Sixdays-Finale

Purer Wahnsinn

Das Publikum in der ÖVB-Arena johlte und klatschte vor Begeisterung – weil dieses Finale der 54. Sixdays ganz großer Sport war. Kenny De Ketele und Theo Reinhardt feierten einen atemberaubenden Sieg.
16.01.2018, 23:48
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Purer Wahnsinn
Von Jörg Niemeyer
Purer Wahnsinn

Die Sieger der Sixdays 2018: Kenny De Ketele (rechts) und Theo Reinhardt.

Frank Thomas Koch

Welch ein Finale! Mit einer sensationell guten Großen Jagd sind am Dienstag die 54. Bremer Sixdays zu Ende gegangen. Die allerletzte Runde wurde zum Triumphzug für Kenny De Ketele und Theo Reinhardt. Das Publikum johlte, kreischte und klatschte vor Begeisterung, nachdem das belgisch-deutsche Duo fünf Runden vor dem Abschuss des Rennens den entscheidenden Rundengewinn perfekt gemacht hatte und sich dann wie im Rausch im Hauptfeld ins Ziel eskortieren ließ.

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Jubelnd und Händchen haltend radelten die strahlenden Sieger über die Linie. Und für den Berliner Theo Reinhardt ging ein Traum in Erfüllung – der Traum von seinem ersten Sixdays-Sieg. Zurückhaltend hatte sich der 27-Jährige, der dem WESER-KURIER an allen Tagen für ein Online-Tagebuch zur Verfügung gestanden hatte, noch am Dienstagnachmittag geäußert. „Wir haben gezeigt, dass wir hier zu den Favoriten gehören“, hatte er vorsichtig gesagt – und am Dienstag der Ansage den Beweis folgen lassen. Unbestritten war Kenny De Ketele der Star des Duos, aber an seiner Seite ist Reinhardt von Tag zu Tag stärker geworden.

Fünf Teams mit realistischen Chancen auf den Gesamtsieg: So spannend und vor allem mit so einer Leistungsdichte waren die Bremer Sixdays wohl noch nie in den letzten Abend gegangen. „Wir haben hier fünf Mannschaften auf Augenhöhe erlebt“, hatte der Sportliche Leiter Erik Weispfennig gesagt, bevor am Dienstag um 18.45 Uhr die letzte Etappe des Rennens begann.

Genau genommen waren es sogar sechs Teams, die für den ersten Platz infrage kamen. Das belgisch-deutsche Duo Moreno De Pauw/Leif Lampater fuhr der Konkurrenz nämlich nur deshalb um Runden hinterher, weil Lampater aufgrund von Magen-Darm-Problemen am Freitag hatte neutralisiert werden müssen und auch am Sonnabend noch nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war. Als De Pauw/Lampater wieder Vollgas fahren konnten, war es – auch angesichts der hohen Qualität des Fahrerfelds – um ihre Erfolgschancen geschehen.

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Entgegen vieler Erwartungen war am Montag noch keine Vorentscheidung im Kampf um Platz eins gefallen. Immer noch besaßen gleich fünf Duos ihre Chance auf den Gesamtsieg. Die besten Voraussetzungen hatten Achim Burkart und Yoeri Havik sowie Kenny De Ketele und Theo Reinhardt mit in den Finalabend gebracht. Wim Stroetinga (Niederlande)/Robbe Ghys (Belgien) und Christian Grasmann (München)/Jesper Mørkøv (Dänemark) waren zwar rundengleich, wiesen aber deutlichen Punkterückstand auf.

Um am Ende vorne zu stehen, mussten sie am Dienstag also schon eine Runde gutmachen – ebenso wie der Australier Leigh Howard und sein französischer Partner Morgan Kneisky hinter den vier Teams in der sogenannten Nullrunde. Weil Howard und Kneisky mit Erreichen der 300-Punkte-Marke eine weitere Bonusrunde erhielten, gingen sie sogar führend in die Große Finaljagd der 54. Sixdays. Fünf Mannschaften in der Nullrunde – spannender ging es nicht.

Im Finale beäugten sich die Siegkandidaten dann ganz genau – keine Überraschung. Burkart und Havik waren die Ersten, die eine Runde gutmachten, hatten daran aber nicht lange Freude. Nach zehn der 60 Minuten waren die Topteams wieder rundengleich. Und so ging es weiter: Mal waren De Ketele und Reinhardt vorn, dann wieder Burkart/Havik.

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Irres Tempo auf der Bahn und Führungswechsel im Minutentakt: Das Publikum auf den gut besetzten Tribünen ging begeistert mit und kam voll auf seine Kosten. Zwischenzeitlich gab es gar kein Hauptfeld mehr: Die ständigen Attacken einzelner Fahrer rissen den Pulk immer wieder ganz weit auseinander. Es war spürbar, dass alle Fahrer – auch die, die keine Chance mehr auf das Siegerpodest hatten – am letzten Abend das Letzte aus sich herausholten. „Das zeigt, dass alle auch Bock haben, hier zu fahren“, sagte Erik Weispfennig.

Stand der Dienstag ganz im Zeichen des grandiosen Finales, war es abseits des Renngeschehens am Montagabend besonders emotional zugegangen. Um 22.15 Uhr stellten die Profis im Zielbereich der Bahn ihre Rennräder hoch zum Spalier, um René Enders auf Wiedersehen zu sagen. Der Sprinter bestritt, nachdem er seine Karriere offiziell schon im Herbst beendet hatte, in Bremen sein allerletztes Rennen.

Mehr als 21 Jahre war die Stadthalle das zweite Zuhause von Peter Rengel. In den vergangenen Jahren hatte er als Chef der ÖVB-Arena selbst zahlreiche Sportler verabschiedet, nun sollte er es sein, der verabschiedet wurde. Die Dernyfahrer hatten sich aus diesem Anlass etwas Besonderes einfallen lassen: Sie machten Rengel zum Dernyfahrer h. c., also ehrenhalber. Dernypilot Peter Bäuerlein überreichte Rengel die Lizenz zum Fahren. Am Dienstagabend folgte vor der Großen Jagd Teil zwei des Rengel-Abschieds – diesmal gestaltet von seinen Mitarbeitern der ÖVB-Arena und den Sixdays-Kollegen.

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