Hausbesuch: Elke von Oehsen trägt als eine von wenigen Frauen bundesweit den achten Dan im Karate Meditation in der Bewegung

Elke von Oehsen aus Osterholz-Scharmbeck trägt als eine von wenigen Frauen bundesweit den achten Dan im Karate und vergleicht dessen Mentaltraining mit der japanischen Tusche-Malerei: Beides durchdringt sie zuerst geistig und dann handelt sie schnell.
25.01.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Meditation in der Bewegung
Von Undine Zeidler

Elke von Oehsen aus Osterholz-Scharmbeck trägt als eine von wenigen Frauen bundesweit den achten Dan im Karate und vergleicht dessen Mentaltraining mit der japanischen Tusche-Malerei: Beides durchdringt sie zuerst geistig und dann handelt sie schnell.

Osterholz-Scharmbeck. Wenn Elke von Oehsen lacht, kneift sie die Augen zusammen und ihr Gesicht mutet fast asiatisch an. Das mag Zufall sein. Dass sie ihre Gäste bittet, die Schuhe im Flur auszuziehen, ist keiner. "Weil ich so ein bisschen japanisch angehaucht bin", begründet sie, warum sie keine Straßenschuhe im Wohnzimmer mag. In dem Raum mit karamellfarbigem Teppichboden verströmen Schiebetüren mit Papierkassetten, ein Bonsai und die Steinlaterne fernöstliches Flair. Wenn Elke von Oehsen alle Japan-Reisen zusammenzählt, hat sie wohl ein Jahr in Fernost verbracht. Der Sport führte sie dahin. Sie ist Karateka mit dem achten Dan, dem achten Meistergrad von zehn möglichen.

Kampfrichterprüfung in Japan

1984 reiste von Oehsen (Jahrgang 1956) erstmals nach Japan und startete bei der Wado-Kai Weltmeisterschaft vor 15000 Zuschauern im Olymp aller Budo-Kämpfer, dem Budo-Khan in Tokio. Im gleichen Jahr legte sie in Japan die Prüfung zur Kampfrichterlizenz ab. Da trug Elke von Oehsen bereits den dritten Dan und trainierte mehr als zehn Jahre Karate.

Wado, Weg der Harmonie, heißt ihr Karate-Stil, einer von rund 25, die nach ihren Worten derzeit allein in Deutschland betrieben werden. Tendenz steigend. "Ich wollte etwas mit Kampfsport machen", erzählt von Oehsen. 1971 begann sie mit Judo. Als ein Jahr später in Osterholz-Scharmbeck die erste Karate-Trainingsgruppe eröffnet wurde, war sie dabei. Sie schmunzelt. "Da wollte man mich erst nicht haben." Karatewettkämpfe waren zu dieser Zeit für Frauen noch verboten. Doch kaum, dass sie mit Karate begonnen hatte, wurde sie Trainerin. Von 1972 bis 1984 blieb sie es im 1. Budo-Club Osterholz-Scharmbeck.

Elke von Oehsen praktiziert nach ihren Worten "altes Karate". Pokale stehen da im Gegensatz zum versportlichten Wettkampfkarate nicht im Vordergrund. Ihr geht es vielmehr darum, immer etwas zu verfeinern. Von Oehsen erklärt: "Ich kann das, was ich vor 20 Jahren noch über Kraft gemacht habe, nun über die Technik. Es wird immer leichter."

Dabei schaffen es nur wenige Frauen bis zum ersten Dan. Viele hören beim orange-grünen Gürtel auf, hat von Oehsen im Laufe ihres Trainerlebens beobachtet. Dann sind sie Mitte 20. Aber einige kehren nach 20 Jahren zurück, wenn die Kinder größer sind und der Beruf etabliert ist. Bei Karate kein Problem, meint von Oehsen. Man kann es noch mit 60 beginnen, man kann es auch im Rollstuhl betreiben. Seit 1984 ist sie Karate-Trainerin beim TV Eiche Horn in Bremen und trainiert dort inzwischen Trainer und tut das, was nach ihren Worten ein Trainer soll: "Energie geben, ein bisschen anpieken."

