Serie „Übung & Meister“

„Die Vielzahl an positiven Tests hat mich erschreckt“

Mit einer Weite von 14,52 Meter hat Dreispringerin Neele Eckhardt die Bronzemedaille bei den Hallen-Europameisterschaften in Toru? geholt. Jetzt hofft die Asendorferin auf die Olympischen Spiele in Tokio.
18.04.2021, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Niklas Golitschek
„Die Vielzahl an positiven Tests hat mich erschreckt“

Neele Eckhardt-Noack beim Dreisprung bei der Hallen-EM im März im polnischen Tolun.

Foto: Action Press/Montage: majetic
Frau Eckhardt-Noack, für viele Sportlerinnen sind die Trainingsmöglichkeiten derzeit wegen der Corona-Beschränkungen stark reduziert. Wie halten Sie sich aktuell fit?

Neele Eckhardt-Noack: Ich trainiere wie immer hier in Hannover am Sportleistungszentrum. Das geht auch ganz gut. Das einzige, was ein bisschen problematisch ist, ist die Regelung des Kraftraums. Das ist ein kleines Nadelöhr. Wenn viele Kraft machen müssen, dann verlege ich schon mal eine Einheit. Das schaue ich spontan, wenn mir der Raum zu voll ist. Das habe ich im Winter genauso gemacht. Das schadet, glaube ich, meiner Form nicht extrem. Ansonsten bin ich, was den Standort angeht, gut aufgehoben. Wir haben uns auch gegen ein Trainingslager auf La Palma entschieden, das jetzt angestanden hätte. Das machen wir aufgrund der Infektionsgefahr beim Reisen nicht.

Trotz aller Strapazen ist das Jahr sehr gut los gegangen mit EM-Bronze und dem Titel bei der Deutschen Hallenmeisterschaft. Wie blicken Sie auf die ersten Monate zurück?

Für mich hätte das Jahr nicht besser laufen können. Ganz zufrieden war ich mit der sportlichen Leistung in der Hallensaison bis Torun nicht. Das hat dann meine Vorstellungen übertroffen. Ich merke jetzt, wie viel Druck schon raus ist und wie angenehm es ist, sich auf Tokio vorzubereiten. Ich bin nicht mehr gezwungen, die Normen abzuhaken. Das habe ich mir hart erarbeitet. Es ist aber eine Luxus-Position jetzt.

Sie haben in Torun eine enorme Leistungssteigerung gezeigt. Wann haben Sie gemerkt, dass da noch mehr geht?

Das hört sich vielleicht komisch an: Dass solche Leistungen möglich sind, haben mein Trainer Frank Reinhardt und ich das erste Mal im Trainingslager im Januar 2020 bei einer Leistungs-Diagnostik festgestellt. Wenn sie dann dort steht, ist es überraschend. Aber an sich hat es sich schon ziemlich lange angekündigt, dass so etwas möglich ist.

Wieso hat es vorher noch nicht geklappt hat?

In der Sommersaison 2020 war ich in einem Loch. Es war schwierig, nachdem Tokio verlegt worden war, 100 Prozent Leistung abzurufen. Das habe ich in den wenigen Wettkämpfen nicht geschafft. In der Hallensaison braucht man manchmal länger, um reinzukommen, um Routine im Wettkampf zu entwickeln. Ich brauche auch Konkurrenz. Mit den 13,85 Metern in Dortmund bei den Deutschen Meisterschaften war ich mir relativ sicher, dass ich gewinne. Dann fällt es mir manchmal schwer, noch nachzulegen. Wäre Kristin Gierisch am Start gewesen und 14,10 Meter gesprungen, wäre bestimmt eine andere Leistung drin gewesen. Torun war dann der erste Wettkampf, bei dem alles gepasst hat.

Thorun war im Nachgang noch wegen mehrerer positiver Corona-Fälle im Gespräch. Wie haben Sie das Hygienekonzept vor Ort wahrgenommen?

Es ist komisch, in einem voll gefüllten Bus zu sitzen - natürlich mit Maske. Aber auch nicht alle haben FFP2-Masken getragen. Es gab den einen oder anderen Moment, bei dem es mir nicht so sicher vorkam. Gerade beim Essen: Wir waren in einem Hotel mit mehreren Nationen und haben zusammen gegessen. Die Tische standen weiter auseinander. Aber ich kann nicht beurteilen, wie sicher das war. Im Nachhinein hat mich die Vielzahl an positiven Tests erschreckt. Ich war total erleichtert, dass es mich nicht betroffen hat. Es hatte auch einen Einfluss auf die Entscheidung gegen das Trainingslager.

