Bremer Talente: Fabian Glatz und Delia Breitmayer sowie der mühsame Weg an die Spitze des Tanzsports

Perfekt auf dem Parkett

Bremen. Ein kurzer Blick in den Trainingssaal des Grün-Gold-Club verrät sofort: Hier erinnert rein gar nichts an tanzsportlichen Glanz oder Glamour. Die dunkel gestrichenen Decken lassen den Raum noch niedriger wirken als er es ohnehin schon ist.
22.07.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Perfekt auf dem Parkett
Von Ruth Gerbracht

Bremen. Ein kurzer Blick in den Trainingssaal des Grün-Gold-Club verrät sofort: Hier erinnert rein gar nichts an tanzsportlichen Glanz oder Glamour. Die dunkel gestrichenen Decken lassen den Raum noch niedriger wirken als er es ohnehin schon ist. Die Fläche ist nicht wirklich üppig, bietet drei Paaren und ihren Trainern immerhin genug Platz, um neue Schrittfolgen, bessere Körperspannung oder mehr Ausdrucksstärke zu üben. Das Training ist schweißtreibend, die Fehlerkorrekturen lassen nicht lange auf sich warten. „Du hast wohl heute deine Bauchmuskeln vergessen“, kritisiert Trainer Angelo Adler. Delia Breitmayer reagiert sofort, die Körperhaltung verändert sich, und auch ihr Tanzpartner Fabian Glatz bleibt hoch konzentriert. Also wieder drei Schritte zurück, drei nach vorne, Achtung Körperhaltung, Finger und Fuß durchgestreckt,
alles ist wichtig, alles muss stimmen. Die Übung wird so lange wiederholt – bis der Coach zufrieden ist. Dann darf es wieder lockerer zugehen, und es erleichtert zu sehen, dass die Schinderei auf dem Trainingsparkett auch Spaß machen kann.

Auf einem abgewetzten Sofa am Rande der Tanzfläche sitzen die Mütter, beobachten das Geschehen und warten, bis das Training beendet ist. Dann geht‘s mit den Kindern wieder nach Hause. Auch Olga Breitmayer wartet. Zwei- bis dreimal die Woche fährt sie ihre älteste Tochter Delia vom rund 60 Kilometer entfernten Georgsmarienhütte, wo die Familie wohnt, zum Training nach Bremen. Ist vor einem Wettkampf mehr Vorbereitung erforderlich, übernachtet ihre Tochter am Wochenende entweder bei den Eltern von Fabian oder bei Familie Albanese. Die weite Fahrt nehmen alle in Kauf, weil in der Tanzarena, wie sie sagen, die besten Trainer arbeiten, angeführt von Roberto
Albanese und seinem Team. „Sie behandeln die Kinder mit viel Respekt“, betont Olga Breitmayer. Das ist ihr sehr wichtig. Und
damit die Fahrtzeiten nicht ungenutzt bleiben, erledigt Delia ihre Hausaufgaben meist im Auto.

Der zeitintensive, aber auch finanzielle Aufwand – schließlich gilt es zusätzlich viele private Trainingsstunden und ständig wechselnde Tanzkleidung zu bezahlen – sei aber auf jeden Fall gerechtfertigt, betonen beide Eltern. Immerhin gehören Fabian Glatz und Delia Breitmayer zu den größten Talenten im Paar-Lateintanz – und das nicht nur in Bremen. Zurzeit tanzen sie in der
Junioren-Gruppe II-B-Latein, gehören zum Bremer Landeskader sowie zum Jugend­kader des Deutschen Tanzsportverbandes. Dass sie auf dem Weg nach ganz oben sind, beweisen ihre jüngsten Ergebnisse. Bei den deutschen Meisterschaften schafften sie es auf Anhieb ins Semifinale. Beide zeigen jedoch mehr Ehrgeiz: Nächstes Jahr wollen sie ins Finale.

