Im EM-Turnier ist nur das Team von Joachim Löw noch ohne Gegentor – und das, ganz ohne zu mauern Meisterhafte lange Bälle

Lille. Mit seinen Psycho-Mätzchen war Juraj Kucka an den Falschen geraten. Der slowakische Profi des AC Mailand hatte soeben das entscheidende Kopfballduell gegen Joshua Kimmich gewonnen und den deutschen Torwart Manuel Neuer zu einer Glanzparade gezwungen, da wollte Kucka noch Spielchen spielen.
28.06.2016, 00:00
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Meisterhafte lange Bälle
Von Marc Hagedorn

Lille. Mit seinen Psycho-Mätzchen war Juraj Kucka an den Falschen geraten. Der slowakische Profi des AC Mailand hatte soeben das entscheidende Kopfballduell gegen Joshua Kimmich gewonnen und den deutschen Torwart Manuel Neuer zu einer Glanzparade gezwungen, da wollte Kucka noch Spielchen spielen. Er baute sich vor Kimmich auf, um den schmalen deutschen Verteidiger ein wenig einzuschüchtern. Aber schon im nächsten Moment ging Jérôme Boateng dazwischen. Der deutsche Abwehrchef, den manche Medien längst nur noch „Boss Boateng” nennen, baute sich seinerseits nun vor Kucka auf. Damit waren die Verhältnisse wieder zurechtgerückt.

Jetzt ist Jérôme Boateng also auch noch der Beschützer seiner Mitspieler. Was ist über ihn bei diesem Turnier nicht schon alles gesagt und geschrieben worden: Er war der Retter im Spiel gegen die Ukraine, als er spektakulär in höchster Not ein Gegentor verhinderte. Nach dem 0:0 gegen Polen war er der Klartext-Sprecher, der die Schwächen im deutschen Spiel deutlich benannte. In den Tagen nach dem Nordirland-Spiel sorgte sich der fußballinteressierte Teil der deutschen Bevölkerung um Boatengs Wade. Und jetzt gegen die Slowakei schoss dieser Kerl auch noch das erste Tor für Deutschland.

Aber auch seine ureigenste Aufgabe erfüllt Boateng hervorragend: nämlich zu verhindern, dass der Gegner Tore schießt. Ohne Gegentor ist bei diesem Turnier nur noch die deutsche Mannschaft, und das ist eine ziemliche Sensation, dafür muss man nur ganz willkürlich einige Ergebnisse seit der vergangenen WM herausgreifen. Gleich nach dem Titelgewinn setzte es vier Gegentore gegen Argentinien, gegen Polen spielte die deutsche Mannschaft im selben Jahr 0:2, danach gab es ein 2:2 gegen Australien und noch in diesem Frühjahr in Berlin ein 2:3 gegen England.

Selbst den Slowaken, die am Sonntag nur einmal wirklich gefährlich zum Abschluss kamen, hatte die deutsche Mannschaft vor gut vier Wochen im EM-Test von Augsburg noch drei Treffer erlaubt. Aber das scheint Lichtjahre her zu sein. Das liegt auch daran, dass Bundestrainer Joachim Löw die bestmögliche Besetzung für die Viererkette gefunden hat. Anders als für seine vier Offensiven gilt für die vier Defensiven das Prinzip der Austauschbarkeit weniger. Boateng und Mats Hummels, der seine alte Wettkampfform wieder erreicht hat, bilden die vermutlich beste Innenverteidigung bei diesem Turnier. Dahinter steht der beste Torwart, das ist bekannt. „Das ist Manu”, sagte Boateng nach Neuers Parade gegen den Kucka-Kopfball, „den hält, glaub‘ ich, nicht jeder. Er aber schon.”

Wenn es nach wie vor Zweifel an der defensiven Tüchtigkeit gibt, dann betreffen sie die Außenbahnen. Jonas Hector ist links zwar konkurrenzlos und spielt auch ein sehr ordentliches Turnier. Aber niemand weiß, wie er gegen Außenstürmer klarkommt, die Extraklasse verkörpern. Einzig auf der rechten Seite nimmt Löw freiwillig Wechsel vor. Da entscheidet er nach den Stärken und Schwächen des Gegners, ob er lieber mit einem offensiven Außenverteidiger (Kimmich) oder einem defensiv stärkeren Mann (Benedikt Höwedes) spielen lässt.

Bemerkenswert ist die deutsche Zu-null-Bilanz auch deshalb, weil die defensive Stabilität nicht zulasten der offensiven Bemühungen geht. Die deutsche Mannschaft ermauert sich ihre defensiven Erfolgserlebnisse nicht. Im Gegenteil: Das deutsche Angriffsspiel fängt schon hinten an, mit Neuers schnellen Abwürfen, Hummels‘ sicherem Aufbauspiel und Boatengs meisterhaften langen Bällen. Umgekehrt denken die Offensivspieler konsequenter als noch zu Turnierbeginn nach hinten. „Wir arbeiten als Mannschaft zusammen”, hat Boateng festgestellt.

Das größte Problem haben im Moment die Statistik-Freaks. Hält Manuel Neuer nun den Rekord für die längste Zu-null-Serie oder doch noch Jens Lehmann? Neuer hat fünf Spiele am Stück kein Gegentor kassiert. Lehmann kommt auf 681 Minuten, was umgerechnet siebeneinhalb Spiele ergibt. Allerdings hat Lehmann sie nicht alle an einem Stück bestritten. Und nun? Die simpelste Lösung wäre, wenn die deutsche Mannschaft einfach weiterhin gegentorfrei bliebe. „Gehen tut alles”, sagte Boateng, „unser Ziel ist immer, dass erst einmal die Null steht.” Aber ab jetzt gilt ein erhöhter Schwierigkeitsgrad: Die Gegner werden stärker.

„Deutschland schickt eine unheilvolle Warnung.“ Daily Mail, England
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