Lässt sich das kompensieren?

Ganz so fokussiert und intensiv wie zwei Wochen am Stück im Trainingslager trainiere ich nicht. Dennoch meinte Frank neulich zu mir, dass ich noch nie so intensiv am Stück trainiert hätte. Und das stimmt auch. Wir versuchen hier, vieles möglich zu machen. Ich war auch in der Vorbereitung auf die Hallensaison nicht im Trainingslager und das lief sehr gut. Das hat gezeigt, dass es auch ohne geht.

In den vergangenen Jahren haben Sie Ihre Leistungen kontinuierlich gesteigert und wie jetzt bei der EM auf den Punkt geliefert. Wie gelingt Ihnen das?

Das hängt mit der Trainingssteuerung meines Trainers zusammen, dass man physisch an dem Tag topfit ist. Ich bin auch von meinem Naturell ein Wettkampftyp. Ich mag die Konkurrenz und brauche gute Konkurrenz, um extrem gute Leistungen abzurufen. Die Arbeit mit meinem Mentalcoach macht ebenfalls einen großen Faktor aus. Er bereitet mich immer gut auf die Wettkämpfe vor. Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen.

Sie haben mit Ihrem Jura-Studium pausiert und sind 2017 Sportsoldatin geworden. Wie hat das Ihre Entwicklung beeinflusst?

Der Schritt ist mir gar nicht so leicht gefallen. Die Bundeswehr, die immer noch mein Arbeitgeber ist, war der einzige Weg, um den Sport richtig professionell auszuüben. Ich habe erst im Nachhinein gemerkt, wie sehr es sich unterscheidet, nebenbei zu studieren. Ich mache jetzt aus Spaß ein Weiterbildungsstudium im Sportrecht. Aber der Fokus ist anders. Ich glaube, nur so ist richtig Leistungssport möglich. Die ersten drei Jahre habe ich Vollzeit studiert und nebenbei Sport gemacht. So waren auch die Prioritäten. Gerade ein Jurastudium in Vollzeit und Leistungssport passen nicht zusammen. Die Regeneration leidet einfach darunter. Sie ist ein großer Bestandteil, dass man am nächsten Tag wieder fit auf der Anlage steht. Deswegen war es der einzig konsequente Schritt, um den Sport professionell zu betreiben.

Wieso ist Ihnen dieser Schritt schwer gefallen?

Das lag auch an meinem Selbstbild. Als ich angefangen habe zu studieren, habe ich mir einen Plan für die nächsten Jahre geschrieben. Ich weiß gar nicht, wo ich jetzt wäre. Aber ich habe ihn neulich beim Umzug wiedergefunden und musste laut lachen. Mit dem Sport geht der Plan natürlich nicht auf und verzögert sich. Aber den Sport macht man nur in diesem Alter. Mir tut das Weiterbildungsstudium nebenbei gut. Ich bin kein Typ, der die ganze Zeit nur Sport machen kann. Es ist gut, den Kopf noch mit etwas anderem zu beschäftigen.

Dieses Jahr steht hoffentlich noch Olympia an. Wie blicken Sie den großen Veranstaltungen entgegen?

Ich hoffe inständig, dass Olympia stattfindet. Eine Planung gibt es nicht so richtig. Wir sind so planlos wie nie, würde ich sagen. Anfang Juni ist noch die Deutsche Meisterschaft, aber drumherum sind Wettkämpfe noch nicht so richtig geplant. Ich habe das Glück, dass ich bei der Impfreihenfolge in der Kategorie zwei eingeteilt war und habe vergangenen Mittwoch die erste Impfdosis erhalten. Das ist für mich eine riesige Erleichterung. Daher blicke ich nun etwas gelassener auf die Großereignisse. Ich möchte trotzdem nicht an Covid-19 erkranken. Aber mein Arzt sagte zu mir, ich würde mit einer Impfung kein Krankenhaus von innen sehen. Das ist sehr viel wert für mich.

Reichen Ihnen die zwei bevorstehenden Wettkämpfe, um die Motivation hochzuhalten?

