Bremer Talente: Philipp Faiß besiegt beim Bouldern seine Ängste – und lernt dabei für sein Leben als Pilot Meditation an der Wand

Bremen. In Schräglage klebt er an der Wand. Ganz ruhig haftet er da.
28.06.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Meditation an der Wand
Von Nico Schnurr

Bremen. In Schräglage klebt er an der Wand. Ganz ruhig haftet er da. Ohne dass sein Körper nachgibt oder seine Arme zu zittern beginnen. Es scheint, als würde er schweben, wenn er für Sekunden in der Luft steht und mit riesigen Sätzen von Griff zu Griff eher fliegt als springt. Wer Philipp Faiß, 21, bouldern sieht, der vergisst leicht, wie schwer das eigentlich ist, was er da macht, so selbstverständlich lässt er es aussehen.

„Ich klettere immer auch gegen meine Ängste“, sagt Faiß. Seit vier Jahren etwa klettert er auf Absprunghöhe. Er glaubt, das Bouldern habe ihn verändert. Anfangs habe er immer wieder Gedanken daran verschwendet, wie es wäre, mit seinen Füßen abzurutschen, wenn er keinen sicheren Stand hatte. „Und dann können einen schon relativ einfache Kletterrouten an seine Grenzen bringen, weil man sich einfach nicht traut und gehemmt ist”, sagt Faiß. Mit der Zeit habe er gelernt, sich, seinem Körper und seinem Können an der Kletterwand zu vertrauen. „Bouldern hat mir gezeigt: Ich muss mir überhaupt keinen Stress machen, ich werde die Lösung schon finden“, sagt Faiß. „Das hat mir für den Job als Pilot wahnsinnig geholfen.“

In der Pilotenausbildung musste Faiß die Ausnahme trainieren. Irgendetwas ging immer schief – mal waren es die Triebwerke, die ausfielen, mal streikte die Hydraulik. Ein Stresstest für Pilotenschüler. „Einige bekommen in solchen Momenten plötzlich Panik und haben ein Brett vorm Kopf“, sagt Faiß. Ihm ging es anders. „Alles gut, ich weiß, was ich kann“, beruhigte er sich, wenn er mal wieder ein Flugzeug notlanden musste. Ruhig zu bleiben, auf sich zu vertrauen, das hat er nicht nur in der Pilotenausbildung gelernt, sagt Faiß: „Dafür musste ich an die Wand.“

Die Wand, oder besser: die Wände, von denen Faiß spricht, stehen in Bremen-Walle und formen einen wuchtigen, weiß-grauen Kasten, der sich äußerlich bestens ins Einerlei des Industriegebiets fügt. Drinnen, hinter den Wänden, verstecken sich weitere Wände, schräge, kantige Felsennachbildungen, auf denen Vorsprünge, Griffe und Tritte wie bunte Bonbons prangen. „Klettertempel“ nennt Philipp Faiß die 1200 Quadratmeter große Fläche. Für ihn ist sie Sporthalle, Arbeitsplatz und Wohnzimmer. Solange er noch an der Bachelorarbeit schreibt, arbeitet er nebenbei in der Boulder Base. Er leitet Kindergeburtstage und gibt Anfängern Einführungen.

Faiß klettert als einer der wenigen Bremer in der Boulder-Bundesliga. Als jemand, der im Wettkampf zu anderen Athleten steht und um jeden Preis erfolgreich sein will, versteht er sich trotzdem nicht. Das hat viel mit der Sportart selbst zu tun. Die Boulderszene wächst zwar rasant, noch aber ist sie in der Bundesliga überschaubar und dicht vernetzt. „In der Bundesliga trifft man auf Freunde und Bekannte, jeder kennt sich. Den Gedanken, unbedingt besser als die anderen sein zu wollen, gibt es da so nicht“, sagt Faiß.

Angemeldet für die Bundesliga hat er sich trotzdem. Sechs Wochen haben die Sportler jeweils Zeit, 15 vorgegebene Routen in einer der über zehn Hallen in ganz Deutschland zu klettern. Für jede Route, die geklettert wurde, gibt es Punkte. Die besten Hundert treffen im Dezember zum Finale in Stuttgart aufeinander. Ob er dort dabei sein wird, ist für Faiß nicht entscheidend. Ihm ist nicht einmal klar, dass er aktuell zu den besten 60 Bundesliga-Boulderern zählt. Er klettert nicht für Platzierungen. So versteht er seinen Sport nicht, sagt Faiß: „Ich klettere nicht gegen andere, ich klettere gegen mich und meine eigenen Grenzen – die will ich verschieben und das Beste aus mir rausholen.“

Die eigenen Grenzen auszutesten, reizte ihn von Anfang an. In keiner anderen Sportart sei er so schnell an sein Limit gestoßen. Am Tag nach dem ersten Bouldern habe er nicht mal mehr ein Messer beim Schneiden seines Schnitzels halten können, sagt Faiß: „Alles hat gezittert, ich habe so viele Muskeln gespürt, von denen ich bis dahin nicht einmal wusste.“ Gleichzeitig habe er sich in keiner anderen Sportart so schnell verbessern, so schnell seine Grenzen verschieben können.

„Beim Bouldern geht es um Balance und Bewegungsgefühl“, sagt Faiß. „Ich brauche jeden einzelnen Muskel, aber vor allem meinen Kopf.“ Kraft allein, das wiederholt Faiß immer wieder, reiche beim Klettern nicht. Er erzählt dann gern von „solchen Fitnessstudiotypen, ultraaufgepumpt und voller Muskeln“. Die merkten bei ihrem ersten Besuch in der Boulder Base schnell: Irgendetwas fehlt noch, mit Kraft allein komme ich nicht weit. „Du brauchst hier deinen Kopf, alles passiert im Kopf. Bouldern ist Meditation“, sagt Faiß. „Du vertiefst dich in die Routen, denkst nur an den nächsten Schritt und vergisst alles, das im Alltag nervt.“

Als das Fernsehen einen Beitrag über ihn drehte, fühlte Faiß sich zu gut dargestellt. Er möchte nicht sich in den Vordergrund rücken, sondern viel lieber seinen Sport. Ein bisschen versteht er sich als Botschafter. Denn Bouldern ist noch jung, als Hallensport nicht einmal zehn Jahre alt. Und Bouldern boomt. Seine Zeitgeistigkeit merkt man dem Sport vor allem im vorderen Drittel der Boulder Base an, der Lounge-Ecke, wo alte Weinkisten an den Wänden baumeln, Euro-Paletten zu Tischen umfunktioniert und gerne mal Techno-Sets live am Pult improvisiert werden. „Für mich hat das hier was von einem Wohnzimmer“, sagt Faiß. Mit seinem Nebenjob in der Halle versucht er, anderen sein Wohnzimmer näherzubringen.

Auch wenn er gerade in der Boulderhalle Geld verdient, ist er sich sicher: „Bouldern bleibt mein Hobby. Natürlich will ich so gut sein wie die Profis, aber ich will selbst keiner werden.“ Philipp Faiß ist keines dieser Talente, das nach Rekorden und einem Leben als um die Welt reisender Profi strebt. Die Welt wird er trotzdem sehen. Von oben. Als Pilot.

Im nächsten Teil unserer Serie erzählen wir, wie die Hockeyspielerin Emma Davidsmeyer auf dem Feld zur Führungskraft gereift ist.
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