Wäre es nach Elke von Oehsens langjährigem Trainer gegangen, hätte es diesen Weg nicht gegeben. Schon bald nachdem sie mit Karate begonnen hatte, fuhr sie an jedem Sonnabend zu dem Japaner nach Hamburg. Wie lange solch eine Trainingseinheit dauerte, wusste keiner. "Damit man seine Kraft nicht einteilen kann." Damit man Höhen und Tiefen erlebte und seine Grenzen kennenlernte.

Von Oehsen kneift wieder die Augen zusammen und lacht: "Dieser japanische Trainer hat sich große Mühe gegeben, mich rauszuekeln." Er ließ sich von allen in der Gruppe, Männern, den Namen sagen, nur nicht von ihr. Sie blieb, dachte sich: Das ist der, von dem ich lernen kann.

Als der Trainer nach einem Jahr doch nach ihrem Namen fragte, antwortete sie: "Das ist jetzt auch nicht mehr wichtig." 25 Jahren trainierte Elke von Oehsen bei ihm und sie wurden "wirklich gute Freunde". Als er seinen achten Dan ablegte, begleitete sie ihn nach Japan. Er hatte sie als Partnerin für seine Dan-Prüfung ausgewählt. Sie wusste um die Ehre. Heute kichert sie: "Ja, da hatte er schon zu ihr gestanden und sie öffentlich seinen Kohai genannt, seinen auserwählten Schüler." Gemeinsam schrieben sie Bücher über Karate.

Das große Ziel: An nichts denken

Als von Oehsen mit Karate begann, haftete dem Sport noch etwas Exotisch-Mystisches an. Sie hingegen interessierte das, was mit ihr selber passiert. Durch Karate wurde sie körperlich fitter und sie lernte sich mit ihren Stärken und Schwächen besser kennen. Zudem erfuhr von Oehsen: Kämpfen ist zu 90 Prozent mental. Sie sagt, sie kann sich eine Karateübung auch vorstellen, wenn sie im Wohnzimmer auf der mit einem Lammfell belegten Sitzbank sitzt und kann spüren, ob sie dabei etwas falsch macht. Hier sieht sie eine Parallele zur Meditation, die sie in einem Zen-Kloster einmal ausprobierte: Das große Ziel ist, an nichts zu denken.

Nur ist ihr Meditation zu bewegungslos. Sie grinst. "Action mag ich." Aber ihr japanischer Trainer nannte Karate einmal "Meditation in der Bewegung". Das passt besser zu ihr und dazu passt der Fitnessraum eine Etage höher mit Sandsack, Sprossenwand, Judomatten und dem Reaktionstestgerät, das die Sportwissenschaftlerin für ihre Dissertation gebaut hatte. Unter der Treppe steht das Laufband. Ein Ende des Karate-Lernens ist für Elke von Oehsen nicht in Sicht: "Ich kann alles - den Punkt wird es nie geben." Stattdessen geht es ihr um ein immer tieferes in die Dinge eindringen und dabei nicht fremdbestimmt sein. Dann nähert sie sich ihrem Ziel: "Das Leben muss für einen stimmig sein." Den Weg dahin haben sie Karate und japanische Freunde gelehrt: Sich auf den äußeren Rahmen einlassen, sich innerlich aber nicht zu beschränken. Sie sagt: "Es liegt an mir, ob ich mich in meinem Denken beschränke."

Elke von Oehsen tut das nicht. In ihrem Leben zählt nicht nur Karate. Ihre zahlreichen Bücher verstaut sie hinter der selbst entworfenen und beklebten Holz-Papierwand. Sie interessiert sich für Architektur und Sprachen, cruist mit dem Motorrad, fotografiert oder bereist die Welt. Entfernungen bis acht Kilometer läuft sie, bis 25 Kilometer fährt sie mit dem Rad und erst darüber hinaus setzt sie sich ins Auto.

So wie sich Elke von Oehsen in Karateübungen mental vertieft, hält sie es auch bei einem ihrer Hobbys: Bilder zieren ihre Wohnung. Stierkämpfer oder Bambustriebe. Gemalt mit japanischer Tusche auf japanischem Reispapier. Auch da erschafft Elke von Oehsen das vollständige Bild erst in ihrem Inneren und malt dann "wie im Rausch". Während sie davon erzählt, lächelt sie wieder und zitiert noch eine Lebensregel: "Es liegt an mir, wenn etwas nicht funktioniert."

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