Fußball

Tausche Fußball gegen Leder-Ei

Patrik Scheen spielte jahrelang beim TV Stuhr und will nun bei den Ritterhude Badgers durchstarten.
13.04.2020, 17:57
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Thorin Mentrup
Tausche Fußball gegen Leder-Ei

Hat den Football bereits lieb gewonnen: Patrik Scheen spielt für die Ritterhude Badgers. Dafür legt er beim Fußball erst einmal eine Pause ein.

Thorin Mentrup

Patrik Scheen ist schwer zu übersehen: 1,90 Meter groß, 122 Kilogramm schwer, breitschultrig, fester Stand. So leicht ist an dem 24-jährigen Hünen kein Vorbeikommen. Seit Dezember habe er noch mal ordentlich draufgepackt an Muskelmasse, erzählt er. „Für Fußball bin ich jetzt zu schwer“, sagt er und lacht. Dabei ist er genau diesem Hobby sein Leben lang beim TV Stuhr nachgegangen. Doch für eine andere Sportart ist er mittlerweile genau richtig gebaut: für American Football. Bei den Ritterhude Badgers will er ein neues Abenteuer starten. Er tauscht den Fußball gegen das Football-Ei.

Komplett fremd ist die Sportart Scheen nicht. Der in Weyhe wohnende Kfz-Mechatroniker ist ein Teil des American-Football-Hypes in Deutschland, verfolgt die Übertragungen der Partien der National Football League (NFL) regelmäßig, hat natürlich im Frühjahr die gesamten Playoffs gesehen. Und trotzdem hat er Football noch einmal neu kennengelernt bei den Badgers. Die „Dachse“ hatten über ihre sozialen Medien für ein Probetraining geworben, ein Tryout, wie es in der Footballsprache heißt. Scheen wurde neugierig. „Ich habe mich dann einfach mal beworben“, erzählt er. Fast alles musste er preisgeben, natürlich auch Größe und Körpergewicht. „Im Football entscheidet das darüber, wo man spielen wird“, weiß Scheen. Er passt mit seiner Statur zum Beispiel in die Offensive Line. Dort, ganz vorne, stehen die Jungs, die den Quarterback, den Spielmacher, beschützen und die zudem Blockarbeit verrichten, um dem Running Back, dem Läufer, den Weg freizumachen. Scheen könnte aber auch als Defensive End spielen. „Dafür habe ich die Schnelligkeit“, erklärt er. Kurze Sprints liegen ihm, er kann den Quarterback des Gegners jagen, aber auch Laufspielzüge stoppen. Nur für die langen Läufe in höchstem Tempo ist seine Statur nichts mehr. Da müssen dann die anderen Jungs ran, die drahtigeren mit weniger Masse.

Am Anfang alles ungewohnt

Scheen jedenfalls konnte beim Probetraining überzeugen. Dabei war doch alles ungewohnt, „eigentlich überhaupt nicht so, wie man es im Fernsehen sieht“, berichtet er – trotzdem spricht die Begeisterung mit. Scheen strahlt. „Aber ich habe mich relativ schnell daran gewöhnt. Bei mir hat es irgendwann Klick gemacht, und dann habe ich die Fehler, die ich am Anfang gemacht habe, schnell abgestellt. Dann bin ich von null auf hundert durchgestartet.“ Auch das Interesse der Badgers war da. Sie wollten ihn im Team haben. Also stand Scheen vor einer schwierigen Entscheidung: Football in Ritterhude oder Fußball in Stuhr? Beides, das war ihm klar, wird nicht gehen. „Das war sehr schwer für mich, ich habe wirklich lange überlegt“, sagt er. Schließlich gibt es so vieles, was ihn und den TVS verbindet: die gemeinsamen Jahre, die vielen Siege mit der Bezirksliga-Meisterschaft 2018 als Höhepunkt, der enge Draht zu allen Spielern. „Die Mannschaft ist Wahnsinn. Ich verstehe mich einfach mit jedem. Das ist immer ein Team, alle sind eine Einheit, jeder kommt mit jedem gut zurecht.“ Häufig war Scheen der Joker, der frische Akzente setzte, ein Spiel verändern konnte. Ein Spieler, der keine Anlaufzeit braucht und den Trainer gern im Team wissen.

