Ein Fahrer - Sechs Tage (Tag 5)

"Leif ist Live": Erfahrung teilen

Sechs Tage lang rasen die Radprofis durch die ÖVB-Arena. Wie geht es den Fahrern dabei? Wie verbringen sie ihre Stunden abseits der Bahn? Der WESER-KURIER begleitet Leif Lampater durch die Sixdays.
11.01.2017, 20:34
Lesedauer: 6 Min
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Von Nico Schnurr Alexandra Knief
"Leif ist Live": Erfahrung teilen

Der WESER-KURIER begleitet Leif Lampater bei den Sixdays 2017 in Bremen.

WESER-KURIER-Grafik

Sechs Tage lang rasen die Radprofis durch die ÖVB-Arena, oder besser: sechs Nächte. Tausende Menschen sehen ihnen dabei zu, aber kaum einer weiß: Wie geht es den Fahrern in dieser Zeit? Wie verbringen sie ihre Stunden abseits der Bahn? Was treibt sie an, was bedrückt sie?

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Der WESER-KURIER begleitet Leif Lampater durch die Sixdays; der 34-Jährige ist Publikumsliebling und einer der erfahrensten Profis des Bremer Fahrerfeldes. Er konnte die Sixdays schon zwei Mal für sich entscheiden (2009 gemeinsam mit Erik Zabel und 2014 gemeinsam mit Wim Stroetinga). Auch in diesem Jahr zählt Leif Lampater zu den Favoriten.

10.30 Uhr: Leif Lampater ist heute schon früh auf den Beinen. Seit neun Uhr ist der Radprofi wach. Eigentlich gar nicht seine Zeit, da er aber gestern den Abend frei hatte, ist das kein Problem. Im Gegenteil, er ist sogar mehr als gut drauf, am frühen Mittag. Vielleicht liegt es daran, dass er sich spät in der Nacht noch mit einem Mitternachts-Snack gestärkt hat. "Was es war, verrate ich nicht", sagt er mit einem verschmitzten Grinsen. Klingt ungesund. "Naja, nicht ungesund, aber auch nicht sportkompatibel", gibt Lampater dann doch noch zu.

Der Grund, dass er am heutigen Montag schon so früh in der ÖVB-Arena unterwegs ist, ist der Tag der Schulen. In einer halben Stunde steht er auf der Bühne und gibt den rund 1000 Schülern in einer Talkrunde Einblicke in sein Leben als Profisportler. Was bedeutet es, Profisportler zu sein? Welche Grundvoraussetzungen muss man dafür mitbringen? All das sind Fragen, die Lampater auf der Bühne beantworten will. "Da ich ja schon zu den älteren Semestern gehöre, bringe ich Erfahrung mit, die ich weitergeben kann", sagt der 34-Jährige. "Vielleicht nehmen einige Schüler daraus ja sogar etwas mit. Für ihr Leben oder ihre eigene sportliche Karriere."

Sie gaben rund 1000 Schülern Einblick in ihre Leben als Profisportler: Leif Lampater (l.) und Ex-Werderaner Thomas Wolter.

Sie gaben rund 1000 Schülern Einblick in ihre Leben als Profisportler: Leif Lampater (l.) und Ex-Werderaner Thomas Wolter.

11.00 Uhr. Leif Lampater ist umlagert von aufgeregten kleinen Mädchen. Sie haben so viele Fragen, die sie alle durcheinander stellen, dass er kaum antworten kann. Zum Glück, kann er viele davon gleich im Anschluss für alle Schüler auf der Bühne beantworten. "Jeder hat Momente, wo er mal keine Lust hat", sagt er zum Beispiel auf die Frage, wie er sich motiviert. Manchmal müsse man die Sachen dann einfach kurz in die Ecke legen und etwas anderes machen - das gelte für Schüler genauso wie für ihn als Sportler und sorgte bei einigen jungen Besuchern, die Motivationstiefs kennen, sicherlich für Erleichterung.

Drei Mal steht Lampater für je zehn Minuten auf der Bühne beziehungsweise an der Bahnbande und beantwortet Fragen rund um seinen Sport und sein Privatleben. Er genießt die Aufmerksamkeit der Schüler. Viele von ihnen wollen noch ein Foto mit Lampater machen, als er die Bühne verlässt. Er posiert bereitwillig und lächelt in die gezügten Smartphone-Kameras.

Leif Lampater im Rampenlicht - heute zur Abwechslung mal ohne Rad.

Leif Lampater im Rampenlicht - heute zur Abwechslung mal ohne Rad.

"Fühle mich nicht wie 34"

16 Uhr: Es wird ernst für Leif Lampater bei den Sixdays. Zwei Abende bleiben ihm und seinem Partner Wim Stroetinga noch, um das führende Duo Marcel Kalz und Iljo Keisse einzuholen. Bei der täglichen Massage ist ihm das nicht anzumerken. Lampater wirkt entspannt. Jetzt, am fünften Tag der Sixdays, fühlt er sich erst so richtig angekommen. "Inzwischen ist alles eingespielt. Alles läuft, es gibt kaum noch etwas Unvorhergesehenes", sagt er.

Bis zum dritten Abend habe er gebraucht, um "so richtig drin zu sein". So sei das immer, sagt er. Er brauche immer erst ein paar Tage, um ins Rennen zu finden. "Ich kann so eine Wettkampfssituation nie exakt vorher simulieren", betont Lampater. "Das ist einfach nicht dasselbe für den Körper, wenn es losgeht und ich dann wirklich unter Strom steh."

