Leichtathletik

Louis Knüpling: Der Schlaks, der seinen Rhythmus fand

Seine Laufbahn war nicht die längste, dafür aber umso erfolgreicher: Louis Knüpling hat es im Dreisprung weit gebracht. Mit Mitte 20 hat er nun aufgehört.
13.01.2021, 13:30
Lesedauer: 6 Min
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Von Thorin Mentrup

Scholen/Asendorf/Hannover. Als Schlagzeuger gibt Louis Knüpling den Takt vor. Er hat also Rhythmusgefühl. Vielleicht fußt sein Gespür für Hop, Step und Jump, die drei Abschnitte des Dreisprungs, auf diesem musikalischen Talent. Jedenfalls hat der 26-Jährige in seiner Laufbahn als Leichtathlet in dieser Disziplin große Erfolge gefeiert. Auf einem Wettkampf aber hat Knüpling sein Können lange nicht mehr gezeigt. Die Landesmeisterschaften 2019 im Göttinger Jahnstadion waren sein letzter Auftritt. Und es wird kein weiterer dazukommen für den Athleten des TSV Asendorf. Mit dem Titel im Dreisprung und einem Satz auf 13,79 Meter hat er sich vom Wettkampfsport verabschiedet.

An das Leben ohne Leichtathletik hat sich Knüpling längst gewöhnt. „Da hat mir sicherlich geholfen, dass ich ein Sportleben abseits der Leichtathletik kenne“, sagt er. Wie so viele Kids spielte er Fußball. Der Blondschopf, der aus Scholen bei Sulingen stammt, jagte beim TV Neuenkirchen dem Ball hinterher. Auch Tennis entdeckte er als Kind für sich. In Hannover steht er noch heute regelmäßig auf dem Platz, wenn er nicht gerade auf seinen Doktortitel im Bereich Geografie hinarbeitet. Auch auf dem Court ist er ehrgeizig. Einen entscheidenden Unterschied zur Leichtathletik-Laufbahn gibt es aber: „Tennis ist ein reines Hobby. Da habe ich keine Leistungssportambitionen.“

Gern gelaufen sei er schon immer, sagt Knüpling. „Viel und schnell“, fügt er lachend hinzu. So schnell, dass er beim Sulinger Citylauf alle seine Altersgenossen abhängte. Das fiel auch Wilfried Becker vom TuS Sulingen auf. Also sprach der heutige Vorsitzende des Kreisleichtathletikverbandes Diepholz den Jungen kurzerhand an, ob die Leichtathletik nicht etwas für ihn wäre. Im Meistertrikot des SV Werder Bremen von 2004 nahm Knüpling kurze Zeit später für den TuS an seiner ersten Kreismeisterschaft teil. Dritter oder Vierter sei er im Sprint geworden, erinnert er sich. Und: „Danach war ich ziemlich aus der Puste.“

Das war Mitte der Nullerjahre der Startschuss einer Laufbahn, die Knüpling wenige Jahre später zum TSV Asendorf und zu Ute Schröder führte. „Louis stand auf einmal auf dem Platz und sagte, er wolle Leichtathletik machen“, erinnert sich die Trainerin an das erste Aufeinandertreffen. Diesem langen, schlaksigen Jungen „habe ich im ersten Augenblick – ganz ehrlich – gar nichts zugetraut“, sagt sie. Der Laufstil ihres Schützlings sei auch nicht gerade der schönste gewesen. „Es sah aus wie ein Fohlen auf der Weide.“

Sie verordnete Knüpling Grundlagentraining und musste ihre erste Einschätzung schnell revidieren. Knüpling verblüffte sie: „Louis war total aufnahmefähig und konnte alle Instruktionen sofort umsetzen. Er hat viel geübt und sich mit der Technik auseinandergesetzt.“ Sport war für Knüpling damals bereits Kopfsache: „Ich habe mir schon immer sehr viele Gedanken gemacht“, bekräftigt der 26-Jährige. Das konnte er nie abschütteln. „Vielleicht war es phasenweise sogar zu viel“, glaubt er, dass er manches Mal an sich selbst scheiterte. „Aber meistens hat es mir geholfen.“

