Trotz Hoffenheims anfänglicher Überlegenheit schafft Wolfsburg einen 2:1-Heimsieg Raus aus dem Schlamassel

Wolfsburg. Ein starkes Team von oben besiegt, ein tiefes Durchatmen im Abstiegskampf ermöglicht: Es hätte Sekunden nach Spielende sehr viele Möglichkeiten gegeben, sich zu freuen und den Moment zu genießen. Was aber tat Valérien Ismaël nach dem 2:1 (0:1)-Heimsieg gegen die TSG Hoffenheim? Er trat ganz vorsichtig gegen eine Werbebande, machte ein ganz ernstes Gesicht und verschwand ohne den üblichen Gratulationsparcours aus dem Innenraum des Stadions.
13.02.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Otto

Wolfsburg. Ein starkes Team von oben besiegt, ein tiefes Durchatmen im Abstiegskampf ermöglicht: Es hätte Sekunden nach Spielende sehr viele Möglichkeiten gegeben, sich zu freuen und den Moment zu genießen. Was aber tat Valérien Ismaël nach dem 2:1 (0:1)-Heimsieg gegen die TSG Hoffenheim? Er trat ganz vorsichtig gegen eine Werbebande, machte ein ganz ernstes Gesicht und verschwand ohne den üblichen Gratulationsparcours aus dem Innenraum des Stadions.

„Mein Puls war auf mehr als 200. Ich musste erst wieder runterkommen“, sagte der Cheftrainer des VfL Wolfsburg. Seine Mannschaft war 60 Spielminuten lang harmlos aufgetreten und hatte dann gekämpft, um am Ende noch zu triumphieren. Leicht betroffen und kleinlaut gestanden sämtliche Spieler des Siegers hinterher, dass Trainer Ismaël in der Halbzeitpause außergewöhnlich laut auf die Mannschaft eingeredet hatte.

Die sichtbare Genugtuung, ein aus Sicht der Zuschauer schon verloren geglaubtes Spiel der Fußball-Bundesliga noch gewonnen zu haben, wollte und wollte sich nicht so richtig einstellen. Dem frühen Führungstreffer durch Steven Zuber (26. Minute) und der spielerischen Dominanz der TSG Hoffenheim hatten die Wolfsburger in der zweiten Halbzeit etwas ganz Normales entgegengesetzt. Sie wollten plötzlich kämpfen, rempeln und sich mit dem in dieser Saison erst zweimal besiegten Gast so richtig zoffen.

„Gegen solche Gegner von unten geht es härter zu. Und in der zweiten Halbzeit wollte es Wolfsburg einfach mehr als wir“, sagte Hoffenheims Torhüter Oliver Baumann. Er musste nach einem Eckball das 1:1 (50.) durch einen Gewaltschuss von Maximilian Arnold und nach einem weiteren Eckball das 1:2 (73.) durch den eingewechselten Daniel Didavi hinnehmen. Die Treffer waren die logische Folge eines Aufbegehrens mit zwei Komponenten. Hoffenheim war sich nach gutem Beginn seiner Sache zu sicher. Und Wolfsburg spielte in der Schlussphase wie ein Team, das den Ernst der Lage erkennt und gemeinsam verscheuchen will.

Der feine Unterschied in einer Begegnung, für die sich 23 148 Zuschauer vor Ort interessiert hatten, war an zwei Dingen festzumachen. Zum einen hatte der VfL Wolfsburg seine Bereitschaft entdeckt, mit dem stets sehr angriffslustigen Arnold voran die Krallen auszufahren. Und zum anderen stand mit Didavi nach dem Seitenwechsel ein Offensivkünstler auf dem Platz, der Schwung und Spielwitz mitbrachte. Während die Hoffenheimer Stück für Stück und Foul für Foul auf Normalmaß zurückgestutzt wurden, entdeckten Didavi und seine Mannschaft ihre Lust auf ein erfolgreiches Heimspiel. „Ich denke, ich habe die Spielfreude auf den Platz gebracht“, sagte der Schütze des entscheidenden zweiten Treffers.

Tatsächlich hatte Didavi nicht wissen können, wie laut Ismaël in der Kabine war, weil man ihn zum Aufwärmen ins Stadion geschickt hatte. In jedem Fall sorgte der lange Zeit am Knie verletzte Reservist dafür, dass das kämpfende Wolfsburg sogar kombinierte und am Ende auch noch jubeln konnte. Von Profis, die über Normalniveau auftrumpfen können, gab es in dieser Partie eine Menge zu bestaunen. Vor allem die spielstarke Erfolgself der TSG Hoffenheim stellte unter Beweis, warum sie die gesamte Hinrunde ungeschlagen geblieben war. Kerem Demirbay hatte mit einem traumhaften Pass den Führungstreffer durch Zuber vorbereitet. Er traf mit einem Freistoß auch noch das Lattenkreuz.

Offenbar hatte sich die TSG Hoffenheim an ihrem schönen Fußball und dieser anfänglichen Überlegenheit gegenüber dem VfL Wolfsburg so sehr ergötzt, dass die Sache in zu viel Leichtsinn endete. Cheftrainer Julian Nagelsmann war auch sauer. Zwar etwas anders als sein Kollege Ismaël. Aber doch ziemlich enttäuscht. „Ich bin ein bisschen stinkig“, sagte Nagelsmann und meinte damit die Tatsache, dass man sich von der Wolfsburger Aggressivität habe aus dem Tritt und am Ende sogar um den Sieg bringen lassen.

Die Partie endete mit so manchem derben Foul und vielen Schubserien im Rudel, wie man es eigentlich nur aus dem tiefen Morast des Abstiegskampfes kämpft. Der VfL Wolfsburg hat jetzt offenbar doch noch beschlossen, sich selbst aus diesem Schlamassel zu ziehen. Die TSG Hoffenheim wollte sich im niedersächsischen Matsch offenbar die Finger nur bedingt schmutzig machen und kassierte zur Strafe nach der 1:2-Niederlage Ende Januar bei Aufsteiger RB Leipzig einen weiteren Rückschlag.

„In der zweiten Halbzeit wollte es Wolfsburg einfach mehr als wir.“ Hoffenheim-Torwart Oliver Baumann
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