Jetzt aber steht Lampater unter Strom, und das ist gut so. Denn am Montagabend "wollen wir noch einmal richtig angreifen". Lampaters Hauptziel für den fünften Abend lautet: "Keine Runde mehr verlieren." Er ist zuversichtlich, dass das klappen wird. Überhaupt rechnet er sich noch gute Chancen auf den Sieg aus. Aktuell Zweiter zu sein, das ist für ihn ein Vorteil: "Marcel und Iljo werden Platz eins noch ziemlich lange verteidigen müssen, das strengt wahnsinnig an, auch mental, und das könnte uns in die Karten spielen."

Für einen wie ihn, der schon so viele Rennen gefahren ist, fangen die Sixdays jetzt erst so wirklich an. Lampater ist 34 Jahre alt. Die letzten Tage so eines Sechstagerennens sind die Zeit, in der Lampater glaubt, "von meiner Routine profitieren zu können". Einen Nachteil sieht er in seinem Alter nicht. "Ich fühle mich nicht wie 34", sagt Lampater. Wenn der Spaß an den Sixdays bleibe, "dann kann ich das auf diesem Niveau noch fünf, vielleicht sechs Jahre so weitermachen".

Rhythmusprobleme

21.15 Uhr: Lampater atmet erst mal schwer durch. Es ist nichts passiert in der Kleinen Jagd, die eben zu Ende gegangen ist. Das ist gut und schlecht zugleich. Kein Rundenverlust für ihn und seinen Partner Wim Stroetinga, aber eben auch kein Rundengewinn. "Wir sind nicht so richtig weggekommen", sagt Lampater, der eigentlich vorgehabt hatte, mit Stroetinga mehr zu attackieren. Aber das geht nicht so einfach, wenn die Konkurrenz hellwach ist. Und das war sie!

So schön der freie Abend am Sonntag war, er hatte auch eine Schattenseite: Der Rhythmus der Fahrer ist erst mal weg. Lange Tage auf der Bahn am Sonnabend und Sonntag, dann die ziemlich lange Pause bis Montagabend: "Wir suchen noch unseren Rhythmus", sagt Lampater.

Vielleicht läuft's nachher in der Großen Jagd ja besser für die Mannschaft mit der Nummer 1 auf dem Trikot. Ein Ziel hat sie: Sie will und sie darf auf die Führenden Marcel Kalz und Iljo Keisse heute keine Runde verlieren, will sie morgen beim Finale noch um den Sieg mitfahren. Lampater sagt, dass es zwei Wege gibt, um das Ziel zu erreichen: Entweder machen sie selbst in der Großen Jagd noch eine Runde gut, oder sie holen so viele Punkte, dass sie für das Erreichen der 300-Marke noch eine Runde als Bonus bekommen. Kalz/Keisse brauchen mit 299 Zählern nur noch einen, Lampater/Stroetinga mit 240 Punkten immerhin noch 60. "Aber das ist zu schaffen", sagt der 34-Jährige, "und wenn wir's schaffen, ist am Dienstag alles drin für uns." Nicht auszudenken, was am Dienstag möglich ist, wenn Lampater und Stroetinga die Bonusrunde und eine weitere Runde in der Großen Jagd schaffen.

Zum Glück geht es Lampater besser als seinem Kollegen Christian Grasmann, der wegen Fiebers heute nicht mehr mitfahren kann. Wegen des Fehlens in beiden Jagden an diesem Montag kassieren Grasmann und sein Partner Kenny De Ketele insgesamt zwei Minusrunden - die Titelverteidigung ist für sie damit kaum noch möglich. "Das ist bitter für sie", sagt Lampater, "aber das gehört leider auch dazu." Sagt es und ist froh, dass er sich in jeder Beziehung gut fühlt. Eigentlich ja beste Voraussetzungen, um den Kampf um Platz eins am Ende für sich zu entscheiden.

Wenn die Beine schwer werden...

0.00 Uhr: Jetzt ist der Abend für Leif Lampater so verlaufen, wie es nicht sein sollte. Eigentlich wollte er mit Partner Wim Stroetinga auf Attacke fahren und eine Runde gewinnen - nun gelang genau das der Konkurrenz. Nach der Großen Jagd liegen Lampater und Stroetinga mit zwei Runden Rückstand hinter den Führenden Marcel Kalz und Iljo Keisse nur auf Platz drei. Jesper Mørkøv und Youri Havik haben sich nach einer beeindruckenden Leistung mit jetzt einer Runde Rückstand auf Rang zwei vorgeschoben. "Die Lage für uns ist nicht hoffnungslos, aber es ist eher unwahrscheinlich, dass wir am Dienstag das Rennen noch gewinnen werden", sagt Lampater, "damit müssen wir leben."

Seine Beine seien ein bisschen schwer gewesen, sagt der 34-Jährige, der statt selbst zu attackieren, meist auf die Aktionen der Konkurrenten reagieren musste. Lange ging das gut - bis zur Schlussphase der Jagd. Lampater und Stroetinga hatten nach siebenminütiger Alleinfahrt endlich wieder zur Nullrunde aufgeschlossen, da schossen Kalz/Keisse und Mørkøv/Havik wie zwei Pfeile erneut aus dem Feld heraus. Mit ohnehin schweren Beinen fehlte Lampater die Kraft für einen weiteren, letzten Konter. "Das war so nicht abzusehen", sagt Lampater. Aufgeben gibt's aber nicht. Er verspricht, dass er am Dienstag alles geben wird, um den Sieg von 2014 in Bremen mit Wim Stroetinga doch noch zu wiederholen.

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