehrt einschaltet?

Ja, die gibt es. Man läuft an der Schlachte entlang, da kommen dann die Wesertreppen, wo es immer höllisch laut ist. Das Publikum macht da eine tolle Stimmung, und da gibt es dieses Stück zwischen den Wesertreppen und dem Weserstadion. Das ist für mich das schwierigste Stück. Dann sind bereits 37 oder 38 Kilometer gelaufen. Da sind einige Bodenwellen, die Strecke ist da nicht ganz so einfach. Dann gehen da Spaziergänger entlang, die gar nicht wissen, dass ein Marathon stattfindet. Klar, als Führender hat man Fahrräder vor sich. Es ist in dieser Passage vom Kopf halt sehr schwierig, weil man auch noch einmal weg vom Ziel läuft. Das ist für mich die schwierigste Stelle.

Und auf der Passage weg vom Weserstadion ist Ihre Schwächephase überstanden?

Ja, da sehe ich ja fast schon das Ziel, wenn ich in die Stadt laufe. Dann weiß ich, es sind nur noch drei, vier Kilometer. Auf dem Weg ins Ziel ist nur noch die Tiefer schwierig, weil es da nach unten und wieder nach oben geht. Das ist noch einmal eine harte Sache. Aber dann ist es geschafft.

Ist bei Ihnen der tote Punkt generell bei Kilometer 37 oder 38?

Das kommt darauf an. Wenn es an der Stelle gerade bergauf geht, da gelangt ein Läufer leichter an den toten Punkt, als wenn es bergab gehen würde, wo man sich wohlfühlt, wo man schneller läuft, als man laufen müsste. Das kann man so genau nicht sagen. Beim Marathon sagt man, der Mann mit dem Hammer kommt ab etwa Kilometer 30. Man fühlt sich bei Kilometer 30 noch gut, und bei Kilometer 31 kann es schon vorbei sein. Da denkt man, jetzt geht gar nichts mehr. Da hat man dann mit dem Hammer einen vor den Kopf bekommen.

Und das bleibt dann auch bis zum Ziel so?

Man kann es ja selber beeinflussen, indem man langsamer läuft, kurz stehen bleibt, etwas trinkt. Also, Hobbyläufer würden so etwas machen. Ich würde es nicht machen, ich würde weiterlaufen. Bis zum Anschlag, bis ich tot umfalle. Ob das so richtig ist, muss jeder für sich selbst beantworten.

Zur Person: Oliver Sebrantke hat den Bremen-Marathon bereits fünfmal gewonnen. Seine persönliche Bestzeit über 42,195 Kilometer stellte der 40-Jährige Titelverteidiger aus Stuhr 2012 mit 2:29:20 Stunden auf – in Bremen.

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Leserkommentare
derMeier am 19.10.2019 16:40
Ist ein 50 seitiges Gutachten wirklich notwendig, um das Offensichtliche zu bestätigen? Als wäre das irgendwie ein schwer zu beurteilender Fall? ...
suziwolf am 19.10.2019 16:31
Gerne ... „ischa Freimaak“ ...

mit manchmal auch v-e-r-brannte-n Mandeln.

Auf weitere gute Zusammenarbeit. ...