Das Spiel ist aus Schiedsrichter zieht Schlussstrich

Kult-Schiedsrichter Ralph Christian Schöttker hat nach 832 Partien die Bremer Handball-Bühne verlassen. Er liebte es, wenn es auf dem Spielfeld hoch herging.
07.09.2018, 21:30
Lesedauer: 4 Min
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Von Olaf Kowalzik

Ralph Christian Schöttkers Mundwinkel gehen nach oben. Als er am Hallenausgang der Sperberstraße einen Kleiderhaken sieht, nimmt er seine beiden Pfeifen, heftet sie dran und lächelt. „Schöner geht‘s ja gar nicht“, sagt der Bremer Handball-Schiedsrichter vergnügt. Der 42-Jährige macht schnell noch ein Foto von seinen – nunmehr – Ex-Utensilien und lädt es in sein Whats­app-Profil hoch. Er hat seine langjährige Passion in diesem Moment nicht nur sprichwörtlich, sondern auch ganz real an den Haken gehängt. Für Schöttker ist der Schlussstrich gezogen. Endgültig.

Passé sind die 832 von ihm geleiteten Spiele bis hoch zur dritten Liga; ohne Frust, Wehmut oder sonstigen Sentimentalitäten. „Ich hatte ja auch elf Monate Zeit, mich auf diesen Moment vorzubereiten“, sagt er. Wenn am Wochenende wieder die Punktspiele beginnen, wird er keines mehr davon anpfeifen. Dabei fällt ihm der Ausstieg nach einem Eingriff ins Knie und der aufbauenden Physiotherapie überraschend leicht. „Letztlich wollte ich den Zeitpunkt meines Aufhörens bestimmen – und nicht mein kaputtes Knie.“

Der Kreis schließt sich

Dass ihn sein letzter Auftritt ausgerechnet in die Landesliga direkt zu seinem Heimatverein SV Grambke-Oslebshausen führte, für den er 26 Jahre lang als Unparteiischer tätig war, war pures Glück. „Da konnte ich ein letztes Mal die Atmosphäre einsaugen, mich freuen und das Spiel genießen.“ Ironie des Schicksals: Das Knie, dessen immer weiter nachlassender Knorpel ihm nach solchen Einsätzen verstärkt Kummer bereitet hatte, tat nun keine Spur weh. „Das könnte aber schon beim nächsten Mal wieder ganz anders aussehen“, sagt Schöttker. Nein, er traut der Sache nicht.

Gewissermaßen schließt sich mit dem maladen Knie ein Kreis. Es war der Auslöser dafür, dass er einst zur Pfeife griff – und sie nun auch wieder weglegt. Im Sommer 1991 begann sein Weg in die Schiedsrichterei, als der damalige Jugend-Torwart des TV Grambke an einem Kreuzbandanriss laborierte. Während seine Mannschaft bei einem Turnier in Garrel antrat, vertrieb er sich dort die Zeit als Unparteiischer. „Aus purer Langeweile“, blickt der stellvertretende Schulleiter des Ökumenischen Gymnasiums (Fachrichtung Mathematik und Latein) zurück. Aus Langeweile wurde Spaß – vor allem aber der Wille, für faire Spiele zu sorgen.

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Am 7. September 1991 begann sein erster offizieller Einsatz mit einem D-Jugendspiel in Oslebshausen. 27 ereignisreiche Schiri-Jahre wurden daraus. „Heutzutage würde ich jüngere Jugendspiele gar nicht mehr pfeifen wollen, weil mir deren Regeln viel zu kompliziert geworden sind. Das ist nicht mehr mein Sport“, sagt Schöttker. Den vorgeschriebenen offensiven Abwehrsystemen und deren Folgen kann er nichts abgewinnen.

