Weltcup Neue Gewichtsdiskussion: Springer gegen Magerwahn

Innsbruck. Martin Schmitt wäre fast zum Opfer einer selbstverordneten Diät geworden, Janne Ahonen schockierte die Skisprungszene mit Horrorgeschichten von radikalen Hungerkuren und Wolfgang Loitzl übte heftige Kritik am Magerwahn vieler Kollegen.
03.01.2010, 12:00
Lesedauer: 2 Min
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Innsbruck. Martin Schmitt wäre fast zum Opfer einer selbstverordneten Diät geworden, Janne Ahonen schockierte die Skisprungszene mit Horrorgeschichten von radikalen Hungerkuren und Wolfgang Loitzl übte heftige Kritik am Magerwahn vieler Kollegen.

Knapp sechs Jahre nach der Einführung des Body Mass Index' ist bei der Vierschanzentournee eine neue Magersucht-Debatte hochgekocht und der Ruf nach einer gravierenden Regelreform lauter geworden. «Ich denke, es würde uns allen guttun, wenn wir ein bisschen schwerer sein könnten. Ich bin dafür, den Wert hochzusetzen», sagte Schmitt.

Seit Ahonen in seiner Autobiografie «Königsadler» davon berichtete, wie er mit einer 200-Kalorien-Diät innerhalb von drei Wochen sieben Kilogramm abnahm, ist es mit der trügerischen Ruhe vorbei. Die hatte sich im Frühjahr 2004 eingestellt, als der Weltverband FIS den verbindlichen Body Mass Index (BMI), der durch die Formel Körpergewicht dividiert durch die Körpergröße im Quadrat errechnet wird, auf 18,5 festlegte.

Am Bestreben der Athleten, möglichst wenig Gewicht auf die Ski zu bringen, änderte dies jedoch nichts. «Wenn man Untergewicht so definiert, dass 18,5 der von der Welt-Gesundheitsorganisation vorgegebene Richtwert ist, sind sehr viele im Weltcup-Zirkus sehr nahe an dieser Gewichtsgrenze», sagte Bundestrainer Werner Schuster der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Im Klartext: Zu viele Athleten sind zu dünn. «Es gibt Springer, die sind vier, fünf Kilo weg vom BMI», meinte Schuster.

Mit Anzug, Helm und Schuhen dürfen die Athleten einen BMI von 20,0 haben. Diesen Wert hebt die FIS ab der nächsten Saison auf 20,5 an. Für Schuster und viele andere ist dies nicht mehr als Kosmetik. Denn die meisten Springer nehmen es eher in Kauf, ihre Ski kürzen zu müssen, als Gewicht draufzupacken. 146 Prozent der Körpergröße sind als Skilänge zulässig, ein Kilogramm weniger Gewicht kostet zwei Zentimeter Ski. «Wenn man konkurrenzfähig sein will, darf man nicht weit weg sein von der zulässigen BMI-Grenze», erklärte Schmitt.

Bei einer Körpergröße von 1,82 Meter wiegt der Vize-Weltmeister offiziell 64 Kilogramm. Er selbst räumte vor Saisonbeginn ein, dass es im Idealfall nur 62 Kilogramm sind. Dies ist auch nötig, denn «die Grenze bei meiner Skilänge ist 66,2 kg. Und das Material wiegt rund vier Kilogramm», so Schmitt. Er selbst geht deshalb zweimal in der Woche auf die Waage. «Auch als Mann ärgert man sich über drei Kilo zu viel. Denn Fehler wirken sich bei höherem Gewicht stärker aus», sagte der 31-Jährige.

Er selbst probierte es vor der Saison 2008/09 mit einer Diät, die ihn völlig auslaugte. Dass die deutschen Skispringer auf Betreiben von Bundestrainer Schuster seit dem Vorjahr von Ernährungsberatern betreut werden, hängt zum Teil auch mit Schmitts damaligen Grenzerfahrungen zusammen.

Dessen ehemaliger Weggefährte Sven Hannawald, der zu seiner aktiven Zeit stets in die Nähe der Magersucht gerückt wurde, plädiert heute ebenfalls für eine deutliche Anhebung des BMI. «Damit wäre vielen Springern geholfen, die wochenlang Hungergefühle haben. Die jetzigen Regeln bieten zu viele Schlupflöcher. Mit kürzeren Ski springen die dünneren Springer trotzdem weiter. Es ist besser, wenn man die Verkürzung abschafft und nur auf einen höheren Body Mass Index setzt. Das wäre gesünder und würde den Springern viel Stress mit dem Abnehmen ersparen», sagte Hannawald der «Bild am Sonntag». (dpa)

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