Kapitän der Fischtown Pinguins

Mike Moore über Boxkämpfe und Respekt im Eishockey

Pinguins-Kapitän Mike Moore erzählt über Boxkämpfe im Eishockey, Respekt und Aufopferung.
16.02.2019, 21:16
Lesedauer: 6 Min
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Mike Moore über Boxkämpfe und Respekt im Eishockey
Von Marc Hagedorn
Mike Moore über Boxkämpfe und Respekt im Eishockey

Mike Moore ist höflich, gebildet und reflektiert, aber manchmal muss er seine Fäsute sprechen lassen.

Michael Bermel / Imago

Mike Moore ballt beide Hände zu Fäusten. Dann legt er sie aneinander, Daumen an Daumen. Der Daumen der rechten Hand ist deutlich kürzer als der seiner linken, dafür ist das Daumengelenk rechts deutlich dicker als links. Die Asymmetrie ist die Folge eines Trümmerbruchs, den er sich bei der Ausübung seines Jobs zugezogen hat. Mike Moores Hände sind die Hände eines Eishockeyprofis. Moore, 34, ist der Kapitän der Fischtown Pinguins.

Aber es soll bei diesem Termin mit dem WESER-KURIER in der Eisarena Bremerhaven nicht um Verletzungen, Narben und Wunden gehen, die ein Kämpfer stolz vorzeigen kann, als Zeichen für seinen Mut, seinen Kampfgeist und seine Opferbereitschaft. Die sichtbaren Folgen der Kämpfe auf dem Eis sollen allenfalls am Rande eine Rolle spielen: die blauen Augen, herausgeschlagenen Zähne oder blutenden Platzwunden. In diesem Gespräch soll es stattdessen um den tieferen Sinn dieser Angelegenheit gehen.

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Kämpfe im Eishockey sind eine Wissenschaft für sich. Die Kämpfer, im Amerikanischen Enforcer genannt, bilden eine Bruderschaft. Moore hat nie dazu gehört, er ist froh, dass er sich eher am Rande bewegen konnte. Denn Enforcer zahlen einen hohen Preis, und der Schmerz und das Blut sind nur der offensichtliche Tribut.

64 Kämpfe in rund 700 Spielen

Mike Moore hat auch gekämpft und zwar regelmäßig. 64 Kämpfe in rund 700 Spielen sind es, so genau wird darüber in Kanada Buch geführt. Moore ist dort, im Mutterland dieses Sports, geboren. Und wie fast alle Jungs in der Einöde Saskatchewans und den Weiten Albertas und Ontarios wollte Moore Profi in der besten Liga der Welt werden, der NHL. Wer es bis dorthin schaffen will, der muss ein fabelhafter Schlittschuhläufer sein, schnell und wendig, er muss mit Puck und Schläger umgehen können, einen eisernen Willen und einen Körper am besten aus Stahl besitzen.

Moore sagt, er sei ein sehr ordentlicher Schlittschuhläufer. Ein sehr umsichtiger Abwehrspieler ist er auch, das wissen sie in Bremerhaven seit fast drei Jahren sehr zu schätzen. Willensstark ist Moore sowieso, und hart trainiert hat er sein Leben lang, angefangen mit fünf, sechs Jahren, als der Vater in jedem Winter den Garten im heimischen Calgary unter Wasser setzte, damit die Moore-Jungs eine Eisfläche zum Spielen hatten. „Aber mir war früh klar, dass ich noch mehr in die Waagschale werfen musste, wenn ich es tatsächlich bis in die NHL schaffen wollte“, sagt Moore. Also setzte er seine Fäuste ein, wenn es sein musste.

