Sechs Teams aus Südamerika kämpfen vor dem letzten Spieltag um dreieinhalb Plätze für die Fußball-WM

Russisch Roulette

Buenos Aires. Irgendwann gegen Ende dieses einseitigen Spiels stand Leonel Messi in der Mitte des Platzes und faltete die Hände unter dem Kinn so, als wolle er beten. Der Blick leer und hoffnungslos.
08.10.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Klaus Ehringfeld
Russisch Roulette

Lionel Messi konnte seine vielen Torchancen einfach nicht nutzen und muss nun mit seiner Mannschaft um die WM-Teilnahme zittern.

NATACHA PISARENKO, dpa

Buenos Aires. Irgendwann gegen Ende dieses einseitigen Spiels stand Leonel Messi in der Mitte des Platzes und faltete die Hände unter dem Kinn so, als wolle er beten. Der Blick leer und hoffnungslos. 90 Minuten waren seine zehn Mitspieler und vor allem er in der „Bombonera“, dem mythischen Stadion von Boca Juniors, angerannt auf das Tor der Peruaner. Der beste Fußballer der Welt kreierte fast im Alleingang zehn Großchancen, traf selber einmal den Pfosten. Das war’s. Aber der Ball wollte nicht rein. 90 offensive, aber planlose Minuten, in denen der Star vom FC Barcelona alles machte. Er holte sich die Bälle, verteilte sie und verwertete sie auch noch. Aber am Ende stand die Null. Hinten, aber auch vorne. Gerade einmal 16 Tore in 17 Spielen hat das Land geschossen, das sich rühmt, die besten Stürmer der Welt zu haben.

Und so steht der Vize-Weltmeister vor dem Aus in der Südamerika-Qualifikation. Einen Spieltag vor Schluss belegt Argentinien in der Zehner-Gruppe den sechsten Platz. Stand jetzt ist die himmelblau-weiße Auswahl draußen. Am Dienstag hilft nur ein Sieg gegen das bereits ausgeschiedene Ecuador in der Höhe von Quito. Es gibt leichtere Aufgaben. „Mit Vollgas ins Scheitern“, schrieb die Zeitung „La Nación“. „Nur ein Sieg in Ecuador bringt uns nach Russland“, titelte „Clarín“.

Nach dem Spiel trotteten die Argentinier mit gesenktem Haupt an der wartenden Presse vorbei. Seit geraumer Zeit gibt es einen Boykott der Spieler gegen die Journalisten. Aber dafür redete Trainer Jorge Sampaoli, der während des Spiels wie ein Duracell-Hase hin und her hüpfte und versuchte, seine Mannschaft zum Torerfolg zu gestikulieren. „Ich habe Hoffnung und Vertrauen. Wenn wir so spielen wie heute, werden wir zur WM fahren“. Worauf sich dieses Vertrauen gründet, blieb sein Geheimnis. Gerade mal einen Treffer erzielte der Vize-Weltmeister in den vergangenen vier Spielen. Und das schoss auch noch der Venezolaner Rolf Feltscher, ehemals MSV Duisburg, heute vereinslos, per Eigentor.

Gegner Peru hingegen hat beim Heimspiel gegen Kolumbien alle Chancen, die WM-Teilnahme festzumachen. Die Auswahl, in der am Donnerstag die beiden Ex-Bundesligaspieler Jefferson Farfán (Schalke 04) und Paolo Guerrero (HSV) in der Anfangsformation standen, ist die der Stunde in Südamerika. Peru hat seit November nicht mehr verloren und ist von einem chancenlosen Team zu einem fast sicheren WM-Fahrer geworden. Präsident Pedro Pablo Kuczynski twitterte nach dem torlosen Remis in Buenos Aires: „Großes Spiel, Jungs, eine letzte Anstrengung und wir sind in Russland“. Peru liegt gegenwärtig auf dem fünften Platz, der zum Entscheidungsspiel gegen den Ozeanien-Vertreter Neuseeland berechtigt.

Ganz anders die Stimmung bei den Kolumbianern. Sie schenkten in den letzten zwei Minuten einen sicher geglaubten Sieg gegen Paraguay her. Zwei haarsträubende Fehler von Arsenal-Keeper David Ospina ließen das Stadion im tropischen Barranquilla zu einem Eiskeller gefrieren. Bis zur 90. Minute waren James Rodríguez (Bayern München) und seine Mitspieler sicher in Russland, jetzt droht sogar das Aus.

Gerade das Spiel zeigt, was für eine Lotterie die Südamerika-Qualifikation in diesem Jahr ist. Paraguay war vor Kurzem noch abgeschlagen, jetzt kann das Land mit einem Heimsieg gegen den Tabellenletzten Venezuela das WM-Ticket lösen. Die WM-Qualifikation in Südamerika gleicht russisch Roulette. Sechs der zehn Teams haben Chancen auf die dreieinhalb Tickets, die für die WM im kommenden Jahr noch zu haben sind: Drei Teams qualifizieren sich hinter Brasilien direkt, eine Mannschaft hat das Entscheidungsspiel vor der Brust.

Vermutlich steht Argentinien so schlecht da, weil Messi nur in neun der bisher 17 Partien zum Einsatz kam. Mal war er verletzt, mal gesperrt. Ohne ihn holte Argentinien sieben Punkte, mit ihm 18. Für die Zeitung „La Nación“ kann überhaupt nur der Barcelona-Star sein Land nach Russland schießen: „Hoffentlich hat Kapitän Leo noch ein As im Ärmel, mit dem die Löcher des sinkenden Schiffs gestopft werden und es nach Russland segeln kann“, dichtete die Zeitung. „So wie gestern und heute, so wird auch morgen Messi der einzige Hoffnungsträger dieser Mannschaft sein.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+