Knüpling lernte schnell, und er war prompt erfolgreich. In seinem ersten Wettkampf für den TSV beim Abendsportfest in Papenburg knackte er mit 12,36 Metern problemlos die Norm für Landesmeisterschaften (11,50 Meter). Er pulverisierte sie geradezu. „Ich war vielleicht nicht jemand, der ein wahnsinnig gutes Körpergefühl oder Bewegungstalent hat, aber ich hatte eine grobe Idee, was ich machen musste. Und ich hatte eine gute Schnelligkeit. Wenn man mit einer gewissen Geschwindigkeit am Brett ankommt und dreimal springt, dann kann man schon weit kommen“, fasst Knüpling seine Anfänge zusammen.

Die Erfolge trieben ihn an. „Es war etwas Besonderes für mich, bei einer Landesmeisterschaft dabei zu sein. Wenn mir Freunde von einer Bezirksmeisterschaft erzählt haben, habe ich damals schon gedacht: Wow. Und jetzt war ich selbst bei einer Landesmeisterschaft.“ Diese sollten nur eine Zwischenstation für ihn sein. Schröder formte aus ihm einen Sprinter, Drei- und Weitspringer. „Ute hat das schon forciert. Sie war durch Neele (Eckhardt, Anm. d. Redaktion) und Tabea (Brüning) dreispringerisch vorgeprägt“, sagt Knüpling, für den es weiter steil bergauf ging. Beim Springermeeting in Garbsen knackte er im Jahr 2011 mit 13,66 Metern seine erste Norm für eine Deutsche Jugendmeisterschaft. In Jena waren seine 12,89 Meter eher ernüchternd, alles andere war dafür umso beeindruckender.

Von der Meisterschaft nahm er vor allem das Gefühl mit, „dass da noch mehr geht“. Die nächsten Schritte wollte er unter Landestrainer Frank Reinhardt machen. Zu ihm wechselte Knüpling im Winter 2012, als er wegen seines Studiums nach Hannover zog. Alles war jetzt noch professioneller als in Asendorf. In Wettkämpfen aber trug Knüpling weiter das Trikot des TSV.

Seinen hohen Ansprüchen wurde der Athlet allerdings nicht immer gerecht. Die U20-DM verpasste er um zwei Zentimeter. Er steigerte seine Leistungen nicht mehr in so atemberaubenden Tempo wie zuvor. Es folgte ein gesundheitlicher Tiefschlag mit dem Ermüdungsbruch im untersten Lendenwirbel in der Saison 2014/15. Doch Knüpling kämpfte und lernte. Er arbeitete sich mit Extraschichten zurück, behielt die Arbeit an seiner Beweglich- und Geschmeidigkeit sowie an seiner Fußkraft und Rumpfstabilität auch nach seinem Comeback bei. „Das hat mir viel gebracht. Ich habe das beim Laufen extrem gemerkt“, kehrte er gestärkt zurück. Insofern habe die Verletzung auch etwas Gutes gehabt, findet er.

Das Jahr 2016 war das beste seiner Laufbahn. „Ein einziges Highlight“, wie er sagt. Beim Springermeeting in Garbsen knackte er im Dreisprung mit 15,05 Metern die 15-Meter-Marke und lief bei den Landesmeisterschaften in Wilhelmshaven die 100 Meter in 10,86 Sekunden. Er stieß in neue Sphären vor. Knüpling hatte seinen Rhythmus gefunden. „Die Mischung aus Anspannung und Lockerheit stimmte“, verdeutlicht er. Seine persönliche Bestleistung im Dreisprung zeigte er zum bestmöglichen Zeitpunkt: Mit 15,18 Metern wurde er Dritter bei der U23-DM in Wattenscheid.

