Bremer Talente: Nur bei vollem Tempo ist Wasserskifahrer Tim Richter ganz bei sich Ruhe im Rausch

Bremerhaven. Um ganz nahe bei sich zu sein, muss Tim Richter weit raus. Bis er sich auf seinem Roller durch den Bremerhavener Stadtverkehr geschlingert hat und angekommen ist, wohin sich kaum noch Autos verirren, vergeht eine gefühlte Ewigkeit.
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Ruhe im Rausch
Von Nico Schnurr

Bremerhaven. Um ganz nahe bei sich zu sein, muss Tim Richter weit raus. Bis er sich auf seinem Roller durch den Bremerhavener Stadtverkehr geschlingert hat und angekommen ist, wohin sich kaum noch Autos verirren, vergeht eine gefühlte Ewigkeit. Es geht vorbei am Fischereihafen und Straßen, wo Kneipen „Zum Kutter“ und Kinderkrippen „Seepferdchen“ heißen, hinein ins grüne Nirgendwo. Früher landeten hier Segelflieger auf einem Sportflugplatz, heute trifft man auf mehr Windräder als Menschen. An einem schmalen Fluss, der die Wiesendecke durchzieht, formen Wohnwagen einen Halbkreis. Bunt geringelte Vorzelte, Klappstühle, Standgrills. Campingplatz-Atmosphäre.

„Das ist mein Rückzugsort, nach einem stressigen Arbeitstag muss ich hier hin“, sagt Tim Richter, 18, während er seinen Ski aus dem Innern einer schummrigen Holzhütte kramt. Seit neun Jahren kommt er an den Fluss, der Lune heißt und viele Kilometer und ein Schleusenwerk später in die Weser mündet. Wenn er kann, verbringt Richter, breites Kreuz, Poloshirt, Anglerhut, sein gesamtes Wochenende am Fluss. Er schläft dann in einem kleinen Container, der sich unter die Wohnwagen-Kolonne gemischt hat. „Mein zweites Zuhause“ nennt er die paar Quadratmeter, die sich Bett, Tisch und Kühlschrank im Innern teilen.

Außen am Container prangt ein Aufkleber, der die Evolution des Menschen zeigen will: vom Affen über den Neandertaler hin zur finalen Entwicklungsstufe, einem Menschen, der übers Wasser saust. Auf einem Ski, an einer Leine. Die Botschaft: Vollkommen fühlt sich der Mensch erst, wenn er Wasserski fährt. So zumindest versteht Tim Richter den Sticker. Und auf ihn trifft das ja auch zu. „Draußen auf dem Wasser, bei vollem Tempo auf der Lune, da bin ich ganz bei mir“, sagt er.

Tim Richter fährt Wasserski, Spezialdisziplin: Slalom. Kaum jemand wirbelt in Deutschland besser um Bojen als er. Im vergangenen Jahr wurde er Deutscher Meister in seiner Altersklasse. Der Bremerhavener gehört zur sehr überschaubaren Gruppe an Menschen in Deutschland, für die Wasserski ein Wettkampfsport ist. Für den großen Rest dürfte der Sport irgendwo zwischen Piña Colada und Strandliege abgespeichert sein – als etwas angestaubte Urlaubsbeschäftigung. Als amüsanter Lückenfüller, wenn es gerade mal langweilig geworden war am bevorzugten Baggersee oder Massenstrand am Mittelmeer.

„Ein bisschen auf dem Wasser rumdümpeln, das kann ich auch.“ Sätze wie diesen hört Tim Richter oft. Wenn er Mitschülern von seinem Sport erzählt, folgen häufig Geschichten aus dem Mallorca-Urlaub. Irgendwo hat sich jeder schon mal übers Wasser schleifen lassen. „Und deshalb denken die Leute, ich mache hier so einen Gute-Laune-Urlaubssport“, sagt er. Einige glaubten: „Man lässt sich ein paar Runden um den Fluss ziehen, sieht dabei möglichst cool aus und das ist dann Wasserski.“ Der Anglerhut tänzelt auf seinen Haaren hin und her. Tim Richter schüttelt seinen Kopf, immer wieder. Ihn ärgern die Klischees über seinen Sport.

