Schiedsrichterin im Portrait Mit Humor und Fingerspitzengefühl

Die Bremerin Christine Frai war 2004 die erste Frau vom DFB, die zur Schiedsrichterin des Jahres gewählt wurde und Sportlerin des Jahres 1995.
11.01.2019, 22:07
Lesedauer: 4 Min
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Mit Humor und Fingerspitzengefühl
Von Ruth Gerbracht

Es gibt zurzeit eine Schiedsrichterin, über die alle reden: Bibiana Steinhaus, Deutschlands erste Fußball-Schiedsrichterin in der Männer-Bundesliga. Dass jedoch die Bremerin Christine Frai 2004 als erste Frau vom Deutschen Fußballbund (DFB) zur Schiedsrichterin des Jahres gewählt wurde, wissen heute nur noch wenige. Dabei war Christine Frai sogar Bremens Sportlerin des Jahres 1995. Für den obligatorischen Ehrentanz hatte sie so gar Walzer geübt. „Und dann wollte Dieter Eilts tatsächlich nicht tanzen“, sagt sie mit einem schelmischen Lächeln.

Die 52-Jährige, die seit vielen Jahren als Schiedsrichterbeobachterin für den DFB unterwegs ist, nimmt es gelassen, dass ihre großen Momente auf dem Fußballplatz heute nicht mehr so präsent sind. Schließlich sei sie ein Mensch, der mehr in der Gegenwart lebt als in der Vergangenheit, und deshalb spricht sie nur zu gerne über Bibiana Steinhaus, die in ihren Augen einen tollen Job macht. Die beiden kennen sich gut. Bibiana Steinhaus hat bei ihr als Linienassistentin ihre ersten internationalen Erfahrungen gemacht. Diese Erlebnisse verbinden die beiden Frauen, die in einer noch immer weitgehenden Männerdomäne für Aufsehen sorgten und weiterhin sorgen.

Und so lohnt sich ein Blick zurück in die Schiedsrichterkarriere von Christine Frai, die ihre Fußball-Begeisterung zunächst als Mittelstürmerin bei der BTS Neustadt auslebte. Doch die Knie hielten den besonderen Drehbelastungen mit dem Ball nicht stand. Mit dem aktiven Fußballspielen war Schluss. Doch wie bleibt man mit dem Sport in Kontakt, den man so liebt? Durch Zufall erfuhr sie, dass man als Bremer Schiedsrichter kostenlos die Werder-Spiele besuchen könne. Das ließ sich Christine Frai nicht zweimal sagen. Also startete sie mit ihrer Schiedsrichter-Karriere 1986 so richtig durch. „Normales Laufen war ja möglich“, erklärt die gelernte Kauffrau, die bei einem Bremer Unternehmen im Export beschäftigt ist.

Konsequent, aber immer auch mit viel Fingerspitzengefühl hatte sich die Bremerin im Laufe der Jahre ganz nach vorne in die Gilde der besten Schiedsrichterinnen gepfiffen. Und das nicht nur bei den Frauen. Auch die Männerspiele, die sie in der damaligen Regionalliga zwischen 1996 und 2000 pfiff, bereiteten der eloquenten und begeisterungsfähigen Schiedsrichterin keinerlei Probleme. Da habe es eher zu Beginn ihrer Karriere mal eine kleine Ausnahmesituation gegeben, als sie ein Spiel ihres Zwillingsbruders leiten musste. Der bekam von ihr eine Gelbe Karte wegen Unsportlichkeit, die er zerknirscht, aber ohne zu Murren hinnahm.

Spieler haben sie immer respektiert

Die Fußballer und Fußballerinnen haben ihre fachliche Kompetenz und ihr souveränes Auftreten auf dem Platz immer respektiert. „Manchmal ist es angebracht, auch mal mit einem Lächeln Situationen zu entkrampfen“, glaubt Christine Frai, die in diesem Zusammenhang auf eine Situation mit Bibiana Steinhaus verweist, als Franck Ribéry ihr bei ihrem ersten Bayern-Spiel aus welchen Scherzgedanken auch immer, die Schnürsenkel öffnete.

