Bei der Mitgliederversammlung des deutschen Fußballs diszipliniert die DFL-Spitze die aufmüpfigen Lager

Ruhe bitte!

Frankfurt. Nach einer fast dreistündigen Sitzung entschwand einer nach dem anderen schweigend oder kopfschüttelnd durch die Glastür. Erst Hans-Joachim Watzke, der Vorstandschef von Borussia Dortmund, dann Max Eberl, Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach, später Martin Bader, Geschäftsführer von Hannover 96, und Jörg Schmadtke, Sportchef beim 1.
03.12.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Frank Hellmann
Ruhe bitte!

Zog seinen umstrittenen und viel diskutierten Antrag schon vor der DFL-Versammlung zurück: St. Paulis Geschäftsführer Andreas Rettig.

Arne Dedert, dpa

Nach einer fast dreistündigen Sitzung entschwand einer nach dem anderen schweigend oder kopfschüttelnd durch die Glastür. Erst Hans-Joachim Watzke, der Vorstandschef von Borussia Dortmund, dann Max Eberl, Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach, später Martin Bader, Geschäftsführer von Hannover 96, und Jörg Schmadtke, Sportchef beim 1. FC Köln: Niemand war bereit, nach der Mitgliederversammlung des deutschen Profifußballs eine Stellungnahme abzugeben. Weil ihnen im Platinum Ballroom in der ersten Etage des Frankfurter Mariott Hotels von Seiten der DFL-Spitze – dem Geschäftsführenden Vorsitzenden Christian Seifert und Liga-Präsident Reinhard Rauball – deutlich ins Gewissen geredet wurde. „Es ist unerlässlich, dass bei diesem Thema Ruhe einkehrt. Ich empfehle allen Beteiligten, sich diszipliniert zu äußern“, sagte Rauball hinterher mit scharfer Stimme. Ganz in diesem Sinne verwies Werders Geschäftsführer Klaus Filbry am Abend auf Rauballs Statements – und darauf, „alles Weitere intern zu besprechen“.

Bereits am Mittwochmorgen hatte Rauball ein Anruf von Andreas Rettig und Oke Göttlich erreicht: Geschäftsführer und Präsident des FC. St. Pauli drängten auf ein persönliches Gespräch, um ihre Beweggründe zu erläutern, ihren brisanten Antrag zurückzuziehen. Der Zweitligist wollte ursprünglich jene Vereine von den TV-Erlösen abschneiden, die wie Bayer Leverkusen, VfL Wolfsburg, TSG Hoffenheim oder bald auch Hannover 96 gegen die 50+1-Regel verstoßen. Die vom ehemaligen DFL-Geschäftsführer eingereichte Vorlage kam damit gar nicht zur Abstimmung, was Liga-Vertreter wie Thomas Röttgermann vom VfL Wolfsburg „als einzige vernünftige Lösung“ bezeichneten. „Wir haben leider festgestellt, dass die Solidarität zwischen erster und zweiter Liga auf dem Spiel steht“, erklärte Rettig kleinlaut. „Um Ruhe hereinzubringen, haben wir uns entschieden, den Antrag zurückzuziehen.“

Auch der zweite Rebell in Person des nicht anwesenden Bayern-Vorstandsbosses Karl-Heinz Rummenigge, der Teile der Einzelvermarktung infrage gestellt hatte, kassierte ein spitzfindiges Kontra durch Seifert. „Wir sind das Land mit den fanfreundlichsten Ticketpreisen, haben das investoren-unfreundlichste Umfeld und den Pay-TV-Markt mit dem größten Wachstumspotenzial – dennoch sind wir die zweitgrößte Liga in Europa.“ Sollte heißen: So schlecht kann die Zentralvermarktung nicht sein.

Sicherheit und Verlässlichkeit müssten in den anstehenden Verhandlungen zuvorderst gewährleistet sein. Und: „Das Wort Einzelvermarktung ist schnell ausgesprochen und aufgeschrieben. Aber alle großen Ligen werden weltweit zentral vermarktet. Italien und Spanien führen es auf staatlichen Druck jetzt ein.“ Dort habe die Einzelvermarktung irre Schieflagen im Ligabetrieb verursacht. Damit war klar herauszuhören, dass sich die Liga-Führung aus dem Frankfurter Westend wieder zum Meinungsmacher aufschwingen möchte. Und Rummenigge soll sich bitte damit begnügen, dass es außer dem Trikotärmel, der ab 2017/2018 einzeln vermarktet werden darf, nicht mehr Zugeständnisse gibt.

Frühestens im April kann die DFL die neuen TV-Verträge vorlegen, deren Vorschläge zur Ausgestaltung derzeit noch vom Kartellamt geprüft werden. Erst danach werde der Liga-Vorstand über den Verteilungsschlüssel beraten. Seifert hält es für legitim, dann auch andere Verteilungskriterien zu besprechen: „Es ist nicht verboten, darüber nachzudenken.“ Rauball dementierte, der Liga-Vorstand habe beschlossen, die Erlöse für die zweite Liga künftig zu deckeln. „Das stimmt nicht.“

Eine Maßregelung erfuhr ferner noch der amtierende DFB-Schatzmeister Reinhard Grindel, der die Zusammenkunft an der Frankfurter Messe nutzte, um sich allen Liga-Vertretern vorzustellen. „Die Einheit des deutschen Fußballs ist ein hohes Gut und ein Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Ausland. Das ist für kein Geld zu kaufen“, sagte der Bundestagsabgeordnete, den die Landesverbände gerne als neuen DFB-Präsidenten sähen.

Aber da blieb der interimsmäßig in die Verantwortung gehievte Rauball vorsichtig: „Wir wollen Veränderungen im Reglement und professionelle Strukturen. Wir wollen den DFB für 2020 aufstellen und nicht wie 2005.“ Man habe zwar nichts gegen die Person Grindel, „aber uns liegt an einem Kandidaten, der tief in die Gesellschaft hineinwirken kann.“ In Zeiten, in denen Kirchen, Gewerkschaften und Parteien in Scharen ihre Mitglieder verlören, sei der Job beim größten Sportverband der Welt schlicht zu wichtig. Hörte sich nicht so an, als hielten die Profis den Kandidaten der Amateure dafür am besten geeignet.

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