„Für mich kam dieser Erfolg damals gar nicht so überraschend“, sagt Knüpling zwar. Schließlich war er in der Form seines Lebens. Wenn er aber auf diese Leistung angesprochen werde, „dann wird mir bewusst, dass ich das mit viel Einsatz und Arbeit geschafft habe. Mir ist nichts zugeflogen.“ Umso stolzer könne er nicht nur auf diese Medaille sein, sondern auch auf all die Titel auf Landesebene, seinen Norddeutschen Hallentitel 2017 und die Teilnahme an den Deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund 2018. Mehr als 4000 Fans sahen ihm zu. „Eine wahnsinnig tolle Erfahrung“, schwärmt Knüpling. Das sei als Kind immer sein Traum gewesen. Auch 2019 startete der deutsche Hochschulmeister von 2018 bei den Hallenmeisterschaften, dieses Mal in Leipzig.

Bewahrt hat er von all seinen Wettkämpfen nicht nur die Medaillen und Urkunden, sondern auch die Emotionen. „Der Moment, in dem man das erlebt, ist schnell vorbei. Ich konnte die Stimmung zwar schon genießen und habe versucht, sie als Motivation für mich mitzunehmen, aber erst nach dem Wettkampf fällt einem so richtig auf, was das für eine besondere Atmosphäre war“, blickt Knüpling, der im Jahr 2017 während eines Auslandsaufenthalts in Grenoble in Frankreich, dem Heimatland seines Vaters, an der Universität ebenfalls der Leichtathletik nachging, gern auf diese Erfahrungen zurück.

In seiner Laufbahn hat er kaum etwas verpasst – einen Höhepunkt aber schon. Für die Deutschen Meisterschaften unter freiem Himmel hat er sich im Erwachsenenbereich nie qualifiziert. „Das war eines meiner großen Ziele. Ein größeres Event gibt es auf nationaler Ebene nicht.“ Den letzten Versuch unternahm Knüpling im Jahr 2019. Aber die Saison stand unter keinem guten Stern: Im Frühjahr war er lange krank, bei den Landesmeisterschaften in Göttingen knickte er bei seinem ersten Sprung um und verletzte sich am Fuß. Was er während des Wettkampfs nicht spürte: Das Syndesmoseband und das Außenband waren angerissen. Den Titel gewann er dennoch.

Die Verletzung begleitete ihn noch lange. Unter Belastung hatte er immer wieder Schmerzen. Die Hallensaison 2020 schrieb er ab. Dann kam Corona. Die Leichtathletik war weit weg. Stattdessen begann er wieder mit dem Tennisspielen.

Schröder hätte sich Knüplings Rückkehr zur Leichtathletik in einer anderen Disziplin vorstellen können. „Die 400 Meter hätte ich ihm zugetraut“, sagt sie. Dieser Gedanke schwirrte auch ihrem ehemaligen Schützling im Kopf herum. Und zwar nicht erst seit Kurzem: Die Idee habe er häufiger gehabt, erzählt er. 2017 ließ er sich von Frank Reinhardt sogar einen Trainingsplan schreiben. In Göttingen lief er starke 49,86 Sekunden und lag am Saisonende auf Platz zehn in Niedersachsen. „Ziel erreicht“, sagt Knüpling und lacht. Eine echte Alternative war der Langsprint allerdings nicht. Dafür hätte er keine richtige Trainingsgruppe gehabt. Trotzdem: Seinen einzigen Wettkampf in dieser Disziplin zählt er zu den Höhepunkten seiner Laufbahn.

Ohnehin überwiegen die positiven Erinnerungen deutlich. „Ich habe viele tolle Momente erlebt und unfassbar tolle Menschen kennengelernt. Ich durfte jahrelang professionell auf hohem Niveau trainieren. Die Trainingsgruppe war eine sehr schöne Gemeinschaft.“ Das Adrenalin der Wettkämpfe vermisse er dagegen manchmal. „Andererseits kann ich jetzt mal entspannter in den Urlaub fahren“, wirft er ein. Er habe außerdem gelernt sich durchzubeißen, um etwas zu erreichen. „Diese Eigenschaft ist auch abseits des Sports wichtig“, weiß Knüpling. Darüber hinaus hat er nun mehr Zeit für andere Interessen. Tennis zum Beispiel. Oder die Musik. Das Schlagzeug steht noch in seinem Elternhaus. Auch ohne Leichtathletik wird sein Leben also im Rhythmus bleiben.

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