Uwe Gensheimer hat im schwierigsten Spiel seiner Karriere Haltung gezeigt Ohne Worte

Rouen. Das Prozedere, nach einem Länderspiel einen „Man oft the Match“ zu küren, ist meistens eine lästige Pflichtveranstaltung, die kurz und freudlos abgespult wird. In diesem Fall war das anders.
15.01.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Felix Meininghaus

Rouen. Das Prozedere, nach einem Länderspiel einen „Man oft the Match“ zu küren, ist meistens eine lästige Pflichtveranstaltung, die kurz und freudlos abgespult wird. In diesem Fall war das anders. Die Zuschauer in der Kindarena von Rouen erhoben sich von ihren Plätzen und feierten Uwe Gensheimer mit Sprechchören. Der Kapitän der deutschen Handball-Nationalmannschaft hatte beim WM-Auftaktspiel des Europameisters in Rouen eine Leistung abgeliefert, die in jeder Hinsicht bemerkenswert war und die über den Tag hinaus im Gedächtnis bleiben wird. Nicht nur, weil er beim in der ersten Halbzeit souveränen und im zweiten Durchgang hart erkämpften 27:23 (16:11)-Erfolg gegen Ungarn mit 13 Treffern überragend agiert hatte, sondern weil er in einer für ihn außerordentlich schwierigen Situation eine Haltung bewahrte, die den Zuschauern Respekt abnötigte.

Sprechen wollte der 30-Jährige nach dem Spiel allerdings nicht. Im Eilschritt marschierte der Kapitän durch die Mixed Zone; jedes Mal, wenn er von einem der wartenden Journalisten angesprochen wurde, schüttelte er mit dem Kopf. Dabei hätte es so viel zu sagen gegeben. Deutschland hatte seinen ersten Auftritt bei der WM vor allem deshalb gewonnen, weil Gensheimer einen Galaauftritt hingelegt hatte. Wo auch immer der Profi, der sein Geld bei Paris St. Germain verdient, an diesem Abend auftauchte: Er versenkte den Ball mit unnachahmlicher Präzision. Sieben Treffer von der Siebenmeterlinie, sechs aus dem Feld. Nur zwei Mal scheiterte er, als er von außen in den Kreis sprang. Es war eine denkwürdige Vorstellung, und doch wollte der Routinier nicht über das wahrscheinlich beste seiner 133 Länderspiele reden. Was daran lag, dass es auch das mit Abstand schwierigste war.

Gensheimer befindet sich in Trauer. Wenige Tage vor Beginn der WM erlag sein Vater Dieter im Alter von 60 Jahren völlig überraschend einem Krebsleiden. Der Sohn reiste aus dem Vorbereitungs-Trainingslager in der Sportschule Kaiserau ab, um der Familie in seiner Heimatstadt Mannheim beizustehen. Es war unklar, ob und wann der Linksaußen zur Mannschaft zurückkehren würde, erst am Tag vor dem Spiel gegen Ungarn fuhr Teammanager Oliver Roggisch ihn zum Vorrunden-Spielort in der Normandie. In einer Pressemitteilung des Deutschen Handball-Bundes (DHB) wurde Gensheimer folgendermaßen zitiert: „Ich bin jetzt auf dem Weg und werde die Weltmeisterschaft spielen. Das hätte mein Vater so gewollt. Ich bitte um Verständnis, dass ich mich hierzu während der WM nicht weiter äußern werde.“ Und so geschah es: Gensheimer lieferte ein Spiel ab, das von so viel Klasse und Haltung zeugte, dass es für sich sprach.

Dafür sprachen andere. Zum Beispiel Julius Kühn. Der 23-jährige Rückraum-Shooter aus Gummersbach berichtete, er habe angesichts der Vorstellung seines Kollegen eine Gänsehaut verspürt: „Vor solch einer Leistung kann man nur den Hut ziehen.“ Bundestrainer Dagur Sigurdsson fasste den Auftritt sichtlich bewegt mit nur einem Wort zusammen: „Großartig.“ Bob Hanning, der als Vizepräsident im DHB für die sportlichen Belange verantwortlich zeichnet, formulierte wahre Elogen über den Spieler mit dem weltweit größten Wurfrepertoire. Mehr als über den so wichtigen Auftaktsieg habe er sich über das gefreut, was er von Uwe Gensheimer gesehen habe: „Er ist ein fantastischer Kapitän und ein toller Mensch.“

Zudem ist der Badener ein außergewöhnlicher Handballer mit großer Reife, der in einer jungen und hochveranlagten Mannschaft Führungsaufgaben übernimmt. Und der in schweren Zeiten für sich in Anspruch nimmt, von der Gemeinschaft aufgefangen zu werden. Es geht in diesen Tagen für die deutschen Handballer nicht nur darum, sich auf den nächsten Gegner vorzubereiten, sondern auch um weiche Faktoren wie Rückendeckung, Geborgenheit und Teamgeist. Die Pflicht der Gemeinschaft hatte Sigurdsson am Tag vor dem Auftritt gegen Ungarn so formuliert: „Wir müssen Uwe gut empfangen und dafür sorgen, dass er sich wohlfühlt.“ Rückraumspieler Kai Häfner betonte nach dem Spiel, wie wichtig es sei, „für ihn da zu sein, ihm zu helfen, wenn er uns braucht“. Wobei Hanning weiß, wie einsam Trauer macht. „In dieser Situation kann dich kein Mensch aufbauen, du musst mit dem Schmerz alleine umgehen.“

Am Sonntag um 14.45 Uhr trifft das deutsche Team auf Chile, das sein erstes Spiel gegen Weißrussland überraschend gewann. Gensheimer wird im Verlaufe der kommenden Tage noch einmal nach Hause zurückkehren, um bei seiner Familie zu sein und die Beerdigung seines Vaters zu begleiten. Dabei bekommt er freie Hand. Gensheimer könne reisen, „wann immer er will, wann immer es notwendig ist“, betonte Hanning: „Den Zeitpunkt, sich wichtigeren Dingen als Handball zuzuwenden, bestimmt er allein.“ Genau wie den Zeitpunkt, nach vorn zu blicken und zur Normalität zurückzukehren. Bob Hanning wäre es recht, wenn das nicht allzu lang dauern würde. Den berichtenden Journalisten in Rouen beschied er: „Tut uns allen einen Gefallen: Lasst uns nicht mehr so viel darüber reden.“

Mehr als 500 000 sehen Livestream Nach Angaben der Deutschen Kreditbank (DKB) haben mehr als eine halbe Million Menschen das Auftaktspiel der deutschen Handballer im Internet verfolgt. Die DKB überträgt die deutschen WM-Spiele auf ihrer Website und auf Youtube. Die große Zahl der Zuschauer soll aber nicht die Ursache für den 15 Minuten dauernden Ausfall des Livestreams in der ersten Halbzeit gewesen sein. „Nach unseren bisherigen Informationen waren der Grund des temporären Ausfalls keine Serverprobleme oder der hohe Ansturm mit über 500 000 Fans, sondern eine Unterbrechung des Livestreams durch den Rechtevergeber“, teilte ein DKB-Sprecher mit. „Wir gehen derzeit davon aus, dass wir alle weiteren Spiele störungsfrei übertragen können.“
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