Statt Ribéry zurechtzuweisen und mit einer Karte zu bestrafen, ging Bibiana Steinhaus mit einem Grinsen darüber weg. „Damit hat sie genau das Richtige gemacht, das war sensationell“, erklärt Christine Frai. Die Mischung aus fachlicher und sozialer Kompetenz mache – wie in allen anderen Lebensbereichen auch – einen guten Unparteiischen aus, betont die Bremerin.

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1991 wurde sie DFB-Schiedsrichterin und nur vier Jahre später gelang ihr der Sprung zur FIFA-Schiedsrichterin. „Das war eine tolle Zeit“, sagt sie heute noch, „mit vielen Erinnerungen, die einem keiner mehr nehmen kann.“ Sie sei als Unparteiische durch die ganze Welt gereist mit vielen wunderbaren Erlebnissen. Doch wenn sie sich entscheiden muss, dann denkt sie besonders gerne an die Olympischen Spiele 2004 in Athen zurück. Der Grund: Die Stadien seien jedes Mal voll besetzt gewesen, ein Umstand, der ansonsten im Frauen-Fußball nicht so zu finden ist.

Olympia war etwas ganz besonderes

„Vor soviel Zuschauern bei Olympia Spiele zu leiten, war für mich etwas ganz Besonderes.“ Deshalb bedauert sie es ein wenig, dass das Frauen-Pokalfinale nicht mehr in Berlin vor dem Männer-Endspiel ausgetragen wird. 1993 leitete sie dort die Frauen-Partie vor 50 000 Besuchern – eine Zahl, die durch die unterschiedlichen Austragungsort der Frauen und Männerspiele so kaum noch möglich erscheint.

Aber die Zeiten haben sich verändert, was die Bremerin klaglos akzeptiert und mit viel Respekt betrachtet. So seien die zeitlichen, fachlichen und physischen Ansprüche an Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen in diesen Video-Beweis-Zeiten enorm gestiegen. Entscheidungen werden in unterschiedlichen Zeitlupen-Einstellungen immer wieder seziert. Das erfordere eine Menge Selbstsicherheit, Kompetenz und Selbstvertrauen für die Männer und Frauen im vornehmlich schwarzen Dress. Christine Frai weiß, wovon sie spricht.

Schließlich hat sie zwar mit 42 Jahren als Schiedsrichterin aufgehört, doch dem Metier ist sie treu geblieben. „Ich wollte selbst entscheiden, wann ich gehe“, betont Christine Frai, die als Schiedsrichter-Beobachterin bis heute für den Deutschen Fußballbund unterwegs ist. Und das fast jedes Wochenende. Sie versucht dabei immer auch, ihre Erfahrungen miteinzubringen. Entscheidet auch im Zweifel fast immer für die Schiedsrichterin. Vor allem auch in den unteren Ligen sei es wichtig, kompetente Kolleginnen und Kollegen Spiele leiten zu lassen. Aber genau da gibt es zu wenig Personal.

Nur zwei Wochen im Jahr hat sie nichts mit Fußball am Hut. Dann, wenn ihr Arbeitgeber in den Sommerferien 14 Tage Betriebsferien anordnet. „In der Zeit ist tatsächlich fußballerisch nichts los“, erklärt Christine Frai. Anschließend freut sie sich aber wieder, in Sachen Fußball unterwegs zu sein. Wie lange sie als Schiedsrichterbeobachterin für den DFB noch dabei sein wird, lässt die Bremerin offen. Sie wird die Entscheidung irgendwann selbst treffen, bevor es andere für sie tun. Aber bis dahin will sie ihre Erfahrungen noch weitergeben – mit viel Sachkompetenz, Humor und Fingerspitzengefühl.

Info

Zur Sache

Christine Frai

startete 1986 ihre Schiedsrichterkarriere. Die heute 52-Jährige wurde schnell FIFA-Schiedsrichterin und pfiff 2004 bei den Olympischen Spielen in Athen die Damenspiele. Bei den Herren stand sie in der damaligen Regionalliga (heute 3. Liga) als Referee auf dem Feld.

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