Meine Woche

Mit dem Sekt unter die Dusche

Mittwoch, 11. Januar: Der Wecker klingelt bereits um 4.45 Uhr.
18.01.2017, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Karsten Hollmann
Mit dem Sekt unter die Dusche

Meine Woche

frei

Mittwoch, 11. Januar: Der Wecker klingelt bereits um 4.45 Uhr. Meine Freundin Sina Benz studiert in Vechta und fährt um 6.22 Uhr am Bremer Hauptbahnhof los. Ich darf den Tag zu Hause verbringen, weil ich mir beim ersten Turnier eine Grippe eingefangen habe. Es handelt sich um einen letzten Tag Erholung, bevor die Mannschaft am Donnerstag wieder ins gemeinsame Training für das Turnier am Sonntag startet. Den Tag nutze ich, um einige ausstehende Dinge zu erledigen. Ich mache Werbung für den Verein und die Tanzgruppen. Außerdem schaue ich mir die Videos der beiden Turnierdurchgänge an und betreibe eine Fehleranalyse. Da meldet sich sofort eine leichte Nervosität und Vorfreude auf das nächste Turnier. Die gemeinsame Zeit mit Sina ist knapp. Meistens sind wir beide so müde, dass wir uns nur noch kurz vor den Fernseher setzen, um uns über das Weltgeschehen zu informieren.

Donnerstag, 12. Januar: Heute geht es wieder zur Arbeit an die Bremer Universität. Dort ist nach den Feiertagen und der Krankmeldung viel zu tun. Ich fahre direkt von der Arbeit zum Training in Verden. Unsere Formation, das Team Ars Nova, setzt sich zusammen aus Tänzern des TTK Grün-Weiß Vegesack und der TSG Ars Nova Verden. Dementsprechend trainieren die Tänzer abwechselnd in Bremen-Nord, Bremen und Verden. In Bremen-Nord ist es schwierig, eine Sporthalle zu mieten: Es gibt viele Vereine und zusätzlich den Schulsport. Unterwegs nach Verden hole ich Sina direkt am Hauptbahnhof ab. Wir beide tanzen gemeinsam Formation und Einzel und seit der letzten Mitgliederversammlung bilden wir auch das Presseteam des TTK. Die gemeinsamen Aufgaben ermöglichen es uns, Zeit miteinander zu verbringen. Das Training konzentriert sich auf Feinheiten in der Choreografie. Wir trainieren auf Synchronität und die Schwierigkeiten. Zu den Schwierigkeiten gehören diverse Pirouetten, bei denen die Dame sitzend oder stehend vom Herren gedreht wird. Außerdem gehört das „Roundabout“ dazu, bei dem sich die Dame, sitzend am ausgestreckten Arm des Herren, und der Herr als Paar gleichzeitig drehen oder drehend fortbewegen. Hier hatte es zuletzt zumindest in der Vorrunde einige Patzer gegeben, die wohl der Nervosität des ersten Turniers geschuldet waren.

Freitag, 13. Januar: Der Weg zur Arbeit gestaltet sich als Rutschpartie. In der Nacht hat es stark geschneit. Als Folge der nicht sehr niedrigen Temperaturen begrüßt mich draußen der typische norddeutsche Schneematsch. Da kommt Freude auf. Zumindest sind die meisten Wege schon geräumt. Auch der innerstädtische Verkehr scheint zu fließen. Häufig reicht ja bereits sehr wenig aus, um den Verkehr zu stören, wie beim morgens notorisch verstopften Nordwestknoten oder dem Stern. Die Arbeit ist fordernd. Nur gut, dass es als Ausgleich zum Theoretischen um 19 Uhr zum Training geht. Die Choreografie wird Tanz für Tanz immer und immer wieder wiederholt. Mehr Präsenz nach oben, mehr Fokus zum Publikum, mehr Energie. Der Schweiß läuft, das Training fordert einem körperlich rundum alles ab.

Sonnabend, 14. Januar: Ich nutze den Tag zur Vorbereitung auf das Turnier und lege schon mal alles bereit. Gelegentlich macht sich ein wenig die Nervosität breit. Insgesamt überwiegt aber die Vorfreude auf einen tollen Tag. Schließlich wollen wir unseren ersten Platz verteidigen. Zum Mittagessen gibt es Nudeln. Diese liefern viel Energie für das bevorstehende Turnier. Schließlich gehen Sina und ich nach einem entspannten Tag recht früh ins Bett, da wir morgen fit sein müssen.