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„Die Kämpfe im Eishockey sind in Kanada eine ganze Zeit lang glorifiziert worden“, sagt Moore. In den wilden 70er- und 80er-Jahren waren zwei, drei Boxkämpfe, manchmal sogar wüste Schlägereien zwischen allen Spielern beider Teams an der Tagesordnung. Aus dieser Zeit stammt auch ein Spruch, den jeder Eishockeyinteressierte in Kanada kennt. Er geht so: Ich ging zu einem Boxkampf, und plötzlich brach ein Eishockey-Spiel aus. Mike Moore haben die furchtlosen Kämpfer auch fasziniert.

Aber er wollte nie ein Enforcer sein, auch wenn er manchmal zu ihrer Methodik greifen musste. Denn wenn Eishockeyspieler zu Faustkämpfern werden, dann geht es nie um das Prügeln um des Prügelns willen. „Sondern wir tun es für die Mannschaft“, sagt Moore. Etwa um das Momentum im Spiel zu verändern. Oder um einen Teamkollegen zu verteidigen. Oder um den besten Spieler der eigenen Mannschaft zu schützen, denn jeder Gegner soll wissen: Greifst du unseren Star an, dann schicken wir unseren besten Kämpfer aufs Eis, und er wird dafür sorgen, dass du für deine Respektlosigkeit bezahlst.

Kämpfen um ein Statement abzugeben

Mike Moore hat stets gekämpft, um ein Statement abzugeben. Zum Beispiel als er mit 17 beim Probetraining der Lethridge Hurricanes war. Die Mannschaft spielt in der höchsten kanadischen Nachwuchs-Liga, „und ich wollte mir einen Namen machen“, sagt Moore, der einer unter Dutzenden von talentierten Spielern bei diesem Vorspielen war. „Also bin ich hin zum größten Jungen auf dem Eis und habe ihn zum Kampf herausgefordert.“ Moore schlug sich, buchstäblich, gut. Genommen wurde er aber trotzdem erst später.

Da spielte er schon für ein anderes Team in der Nähe von Vancouver, wieder ging es darum, auf sich aufmerksam zu machen. „Ich weiß es noch genau“, sagt Moore. Er suchte sich einen gewissen Tyson Terry aus, genannt TNT, „denn wenn einer einen Kampfnamen hat, dann weißt du, dass er ein harter Typ ist“. Die Talentsucher der Elite-Universität Princeton, zufällig Augenzeuge des Duells, waren so angetan von dem couragierten Moore, dass sie ihn für ihr Uni-Team wollten und ihm ein Stipendium anboten. Vier Jahre später hatte Moore einen Abschluss als Raumfahrt-Ingenieur.

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Die kanadische Internetseite „dropyourgloves.com“ ist nach dem Eishockey-Slang fürs Kämpfen benannt: Traditioneller Weise lassen die Spieler ihre Handschuhe (gloves) zu Boden fallen (drop), bevor sie zu kämpfen beginnen. Auf der Seite werden alle Kämpfe im nordamerikanischen Profi- und Nachwuchsbereich katalogisiert und archiviert – in Wort und oft sogar Bewegtbild. Die Betreiber der Seite geben Noten für den Unterhaltungswert der Kämpfe und die Technik der Kämpfer.

Großer Kampf bereits früh in der Karriere

Einer der größten Kämpfe von Mike Moore fand früh in seiner Profikarriere statt. Moore, 24 damals, hatte es tatsächlich in den NHL-Kader der San Jose Sharks geschafft, und im letzten Vorbereitungsspiel gegen die Vancouver Canucks ließ er gegen einen gewissen Rick Rypien die Handschuhe fallen.

Es war kein Zufall, dass Moore sich Rypien ausgesucht hatte. Rypien galt zu der Zeit als einer der härtesten Kämpfer in der Liga, ideal für einen aufstrebenden Spieler wie Moore, um den Trainern zu zeigen, dass sie auf ihn zählen können. „Dropyourgloves.com“ bewertete den Kampf hoch, lobte Moores Courage und seine Fähigkeit, während des Kampfes die Schlaghand von rechts auf links zu wechseln; eine Folge des Boxtrainings, das er einige Jahre lang machte. Auf sechs Einsätze für die San Jose Sharks brachte es Moore in der NHL. Er hat seinen Traum, wenn auch nur kurz, gelebt.

