Kommentar über IOC-Präsident Thomas Bach Olympia ist für Sportler, nicht für Funktionäre

Noch immer klammert sich IOC-Präsident Bach an die Olympischen Spiele im Juli. Dabei wollen immer mehr Athleten eine Verschiebung. Das wäre die einzig richtige Entscheidung, meint Mathias Sonnenberg
24.03.2020, 07:00
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Olympia ist für Sportler, nicht für Funktionäre
Von Mathias Sonnenberg

Es sind Sätze, die beweisen, dass Funktionäre im Sport noch immer glauben, auf einer Insel der Glückseligkeit zu leben. Ganz weit draußen, weit entfernt von dem, was sich dieser Tage in aller Welt abspielt. Also sprach Thomas Bach epochale Worte wie „Eine Absage wäre die am wenigsten faire Lösung für die Sportlerinnen und Sportler.“ Oder: „Eine Absage würde keines der Probleme lösen oder irgendjemandem helfen.“ Damit meinte Bach das Ende seiner Olympia-Träume für 2020. Sieben Jahre ist er jetzt schon der wichtigste Mann im Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Und Bach funktioniert längst wie ein Apparatschik, der Maßnahmen durchzusetzen versucht, obwohl ihn die Realität ein- oder sogar schon überholt hat.

Olympische Spiele in diesem Sommer? Auch die Deutsche Fußball Liga verhielt sich geradezu störrisch, wollte noch die Bundesliga spielen lassen, obwohl alle Ampeln längst auf Rot standen. Es mutet peinlich an, wie das IOC mit seinem Präsidenten Bach das Problem Olympia jetzt um vier Wochen nach hinten schiebt, in dem Glauben, dann wäre Corona nahezu ausgestanden und in Tokio könnten Ende Juli Hunderttausende aus aller Welt ein schönes, buntes Sportfest feiern. Die Sportwelt kollabiert, aber die Olympischen Spiele finden statt – welch lächerliche Vorstellung.

Natürlich ist Olympia nicht so einfach zu verschieben wie ein Bundesliga-Spieltag. In Tokio sind beispielsweise die Wohnungen, in den die Athleten während der Spiele leben, längst an Tausende Japaner verkauft, die im September in ihre Appartements einziehen wollen. Fallen die Spiele ganz aus, wären auch die errechneten Einnahmen von 5,5 Milliarden Euro nahezu futsch. Dass eine Versicherung dem IOC angeblich 500 Millionen Euro an Ausfallsumme zukommen lassen würde, mildert die finanziellen Ausfälle minimal. Sie würden auch die olympischen Sportverbände hart treffen. Das ist natürlich zu bedenken, wenn über einen Ausfall der Spiele diskutiert wird.

Aber darüber wird ohnehin nur im schlimmsten Szenario gesprochen, denn eigentlich geht es ja um das Verschieben. Und das fällt umso leichter, je früher eine endgültige Entscheidung fällt. Unfassbar also, dass das IOC sich noch an einen Vier-Wochen-Plan klammert, bei dem am Ende garantiert nichts anderes heraus kommt als jetzt: Die Olympischen Spiele müssen verschoben werden.

Bach, viele Jahre einer der besten Fechter der Welt, hat als Sportler selbst erlebt, was es bedeutet, wenn die Olympischen Spiele für einen Sportler ausfallen. 1980 war er der deutsche Athletensprecher und kämpfte vehement gegen den Boykott der Spiele in Moskau. Doch der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt blieb hart. Die Olympischen Spiele 1980 gingen als Boykott-Spiele in die Historie ein, der Westen kämpfte in Moskau nicht um Medaillen. Bach mag getrieben sein von dem Gedanken, dass sich solch ein Gefühl niemals wieder für einen Sportler wiederholen sollte, dieses: Es ist Olympia, und du bist nicht dabei.

Ein schöner Gedanke, aber für die Spiele 40 Jahre nach Moskau ist er falsch. Bach hat noch immer nicht verstanden, dass es jetzt die Sportler selbst sind, die nicht mehr an Olympia 2020 glauben. Und die den IOC auffordern, diese Scheindiskussion um die Möglichkeit, die Spiele in Tokio doch noch durchzuführen, endlich zu beenden. Es ist beeindruckend, wenn Fecht-Weltmeister Max Hartung öffentlich erklärt, dass er freiwillig auf Olympia verzichtet. Dabei hat der 30-Jährige die Qualifikation längst geschafft und wäre ein Medaillenkandidat. Andere deutsche Sportler folgten ihm und wollen, dass Thomas Bach zur Besinnung kommt. Ein Wunsch, der sich übrigens gerade sehr schnell in der Athletenwelt verbreitet.

Aber für wen, wenn nicht für die Sportler, sind Olympische Spiele überhaupt gedacht? Natürlich sind sie eine gigantische Gelddruckmaschine. Und für Politiker die Chance, Renommee zu gewinnen. Aber jetzt geht es darum, die Menschen vor einem Virus zu schützen. Und nicht darum, Spiele durchzudrücken, die in diesem Sommer keiner braucht – außer offenbar ein paar unbelehrbare IOC-Funktionäre.

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