Manchmal lädt er deshalb Freunde und Bekannte an die Lune ein. Er zeigt ihnen dann, wie sehr sich das, was er draußen auf dem Fluss macht, vom Urlaubsvergnügen unterscheidet. Wie gefährlich das sein kann, und wie sehr er seinen Körper kontrollieren muss, wenn es ihn beim Start ruckartig aus dem Wasser reißt. Dass er mit nur einem statt mit zwei Skiern übers Wasser gleitet. Dass er an keiner Seilbahn, sondern an einem Motorboot mit bis zu Tempo 58 über die Lune jagt. Wenn sie ihn am Fluss besuchen, will Richter seinen Freunden klarmachen: „Wasserski ist ein Kampf – mal mit, mal gegen die Natur.“ Er sagt ihnen dann auch: „Du kannst wie ein Verrückter ins Fitnessstudio rennen und bis zum Umfallen pumpen. Zwei Runden Wasserski erledigen dich trotzdem.“

Dabei bräuchte es die Worte meist gar nicht. Wer sieht, wie filigran Richter seinen Ski um die Bojen manövriert, er dabei zeitweise in Schräglage über die Oberfläche schlittert und sich hinter ihm die Wassermassen fontänenartig auftürmen, der ahnt schnell: Mit Strandurlaub oder Baggersee-Spaß hat das wenig zu tun. Tim Richter macht Leistungssport. Man könnte sagen: Zwischen Frühjahr bis Spätherbst, wenn es das Wetter zulässt, fährt er Wasserski auf einem professionellen Niveau. Ein Profi ist er trotzdem nicht. Und sehr wahrscheinlich wird er das auch nie werden. In Deutschland ist das unmöglich. Weil der Winter so lang ist. Weil sich kaum wer für den Sport interessiert. Weil Wasserski als teuer und elitär gilt. Und weil es keine Sponsoren gibt.

Wollte er versuchen, mit seinem Sport Geld zu verdienen, müsste er in die USA gehen. So wie es die erfolgreichsten deutschen Fahrer machen. Für Tim Richter kommt das nicht infrage. „Das wäre mir viel zu unsicher und riskant.“ Stattdessen hat er sich für eine Ausbildung als Kfz-Mechatroniker entschieden – und spürt jetzt, wie schwer es manchmal ist, Beruf und Sport miteinander zu vereinbaren. Zuletzt konnte er erst mit einem Tag Verspätung zu den deutschen Meisterschaften reisen, weil sein Betrieb ihn nicht eher freistellen wollte.

Außerhalb der raren Profi-Enklaven in Nordamerika und Osteuropa kann eben niemand Wasserski zum alleinigen Mittelpunkt seines Lebens machen. Ändern können werden sie das in Bremerhaven beim Wasserski-Club nicht. Mit dem Nischendasein ihres Sport abfinden wollen sie sich aber auch nicht. Früher, sagt Günter Kuhnt, sei Wasserski eine ziemlich elitäre Angelegenheit gewesen, „ein Sport für Besserbetuchte“. Kuhnt ist Vorsitzender des Bremerhavener Clubs und Präsident des deutschen Verbands in Personalunion. Ihm ist daran gelegen, dass Wasserski weniger exklusiv ist. Dafür wird der Verein von der Stadt unterstützt. Nur durch die Zuschüsse sind die teuren Bootsminuten für viele Fahrer finanzierbar. Nur deshalb flitzen überhaupt rund zehn Fahrer über die Lune.

Kuhnt hofft, dass es bald wieder mehr Fahrer sein werden. Dafür will er werben – mit einer Wasserski-Europameisterschaft. In zwei Jahren soll sie auf der Lune stattfinden. Tim Richter soll dann das lokale Aushängeschild sein – und dem Sport größere Aufmerksamkeit in Bremerhaven verschaffen. So sieht es Kuhnts Plan vor. Tim Richter würde sich freuen, wenn es mehr Fahrer auf der Lune geben würde. Seine Ruhe hätte er draußen auf dem Fluss ja weiterhin. „Wenn ich übers Wasser rausche, finde ich zur Ruhe“, sagt er. „Da bin ich voller Adrenalin und Glücksgefühle, diese Jagd nach dem Kick entspannt mich einfach, ganz egal, wer da sonst noch ist.“

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