Doch letztlich setzte sich der Reiz des Neuen durch. „Ich möchte gerne noch etwas ausprobieren. Ich bin jetzt 24, da geht das noch. Aber es ist natürlich nicht leicht, wenn man 20 Jahre lang Fußball gespielt hat.“ Noch schwieriger sei es gewesen, sich von seinen jahrelangen Teamkollegen beim TV Stuhr zu verabschieden. „Die Jungs haben mich verstanden. Ich glaube, sie haben es auch ein Stück weit geahnt. Sie haben ja auch gesehen, dass ich wie ein Bekloppter ins Fitnessstudio gerannt bin.“ Mitglied beim TVS ist Scheen weiterhin, und das wird auch so bleiben. „Es ist ja auch nicht so, dass ich mich dort nicht mehr blicken lasse. Ich werde bei allen Heimspielen dabei sein, wenn es irgendwie geht.“ Das Herz des 24-Jährigen wird weiter am TVS hängen. Nur seinen Sport wird er woanders betreiben.

Einige Einheiten mit den Ritterhudern hat Scheen, der „Neu-Dachs“, absolviert, bevor es auch für die harten Jungs in die Corona-Zwangspause ging. Die neue Welt ist nicht mehr ganz so neu für ihn. Die Trainingsintensität und ungewohnte Belastung, die ihn anfangs völlig erschöpften, kennt er mittlerweile. Er hat sich auch daran gewöhnt, einen Brustpanzer, einen Helm und gepolsterte Hosen zu tragen, und leidvoll erfahren, dass der günstigste Mundschutz nicht unbedingt die richtige Wahl ist, weil er streng schmeckt und Würgereize hervorruft. Auch die Erkenntnis, dass Größe und Kraft nicht alles sind, hat er schnell gewonnen. „Das hilft dir gar nichts, wenn der Gegner die bessere Technik hat. Dann kannst du ihn nicht einfach wegschieben“, erinnert er sich daran, dass er zu Beginn beim Eins-gegen-eins mit Helm und Pad einige Male unsanft auf dem Hosenboden landete. „Körperlich ist Football eine ganz andere Hausnummer als Fußball“, sagt Scheen. Wo er früher einen Freistoß bekam, läuft das Spiel nun einfach weiter. Er muss sich umso mehr anstrengen, „weil ein ganzer Spielzug zusammenbricht, wenn nur einer einen Fehler macht“.

Lernen, lernen, lernen

Dieser Eine, das will auf keinen Fall er sein. Als Spätstarter hat Scheen besonders großen Nachholbedarf. Denn er muss das Playbook lernen, das Buch, in dem die Spielzüge erfasst sind. 72 Seiten ist es dick, mehr als 40 Spielzüge für die Offensive stehen darin. Manche nutzen die Badgers häufiger, andere seltener, „aber man muss alle beherrschen“. Sonst bricht der Spielzug in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Auf bestimmte Signalwörter in langen Kommandos des Quarterbacks gilt es zu achten. Seit Dezember wird Scheen also nicht nur körperlich ganz neu gefordert, sondern auch geistig. Büffeln ist angesagt. Nicht nur Spielzüge, sondern auch die Schrittfolgen für seine Blockarbeit und die Kunst, den Körperschwerpunkt ganz tief unten zu halten, um den Gegenspieler besser wegschieben zu können. „Das ist eine krasse Herausforderung für den Kopf“, sagt Scheen, der in der NFL den Carolina Panthers die Daumen drückt. Als wäre er zurück auf der Schulbank.

Während das Mannschaftstraining pausiert, hält er unter anderem via Skype Kontakt zu seinen Mitspielern. Die sind übrigens „irgendwie anders“, wie der Rookie, der Neuling, sagt. Ein bisschen verrückter. Das meint er nicht negativ. Im Gegenteil: Er hat die Dachs-Familie in kurzer Zeit sehr zu schätzen gelernt. „Ich habe ganz neue Typen kennengelernt, die total unterschiedlich sind, die aber alle für den Sport leben und richtig zusammenhalten.“ Es sei fast so, als könnten sie in einen Football-Modus schalten, sobald sie in Ritterhude ankämen. „Wenn die den Helm aufsetzen, kennen die keine Verwandten“, sagt Scheen und lacht. Das imponiert ihm. So will auch er Football spielen: Ein Akteur, der bedingungslos für sein Team arbeitet, ein Hüne, der keinen Gegenspieler durch die Line lässt, oder ein beinharter Verteidiger, der Laufspielzüge stoppt und Quarterbacks jagt. Er arbeitet hart dafür, um auf den Moment vorbereitet zu sein, wenn die Saison startet. „Ein Jahr lang will ich es auf jeden Fall versuchen“, kündigt er an. Doch der Wunsch ist mitzuhören: Es darf gern mehr werden als das.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+