Für mich würde auch nur Tokio ausreichen, weil es ein Lebenstraum ist. Ich möchte dort topfit sein und meine Leistung abrufen. Ich bin auch schon relativ dicht dran, es sind keine 100 Tage mehr. Mit so einem Ziel motiviert man sich über Jahre hinweg, deshalb geht das gut. Trotzdem wäre es schon, noch ein paar gute Wettkämpfe drumherum zu haben. Das ist aber zweitrangig und ich werde wieder den Reiseaufwand abwägen mit dem Infektionsrisiko; mit der Impfung bin ich jetzt deutlich weiter.

Dieser Lebenstraum findet wohl in reduziertem Umfang statt. Ist es trotzdem die gleiche Vorfreude?

Ich habe mir da viele Gedanken zu gemacht und versuche, die Vorfreude so hochzuhalten, als wären es normale Olympische Spiele. Das sind sie natürlich nicht. Ohne Zuschauer, Freunde und Familie vor Ort ist es extrem schade. Das hat schon einen kleinen Dämpfer gegeben, das sind nicht die Olympischen Spiele, die man sich vorstellt, wenn man davon träumt. Nichtsdestotrotz ist es ein sehr gut besetzter und spannender Wettkampf. Darauf freue ich mich. Ich glaube, wir müssen froh und dankbar sein, wenn die Spiele überhaupt stattfinden unter den Voraussetzungen. Deswegen versuche ich, mir das schmackhaft zu machen. Ich freue mich riesig drauf. Es sind trotzdem Olympische Spiele. Ich bin noch nicht sicher, ob ich bis 2024 weitermache, um normale Olympische Spiele zu erleben.

Was sind noch die Ziele, wenn Sie Olympia 2024 vielleicht nicht mehr dabei sein werden?

Außer Torun – und das Gefühl war unbeschreiblich gut – ist es mir bis jetzt noch nicht so richtig gelungen, auf internationaler Bühne zu zeigen, was ich kann. Dafür gäbe es noch einige Möglichkeiten, angefangen in Tokio. Da ist der Auslöser die EM 2018, die nicht so lief, wie ich mir das vorgestellt hatte. Wenn man ein Leistungsniveau von 14,50 Meter hat, ist es befriedigend, wenn es irgendwann auf der Tafel steht. Am schönsten ist es, das auf internationaler Bühne zu bestätigen. Mich treibt an, wie weit es gehen kann. Gehen da noch ein paar Zentimeterchen?

Was halten Sie für möglich?

Das ist schwer zu sagen. Die 14,52 Meter waren schon ein sehr guter Sprung. Aber ich verbessere mich im Geschwindigkeits- und Kraftbereich. 60 bis 70 halte ich nicht für unmöglich.

Das Gespräch führte Niklas Golitschek

Info

Zur Person

Neele Eckhardt-Noack (28)

ist Dreispringerin und startet für die LG Göttingen. Bei den Halleneuropameisterschaften im polnischen Torun belegte sie mit neuer persönlicher Bestleistung den dritten Platz, Platz zwei in der ewigen deutschen Hallenbestenliste und löste das Ticket für die Olympischen Spiele. Mit 14,52 Meter lag sie einen Zentimeter hinter Siegerin Patrícia Mamona und gleichauf mit der Spanierin Ana Peleteiro.

Info

Zur Sache

Ein Asendorfer Kind

Neele Eckhardt-Noack ist in Asendorf aufgewachsen, in Syke zur Schule gegangen und hat beim TSV Asendorf mit der Leichtathletik begonnen. Trainerin Ute Schröder und ihren Partner Hermann bezeichnet die Sportsoldatin und Jura-Studentin als „sportliche Ersatzeltern“. Der Kontakt besteht nach wie vor. „Ute hat so viel in mich investiert, auch über das Sportliche hinaus“, würdigt Eckhardt den Einsatz der Übungsleiterin.

Verbindungen in die Region pflegt Eckhardt-Noack nach wie vor. Unter anderem, da ihre Eltern noch in der Nähe wohnen. „Die Wurzeln liegen in dem Bereich“, sagt sie. Auch auf dem Trainingsgelände des TSV Asendorf war sie vor der Coronavirus-Pandemie immer wieder anzutreffen. Sportlich fühle sie sich hier immer noch heimisch und finde es schön, ihrem Heimatverein etwas zurückzugeben. „Die Kinder freuen sich nur über meine Anwesenheit“, weiß die baldige Olympionikin. Es mache ihr auch Spaß, mal das Aufwärmen beim Training zu leiten.

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