Kritiker, die Kämpfe im Eishockey am liebsten komplett verbieten würden, haben für Enforcer oft nur Hohn und Spott übrig. „Goons“ nennen sie diese Spieler gern, das ist abschätzig gemeint, so in der Art von Dummkopf. Viele Fans, aber vor allem der innere Zirkel des Profi-Eishockey, also Trainer, Manager und Mitspieler, schätzen Enforcer dagegen sehr, auch Moore spricht mit größter Hochachtung von ihnen.

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„Sie waren immer die nettesten und beliebtesten Spieler in der Kabine“, sagt Moore, „sie haben das Team zusammengehalten wie eine Mutter die Familie. Sie wissen, dass sie einem höheren Ziel dienen, und alle anderen Spieler wissen das auch. Enforcer haben den härtesten Job in dieser Liga.“ Großmäulige Eishockeyspieler gibt es nicht viele. Wie auch? „Wenn du siehst, wie sich ein Teamkollege für dich aufopfert, dann sagst du nicht: Ich bin der Größte“, so Moore, „und wenn du weißt, dass dich auf dem Eis gleich einer packen kann und dir ins Gesicht schlagen will, dann bist du demütig.“

Hirnschäden führten zu Todesfällen

Es ist knapp acht Jahre her, dass Kanada und sein Nationalsport tief erschüttert wurden. Innerhalb weniger Wochen starben mehrere aktive und ehemalige NHL-Spieler. Wie man heute weiß, litten sie unter Hirnschäden, vermutlich als Folge von Gehirnerschütterungen, die sich sie bei Stürzen, beim Bodycheck und vermutlich auch bei ihren Boxkämpfen zugezogen hatten.

In Kanada, sagt Moore, sei inzwischen ein Bewusstsein für das Risiko von Hirnverletzungen bei Eishockeyspielern entstanden. Er findet das gut. Genau wie die Tatsache, dass in Europa deutlich weniger gekämpft wird, und wenn, dann nicht zum Entertainment der Fans, sondern weil es sich aus dem Spielverlauf heraus so ergibt. Moore hat sich in der DEL bisher nur vier Mal geprügelt. Er kann gut darauf verzichten. Um das nicht zu vergessen, reicht ihm die Erinnerung an Rick Rypien, mit dem er damals, 2008, kämpfte. Rypien, so weiß man heute, litt unter Depressionen, Kritiker schoben es auf seine Rolle als Enforcer. Moore sagt: „Ich wünschte, dass er immer noch unter uns wäre.“ Rypien nahm sich mit 27 das Leben.

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Für die Fischtown Pinguins wird es immer enger. Die direkte Qualifikation für die Play-Offs rückt nach der bitteren Niederlage am Freitag gegen Düsseldorf in weite Ferne. Bereits fünf Punkte Abstand sind es zum sechsten der Liga, ERC Ingolstadt. Besonders bitter ist die Niederlage, da die Mannschaft in der Länderspielpause Zeit hatte zum Regenieren. Schließlich ist der Kader nicht so üppig besetzt, wie es sich Trainer Thomas Popiesch vielleicht wünscht. Doch trotz der Pause mussten siedie Eishockey-Cracks aus Bremerhaven gegen Düsseldorf die sechste Pleite in Folge hinnehmen, obwohl sie mit 3:0 in Führung lagen. (Wir berichteten ausführlich). Nun gibt es aber die nächste Chance, es besser zu machen. An diesem Sonntag um 14 Uhr sind die Schwenninger Wild Wings zu Gast in der Bremerhavener Eisarena. Mit der Unterstützung der eigenen Fans soll ein Sieg eingefahren werden. Vom Tabellenstand ist dies womöglich eine leichte Aufgabe, doch auch gegen das Schlusslicht der DEL heißt es, konzentriert agieren, um die Niederlagenserie zu stoppen.

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