Fabian Glatz, der in diesem Jahr 15 Jahre alt wird und nach den Sommerferien zur Europaschule wechselt, hatte seine noch junge Karriere mit einer anderen Partnerin begonnen. Aber die Chemie stimmte nicht, wie er sagt. Glücklicherweise war es Roberto Albanese, der Delia mit ihm zusammengebracht hat. Mit ihr, glaubt Fabian, nun die ideale Tanzpartnerin gefunden zu haben, um sportlich weiterzukommen. Auch Trainer Angelo Adler hält die beiden für ein Paar mit Zukunft. Delia sei mehr die intuitive Tänzerin, Fabian der strukturiertere. „Wenn beides ins Gleichgewicht gebracht werden können, dann sollten die beiden schon ein großes Stück weiter nach oben kommen“, meint Angelo Adler. „Aber sie müssen den Erfolg selbst wollen. Es reicht nicht, wenn wir das wollen.“

Am Willen sollte es nicht scheitern, wenn man den beiden zuhört. Während die 13-jährige Gymnasiastin vom Finaleinzug bei einer Latein-Weltmeisterschaft träumt, will Fabian Glatz irgendwann mal die German Open in Stuttgart gewinnen. „Da sind jedes Jahr noch mehr und bessere Paare am Start als auf einer WM“, behauptet er. Im August tanzen sie dort. Ein Mammutturnier, bei dem auf der Tanzfläche aufgrund der vielen Teilnehmer oftmals totales Gedränge herrscht. Da heißt es nicht nur gut zu tanzen, sondern auch Durchsetzungskraft zeigen – manchmal auch mit Hilfe der Ellbogen. „Kein Problem für mich“, erklärt Fabian Glatz selbstbewusst. „Zum einen bereiten uns die Trainer darauf vor. Aber ich habe auch eine genaue Strategie und weiß, wo ich auf der Fläche hin will.“

Ob seine Strategie in knapp zwei Wochen aufgeht, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall aber wollen die beiden abseits ihres Wettkampfs vor allem die Weltbesten der Lateinszene beobachten. „Das ist ziemlich inspirierend“, sagt Delia Breitmayer. Vorbilder haben sie nicht, etwas von den anderen abschauen ist okay, am Ende aber möchten sie ihren eigenen Stil tanzen. Und obwohl die beiden Jugendlichen noch am Anfang einer womöglich erfolgreichen Karriere stehen, können und sollen sie auch schon mal etwas Eigenes ent­wickeln, Ideen für eine Choreografie sammeln. Vor dem Spiegel dann schauen, ob es geht oder nicht. Das sei das Schöne am Paartanzen im Gegensatz zur Formation, erklären beide. Man habe tänzerisch mehr Freiheiten, und als Paar könne man sich selbst mit der Musik besser ausdrücken.

Dass Fabian Glatz und Delia Breitmayer im Tanzsport ihre sportliche Erfüllung finden, war nicht von Anfang an klar. Während die 13-Jährige über das Rollkunstlaufen zum Tanzsport kam, begeisterte sich ihr Partner zunächst für die Leichtathletik beim TuS Huchting. „Das war irgendwie einfacher. Da konnte man die Ergebnisse messen, in Sekunden oder in Metern“, sagt er. Tanzen hingegen sei viel komplexer. „Viele in meiner Klasse denken, Tanzen sei total einfach“, bestätigt Delia Breitmayer. „Die verstehen gar nicht, wie viel Arbeit dahinter steckt.“

Schließlich sei ein Turnier nicht nur eine tänzerische Herausforderung, sondern auch eine konditionelle, sagt Fabian Glatz. Ein Tanz sei wie ein 800-Meter-Lauf, habe
Roberto Albanese ihm erklärt. Fünf Tänze müssen pro Runde getanzt werden. Bei einem Turnier mit 48 Teilnehmern wären es vier Runden. Zählt man dann alles zusammen, kommt jedes Paar auf insgesamt 16 Kilometer. „Da muss man sich die Kräfte über den Tag einteilen“, betont der Grün-Gold-Tänzer.

Fabian Glatz hat erst gar nicht versucht, seinen Klassenkameraden die Komplexität des Tanzsports zu erklären. Er hat seinen Wechsel von der Leichtathletik zum Tanzen zunächst verschwiegen. Erst als jemand über Facebook ihn entdeckt hat, kam es raus. Manche seiner Mitschüler gucken ein bisschen schräg, wenn ein Junge tanzt. Aber mittlerweile sei ihm egal, was die anderen denken. „Es gibt ja auch Jungs, die reiten“, sagt Fabian mit einem breiten Grinsen.

Lesen Sie im nächsten Teil, warum die Handballerin Hanna Ferber-Rahnhöfer ein wenig an Pippi Langstrumpf erinnert.
„Viele in meiner Klasse denken, Tanzen sei total einfach.“ Delia Breitmayer
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