Er liebt es, wenn es auf dem Spielfeld hoch hergeht. Wenn die Halle brechend voll ist, die Stimmung überkocht und die Spannung auf den Rängen nicht mehr auszuhalten ist. Wie beim 29:29 in der Männer-Verbandsliga zwischen Rotenburg und Langen. Als er 20 Sekunden vor Schluss glaubte, den Rotenburger Trainer Nils Muche ein wenig beruhigen zu müssen und der ihm einfach nur mit glänzenden Augen entgegnete: „Ist doch ein geiles Spiel, oder?“ Das sind die Momente, die ihm Spaß machen, in denen auch so etwas wie Wiedersehensfreude mit Trainern oder Spielern entsteht, die über viele Jahre angehalten hat. Deshalb wäre er auch nie zur HSG Schwanewede/Neuenkirchen ins Bremer Umland gewechselt. „Da bist du immer willkommen", sagt er, "und so eine Atmosphäre lässt du dir doch nicht durch einen Wechsel nehmen.“

Es gab auch unliebsame Momente

Der 42-Jährige musste vor 17 Jahren aber auch einmal aus der Halle in Barnstorf türmen – als die Nachbesprechung mit dem Schiedsrichterbeobachter so lange gedauert hatte, dass der Heimverein die Halle längst abgeschlossen hatte. „Zum Glück kamen wir über den Notausgang raus“, erzählt er schmunzelnd. In besonderer Erinnerung ist ihm auch eine Tour im vergangenen Jahr geblieben, als es auf der Autobahn bei Blitzeis nicht mehr weiter ging und der TV Bohmte, einer der beiden Gegner der Partie, die er eigentlich pfeifen sollte, nicht einmal 50 Meter entfernt im selben Dilemma steckte.

Dass Schöttker einst in Fredenbeck nach einem Drittligaspiel von vier Ordnern umringt in die Kabine begleitet wurde, hatte allerdings nichts mit seiner vorherigen Leistung zu tun. Das verrückte Handballdorf vor den Toren Hamburgs hatte zuvor einfach nur einige knifflige Situation mit ihren Zuschauern erlebt, sodass es beim Schutz der Referees erst einmal auf Nummer sicher gegangen war. „Da fühlst du dich auf einmal unheimlich wichtig“, sagt Schöttker und lacht.

Es gab aber auch die unliebsamen Momente, die zum Glück äußerst selten waren. Wie der Zuschauer, der ihn nach einem Spiel in Spaden bepöbelt und ihm dann alles andere als anerkennend auf den Rücken geklopft hatte. Ralph Christian Schöttker notierte den Vorfall im Spielbericht, zeigte aber nach einem Gespräch mit dem Heimverein Herz – und strich die Anmerkung wieder aus dem Protokoll. Das brachte ihm schließlich Ärger mit dem Staffelleiter und dem Schiedsrichterwart ein: Sie meinten, dass Schöttker damit der Schiedsrichterzunft in den Rücken gefallen wäre. „Und plötzlich hatte ich die Pappnase auf“, sagt der Mann, dessen unverkennbares Markenzeichen das Pfeifen mit Ohrstöpseln ist.

Die Stöpsel trägt er, damit ihm sein Schiedsrichter-Handwerkszeug, eine 115 Dezibel starke Foxtrott, nicht einen Dauerpfeifton im Ohr beschert. „Wer jedoch glaubt, dass ich mit den Stöpseln gar nichts mehr gehört habe, der war schief gewickelt“, betont der Mann, der auch rund zehn Jahre Kreisschiedsrichterwart im Verband war. Wäre es manchmal vielleicht besser, nichts zu hören? „Wenn ich innerlich ausgeglichen war, dann war Kritik von den Rängen kein Problem. An dünnhäutigeren Tagen hat man die Zuschauer aber auch schon mal böse angeguckt und sich gedacht: Dann pfeif' das doch gefälligst selbst!“

Auch die Trainer, die von der ersten Spielsekunde an lamentieren, sind ihm ein Dorn im Auge. „Wäre es Pflicht, dass jeder Trainer einen Schiedsrichterschein haben muss, dürfte das Verständnis für unsere Arbeit größer sein. Der Sport ist mittlerweile so schnell, dass man einfach nicht alles sehen kann", sagt Schöttker. "So manche Trainer sind aber auch selbst bei den Regeln nicht gerade up to date.“

Er muss sich damit nicht mehr herumschlagen. Nach exakt 200 Partien mit seinem Lieblingsgespannpartner Marcel Lichtenberg hat Schöttker nun endgültig abgepfiffen. Sein Spielgeschehen bestimmt nun jemand anders: Sohn Lennart, kaum ein Jahr alt.

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