Sommerspiele 2032 Olympia an Rhein und Ruhr ausgebremst

Die Bevorzugung von Brisbane als Olympia-Bewerber für 2032 durch das Internationale Olympische Komitee ist für viele eine Vorentscheidung - und das Aus der Initiative Rhein-Ruhr.
25.02.2021, 04:32
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Von wk

Deutschland hat das Bewerbungsrennen um die Olympischen Spiele 2032 schon so gut wie verloren, bevor es richtig begonnen hat.

Ausgebremst wurden die Rhein-Ruhr-Initiative und weitere Interessenten durch die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees, Brisbane bereits elf Jahre vor den Spielen zum bevorzugten Dialogpartner im Vergabeprozess zu machen. Der Vorstoß des IOC überrascht, ist umstritten und stößt auf heftige Kritik.

„Die Mitteilung des IOC ist aus meiner Sicht weit mehr als nur eine unverbindliche Vorfestlegung auf Brisbane als Ausrichterstadt der Olympischen und Paralympischen Spiele 2032“, sagte Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses des Bundestages.

„Langjährige Beobachter der Szene haben genau dieses schon seit geraumer Zeit prognostiziert“, unterstrich die SPD-Politikerin. „Und das neue Auswahlsystem, von IOC-Präsident Thomas Bach als “kostengünstiger und unpolitischer, zudem jegliche unzulässige Einflussnahme verhindernd„ gepriesen, ist aus meiner Sicht an Intransparenz kaum noch zu überbieten“, fügte Freitag hinzu.

Damit würden andere Interessenten „nun zu Statisten“. Darunter die Region Rhein-Ruhr, die lange drauf vertraut habe, dass das in der IOC-Reformagenda 2020 beschriebene „Primat der Nachhaltigkeit tatsächlich eine Rolle für die Entscheidung spielen würde“, so Freitag.

Leichtathletik-Präsident Jürgen Kessing empfindet die Brisbane-Bevorzugung als „schmerzvollen Rückschlag“, die Spiele nach Deutschland zu holen. „Ich denke, wir müssen uns grundsätzlich selbstkritisch hinterfragen wie wir es bei möglichen künftigen Olympia-Bewerbungen schaffen, die Pole Position zu erhalten.“ Auch wenn dies noch nicht gleichbedeutend mit einer endgültigen Vergabe sei, „so befürchte ich doch, dass dies bei den IOC-Mitgliedern richtungsweisend beziehungsweise präjudizierend sein könnte.“

Die privaten Initiatoren der Rhein-Ruhr-Bewerbung wollen ihre Bemühungen, Deutschland 60 Jahre nach den Sommerspielen 1972 in München wieder zum Schauplatz zu machen, fortsetzen. Mit welchen Eifer noch, dürfte auf einer vor dem IOC-Beschluss geplanten Pressekonferenz am 26. Februar sichtbar werden.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) will vom Treffen mit den Bürgermeistern der betreffenden Städte berichten - und wohl auch, ob die Bürgerbefragung zu Olympia im Herbst noch stattfinden wird. „Der Termin bietet die optimale Gelegenheit, die aktuellen Entwicklungen zu bewerten“, teilte ein Sprecher mit.

„Was war nun, elf Jahre zuvor, ausschlaggebend für die Präferenz für Brisbane“, fragt Max Hartung, Säbelfechter und Vorsitzender des Vereins Athleten Deutschland. „Wenn der Prozess nicht nachvollziehbar ist, dann entsteht Misstrauen und der Verdacht auf willkürliche Entscheidungen“. Der ehemalige Fecht-Olympiasieger Bach pariert: Das neue Vergabeverfahren reduziere Kosten, sei unpolitischer und versachliche des Prozess - und produziere weniger Verlierer.

Für Hartung ist das Rhein-Ruhr-Konzept ein Gegenentwurf zu herkömmlichen Bewerbungen, nämlich mit einer Region anzutreten, unter starker Einbeziehung der Athleten und mit Rückenwind aus der Zivilgesellschaft. „Jetzt sieht es so aus, dass die Chancen darauf, einen solchen Gegenentwurf zu gestalten, geschrumpft sind“, sagte er.

Die indirekte Absage des IOC an die Mitbewerber der australischen Stadt in Queensland verlängert die Geschichte der Enttäuschungen und Niederlagen deutscher Bewerbungsversuche um Sommerspiele mit Berlin (für 2000), Leipzig (2012) und Hamburg (2024) oder für den Winter mit Berchtesgaden (1992) und München (2018 und 2022).

DOSB-Präsident Alfons Hörmann wurde bei der Eröffnungsfeier der nordischen Ski-WM in Oberstdorf von der IOC-Präferenz für Brisbane kalt erwischt. „Dass das IOC die Entscheidung über die Olympischen Spiele 2032 nicht 2025 trifft, sondern bereits vier Jahre früher eine Weichenstellung vornimmt, kommt überraschend“, sagte der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes. Sie sei aber vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie nachvollziehbar: „Berechenbarkeit und Planungssicherheit für die olympische Bewegung haben in den zurückliegenden zwölf Monaten seit Beginn der Pandemie deutlich an Bedeutung gewonnen.“

Zugleich verteidigte er das Vorgehen, beim IOC nicht längst ein ernsthaftes Bewerbungsinteresse und Gesprächsbereitschaft hinterlegt zu haben. Vielmehr wollte der DOSB nicht vom „klaren Fahrplan“ für das Jahr 2021 abweichen. „Ein überzeugendes Konzept abschließend erarbeiten, dann die Finanzierung klären, mit diesen Ergebnissen die Bevölkerung befragen und auf dieser Basis die Zustimmung der DOSB-Mitgliederversammlung einholen“, erklärte Hörmann. „Angesichts dieser zeitlichen Entwicklung wäre es nicht seriös gewesen, vorschnell in den Entwicklungsdialog mit dem IOC einzutreten.“

Zweifel, ob dies so einvernehmlich mit den Machern an Rhein und Ruhr abgestimmt war, weckt eine Passage in der Stellungnahme der Initiative. Der IOC-Entscheid sei auch auf die starke Unterstützung von Brisbane durch das australische Nationale Olympische Komitee zurückzuführen, „die im Falle Deutschlands leider nicht gegeben“ gewesen sei. Dazu sagte Dagmar Freitag: „Der DOSB ist auf internationaler Ebene nicht wahrnehmbar.“

Australiens NOK-Präsident John Coates, zugleich IOC-Vizepräsident und Vertrauter des deutschen IOC-Bosses Bach, sprach von einer „reifen Entscheidung“ des IOC und betonte, dass die anderen potenziellen Bewerber, zu denen Budapest und Katar gehören, nur „für zukünftige Spiele geparkt“ worden seien. Für die Regierungschefin von Queensland, Annastacia Palaszczuk, ist die Bevorzugung von Brisbane der Beginn „einer neuen, goldenen Zeit“.

Für die 2,5-Millionen-Stadt spricht, dass ihr Olympia-Konzept laut IOC voll auf er Linie der Agenda 2020 sei und bereits über 80 bis 90 Prozent der benötigten Sportstätten verfüge. Außerdem war Australien zuletzt 2000 mit Sydney und könnte es nach 32 Jahren wieder sein.

© dpa-infocom, dpa:210224-99-580502/5 (dpa)

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