Sonntag, 15. Januar: Wir machen uns gegen 7.15 Uhr über die verschneiten und vereisten Straßen auf den Weg zur Halle 7. Die Mannschaft ist trotz der frühen Uhrzeit bester Laune. Wir beziehen unsere zur Überraschung aller eine geräumige Kabine. Da der Formationstanzsport zu einem wichtigen Teil darauf aufbaut, dass die tanzenden Paare verschiedene Bilder im Verlauf der Choreografie auf die Fläche stellen, muss man sich vorher mit derselben vertraut machen. Die Platten des Bremer Parketts sind etwas größer als sonst. Unser Trainer Lars Tielitz von Totth hat wenig an der Stellprobe auszusetzen. Die Erleichterung ist fast greifbar. Bis zum Wettkampf haben wir jetzt noch gute fünf Stunden Zeit. Die Damen beginnen sich zu schminken. Dazu wird zunächst der Selbstbräuner durch Schminke zusätzlich intensiviert. Danach werden die Haare streng zurückgegelt und die Zöpfe zu einem Dutt zusammengefasst. Das Gesicht wird mit Camouflage braun gefärbt. Es folgen Rouge, Lidschatten, Highlighter, Mascara, Lippenstift. Es ist eine langwierige Prozedur, die viel Fingerspitzengefühl und vor allem jede Menge Zeit erfordert. Die Haare werden mit Schuhcreme schwarz gefärbt, der Dutt mit schwarzem Haarspray. Ich helfe Sina dabei. Zum Abschluss wird ein bestrasstes Haarband mit einem funkelnden Stein auf die Stirn geklebt und die Haare mit Glanz versehen. Anschließend sprüht Sina meine Haare schwarz an und hilft mir beim Schminken. Für die Herren ist dies deutlich weniger aufwendig. Die sechs Minuten Choreografie vergehen wie im Flug. Am Anfang ist die Nervosität noch spürbar. Diese legt sich jedoch rasch. Die Mannschaft tanzt energievoll und synchron, präsentiert sich von ihrer besten Seite. Abmarsch, Erschöpfung. Ein klasse Durchgang in der Vorrunde. Das Publikum ist grandios und gibt der Mannschaft die eingesetzte Energie doppelt zurück. Nach dem zweiten Durchgang sind alle platt. Nachdem wir Luft geholt haben, beginnt das bange Warten auf die Bekanntgabe der Wertungen. Die Freude über Platz eins bricht sich ihre Bahn. Einige können die Tränen nicht zurückhalten. Wir fallen uns in die Arme. Dafür hat sich das viele Training mit Schweiß, Blasen, Tränen, Schmerzen, Muskelkater gelohnt. Jetzt wird gefeiert: Mit ein paar Flaschen Sekt geht die Mannschaft duschen.

Montag, 16. Januar: Der gestrige Tag steckt uns in den Knochen. Der Alltag hat uns wieder. Wir werden nicht richtig wach. Im Kopf habe ich immer noch Bilder vom Turnier. Erst langsam beginne ich zu realisieren, dass wir gewonnen und nun auch in der Tabelle einen guten Punktevorsprung haben. Wir erhielten vor Kurzem schlechte Nachrichten: Das Pfarramt der St.-Marien-Gemeinde in Blumenthal hat unser Mietverhältnis gekündigt. Wir stehen also ab Sommer erst einmal ohne feste Halle da und sind auf der Suche nach Ersatz.

Dienstag, 17. Januar: Bis Sonntag haben wir kein Training. Nun trainiert verstärkt die Nachwuchsmannschaft, die sich am nächsten Wochenende auf der Generalprobe präsentieren wird. Wie auch das B-Team zum Anfeuern bei den A-Team-Turnieren war, feuert auch das A-Team das B-Team an. Mein Vater hat unseren jüngsten Durchgang gefilmt. So können wir es noch einmal genießen, wie toll die Mannschaft zusammengefunden hat.

Matthias Herkt, der neue Trainer des Handball-Verbandsligisten SV Grambke-Oslebshausen, wird als Nächster über seine Woche berichten.

Zur Person

Daniel Erben (28) ist Tänzer und Pressewart beim Turnier-Tanz-Klub (TTK) Grün-Weiß Vegesack. Der Doktorand am Institut für theoretische Physik an der Universität ­Bremen zählt bereits seit 2009 zu den­Mitgliedern in diesem Verein
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