Ein Fahrer - sechs Tage (6)

"Leif ist live" (6): Leerer Motor

Sechs Tage lang rasen die Radprofis durch die ÖVB-Arena. Wie geht es den Fahrern dabei? Wie verbringen sie ihre Stunden abseits der Bahn? Der WESER-KURIER begleitet Leif Lampater durch die Sixdays.
11.01.2017, 20:40
Lesedauer: 4 Min
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Von Alexandra Knief Nico Schnurr
"Leif ist live" (6): Leerer Motor

Sechs Tage lang rasen die Radprofis durch die ÖVB-Arena, oder besser: sechs Nächte. Tausende Menschen sehen ihnen dabei zu, aber kaum einer weiß: Wie geht es den Fahrern in dieser Zeit? Wie verbringen sie ihre Stunden abseits der Bahn? Was treibt sie an, was bedrückt sie?

Der WESER-KURIER begleitet Leif Lampater durch die Sixdays; der 34-Jährige ist Publikumsliebling und einer der erfahrensten Profis des Bremer Fahrerfeldes. Er konnte die Sixdays schon zwei Mal für sich entscheiden (2009 gemeinsam mit Erik Zabel und 2014 gemeinsam mit Wim Stroetinga). Auch in diesem Jahr zählt Leif Lampater zu den Favoriten.

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12 Uhr: Leif Lampater wirkt gefasst am Morgen nach dem Rennen, das ihn und seinen Partner Wim Stroetinga vermutlich den Sieg bei den Sixdays gekostet haben dürfte. Als Zweiter mit einer Runde Rückstand auf die Führenden waren sie in den Abend gegangen. Sie beendeten ihn auf Rang drei mit zwei Runden Differenz auf das Duo Keisse/Kalz. „Wir wollten angreifen, stattdessen sind wir ins Hintertreffen gekommen", sagt Lampater.

Lampaters "gewisse Unzufriedenheit"

Er versucht die Situation zu umschreiben: "Da war einfach der Motor leer, ist der Kühler geplatzt.“ Und klar, natürlich herrsche in ihm an diesem letzten Vormittag der 53. Sixdays "eine gewisse Unzufriedenheit".

Dabei kann sich Lampater selbst kaum etwas vorwerfen. "Fehler haben wir nicht groß gemacht", konstatiert er. Lampater glaubt, dass vor allem der Ausfall von Vorjahressieger Christian Grasmann das Rennen erheblich beeinflusst habe. "Es gibt wenig Mannschaften, die überhaupt die Spitze angreifen können. Sie konnten sich sehr auf uns konzentrieren", sagt Lampater über das führende Duo.

"Bin leider nur bei 95 Prozent"

Noch auf Platz eins zu fahren, hält Lampater für unwahrscheinlich. Auch, weil er am letzten Tag der Sixdays festhalten muss: "Ich bin leider nur bei 95 Prozent, obwohl ich gern 110 Prozent hätte." Und selbst wenn es nur Platz zwei werden sollte, Lampater wird damit umgehen können.

So wie er es schon in der Vergangenheit geschafft hat, mit Rückschlagen fertig zu werden. "Vielleicht ist das auch eine Gabe als Sportler", sagt Lampater. Auch, als er sich im Mai 2016 sein Kahnbein brach und seine Olympia-Teilnahme absagen musste, "habe ich nicht lange rumlamentiert", so Lampater.

Olympia 2020 als Ziel

Schließlich gehe es im Leben eines Radprofis immer weiter. "Es hört ja nie auf. Es gibt immer wieder neue Chancen", sagt Lampater. "Wenn du nicht versuchst, die Chancen zu packen, die du bekommst, dann hast du verloren. Dann musst du aufhören, wenn du nicht die Moral dazu hast."

Momentan, sagt Lampater, habe er diese Moral noch. Das große Ziel, das ihn antreibt, sei eine Teilnahme bei Olympia 2020. Er wäre dann 37 Jahre alt. Lampater glaubt, dass er bis dahin fit bleiben wird. Entscheidend werde vielmehr, dass "der Kopf mitmacht".

Ein Nap vor der letzen Nacht

15.30 Uhr: Zum letzten Mal bei diesen 53. Sixdays liegt Leif Lampater vor einem Rennen auf der Massagebank. Noch bleiben ihm in etwa drei Stunden, bis es wieder in die Halle geht und die finale Sixdays-Nacht anbricht. Er will die Zeit bis dahin zur Erholung nutzen. Am besten schafft er das mit einem "Powernap" vor der Rennnacht. Rund 45 Minuten versucht er jeden Tag vor dem Wettkampf zu schlafen, auch heute. "Ich wache dann auch von alleine wieder auf, schon bevor der Wecker klingelt", sagt Lampater. "Der Rhythmus hat sich so eingeprägt."

Die Naps sind wichtig für ihn. "Wenn ich solange unter Strom stehe wie bei den Sixdays, dann brauche ich das. Der Körper holt sich dann die Erholung einfach", erklärt Lampater. Beim kurzen Nickerchen regeniere sich sein Körper deutlich besser, als "wenn ich nur ein bisschen rumliege und Fernsehen schauen würde".

Lampaters eigene Zeitzone

Lampater lebt während so eines Sechstagerennens in seiner eigenen Zeitzone. Sein Tag startet mit fünf Stunden Verzögerung. Frühstück gibt es um 11 Uhr, Mittag um 16.30 Uhr, Abendessen erst spät nachts, nach den Rennen. Oft schlafe er in den Nächten aufgrund des verändernderten Rhythmus "nicht so tief und effektiv". Mit den Naps versucht er, das auszugleichen. Vor so einer kräfte- und nervenauftreibenden Finalnacht wie sie heute für Leif Lampater anstehen dürfte, ist ihm das besonders wichtig.

Platz zwei für Lampater

23.30 Uhr: „Ich brauche erst einmal eine Dusche, ich klebe“, sagt Leif Lampater und lacht. Er kann zufrieden sein. Was nach der großen Jagd in der fünften Nacht fast undenkbar schien, gelang Lampater und seinem Partner Wim Stroetinga in der letzten großen Jagd am Dienstagabend dann schließlich doch: ein zeitweise offenes Finale.

Leif LAMPATER GER Aktion Rennszene Querformat quer horizontal Event Veranstaltung 53

Leif Lampater auf großer Jagd im Finale.

Foto: Imago

Zwischenzeitlich hatte das Duo die beiden Runden Rückstand egalisieren und sogar in Führung gehen können. "Da haben die ganz schön hart geatmet", sagt Lampater über das spätere Siegerduo Kalz/Keisse.

Mit dem zweiten Platz in Bremen kann Lampater deswegen leben. Schon am Donnerstag geht es für ihn beim Sechstagerennen in Berlin weiter. Sein Partner ist genau der Fahrer, gegen den er sich in Bremen geschlagen geben musste: Marcel Kalz.

Bilder des Tages SPORT Radsport Marcel Kalz und Iljo Keisse gewinnen Sixdays Bremen Podium vl n r

Die Sixdays enden für Leif Lampater mit einem Platz auf dem Podium.

Foto: Imago
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