Portugal trauert um Eusebio / Für viele war er sogar besser als Mega-Star Cristiano Ronaldo Nationalheld und Heiligtum

Für viele Portugiesen war er sogar besser als Real Madrids Mega-Star Cristiano Ronaldo: Der frühere Superstürmer Eusébio ist tot. Prominente aus aller Welt trauern um den „Schwarzen Panther“.
06.01.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Hartmut Scherzer

Für viele Portugiesen war er sogar besser als Real Madrids Mega-Star Cristiano Ronaldo: Der frühere Superstürmer Eusébio ist tot. Prominente aus aller Welt trauern um den „Schwarzen Panther“.

Das Endspiel um den Europapokal der Landesmeister am 2. Mai 1962 im Olympiastadion von Amsterdam zählt zu den denkwürdigsten und schönsten in der Geschichte dieses Wettbewerbs. Wegen eines 20-jährigen schwarzen Jünglings, der von Kindesbeinen an auf den Straßen der Elendsviertel von Lourenco Marques (heute Maputo), der Hauptstadt von Mosambik, Fußball gespielt hatte. Meist mit Bällen aus Stofffetzen. Eusebio da Silva Ferreira wurde zum Helden dieses Finales.

Der Afrikaner schoss die beiden Siegtore zum 4:3 und 5:3 für Benfica Lissabon gegen die berühmteste und beste Mannschaft der Welt, gegen Real Madrid, den fünfmaligen Europapokalsieger von 1956 bis 1960 mit dem großen Alfredo di Stéfano. Benfica war zwar Cup-Verteidiger (1961 gegen den FC Barcelona 3:2), aber da stürmte Eusebio noch über die ackerartigen Fußballplätze Mosambiks.

Wie von Sinnen rannte Eusebio nach dem Schlusspfiff in Amsterdam über den Rasen und musste regelrecht eingefangen werden. Längst hatten die aufs Spielfeld gestürmten Benfica-Anhänger ihm das rote Trikot vom Leib gerissen. Es war die Nacht, als lange vor Figo und Ronaldo Portugals größer Fußballspieler geboren wurde, der in den sechziger Jahren nahezu auf einer Stufe mit Pelé stand und bei der Weltmeisterschaft 1966 in England sogar den genialen Brasilianer überragen sollte. Eusebio trug vom ersten Spiel an die Nummer 10 auf dem Rücken, wie Pelé. Sie nannten ihn den „Schwarzen Panther“ wegen seiner kraftvollen, schnellen Athletik.

Erst ein Jahr vor dem spektakulären Auftritt in Amsterdam waren die großen Klubs Benfica und Sporting Lissabon auf diesen Rohdiamanten aufmerksam geworden, der seit seinem 15. Lebensjahr für Sporting Louranco Marques Tore wie am Fließband erzielte. Benfica und Sporting stritten sich um den Teenager. Die Mutter entschied schließlich und gab ihrem Sohn den Segen für Benfica, den Traditionsklub, dem Eusebio 14 Jahre lang die Treue hielt, elf portugiesische Titel gewann, 317 Tore in 301 Spielen erzielte, zweimal mit dem Golden Schuh (1968 und 1973) als Europas erfolgreichster Torschütze ausgezeichnet wurde. Eine Traumkarriere für einen Jungen, der in den ärmsten Verhältnissen mit sieben Geschwistern aufgewachsen war und mit fünf Jahren bereits seinen Vater verloren hatte.

Noch nie hatte sich Portugal für eine Fußball-Weltmeisterschaft qualifiziert. Bis Eusebio Nationalspieler wurde. „Diesmal wird die Fußball-Welt staunen“, prophezeite der mittlerweile 23-Jährige nach der Gruppenauslosung in Zürich für die WM-Endrunde 1966 in England. Sicher wurde Portugal Gruppensieger. Im Achtelfinale kam es zum direkten Duell Pelé gegen Eursebio. Portugal besiegte den Titelverteidiger Brasilien in Liverpool 3:1. Der „Matchwinner“: Natürlich Eusebio. Ganz so natürlich war das freilich nicht, denn Pelé wurde zweimal derart hart gefoult, dass er in der zweiten Halbzeit nur noch als Statist auf der linken Seite herumhumpelte. Vor Pelés Verletzung hatten Torres und Eusebio freilich bereits zwei Tore vorgelegt. Nach dem Anschlusstreffer sorgte Eusebio in der 87. Minute dann schließlich für die Entscheidung.

Wie zuvor Italien (0:1) schien auch Portugal gegen die geheimnisvollen Nordkoreaner sein Debakel im Viertelfinale zu erleben. 0:3 lag der Favorit bereits zurück, ehe Eusebio mit vier Treffern am Stück das Spiel noch zu einem 5:3-Sieg drehte. Im Halbfinale, im ehrwürdigen Wembley-Stadion, endete die Eusebio-Euphorie. Zwei Toren von Bobby Charlston konnte Eusebio am Ende dann nur eines entgegensetzen. Immerhin Dritter durch ein 2:1 gegen die Sowjetunion, gegen die Eusebio sein neuntes WM-Tor schoss und zum Schützenkönig von England gekrönt wurde.

Der schwarze Junge aus der Kolonie war der Volksheld in Portugal, eine sympathische Mischung aus Genialität, Schüchternheit und Bescheidenheit. So musste er überredet werden, 1972 mit dreißig Jahren endlich die Kapitänsbinde der Nationalmannschaft zu übernehmen. Eusebio spielte 64mal für Portugal und erzielte 41 Tore. Er ist ein Idol, das mit einer Bronzestatue vor dem Eingang des majestätischen Estadio da Luz verewigt ist. Eusebio wurde zum portugiesischen Sportler des 20. Jahrhunderts gewählt.

Letztmals spielte Eusebio am 19.Februar 1975 für Benfica. Eine Knieverletzung beeinträchtigte seine Klasse und seine Karriere, die er bei verschiedenen nordamerikanischen und mexikanischen Klubs und nach der Rückkehr nach Portugal zu Beira Mar und Uniao Tomar 1978 im Alter von 36 Jahren beendete. Als Vater von zwei Kindern lebte Eusebio nicht im Reichtum, wurde erst Botschafter für die EURO 2004 in Portugal und anschließend des portugiesischen Fußballs. Wer für ihn der Beste war, wurde Eusebio 2005 gefragt. „Di Stéfano, da gibt es keinen Zweifel. Cruyff, Beckenbauer, Pelé, Maradona, Charlton, Eusebio..., wir alle waren auf einer Stufe. Doch di Stéfano spielte in einer anderen Liga. Er war der kompletteste Spieler, den es im Fußball je gegeben hat.“

Und Eusebio war trotz Vigo und Ronaldo der kompletteste Stürmer, den Portugal je hatte. In der Nacht zum Sonntag ist Eusebio da Silva Ferreira im Alter von knapp 72 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben.

Ein Video zu Eusebio finden Sie unter www.weser-kurier.de/

video

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+