Die 14-jährige Rümeysa Sönmez zählt derzeit im Kampfsport zu den größten Nachwuchshoffnungen in Bremen

Schlagkräftig und selbstbewusst

Bremen. Wenn Rümeysa Sönmez den Ring betritt, erntet sie häufig irritierte Blicke. Die 14-jährige Schülerin betreibt seit beinahe zehn Jahren überaus intensiv verschiedene Kampfsportarten und zählt in der Altersklasse U15 zu den derzeit besten Kämpferinnen der Hansestadt.
06.05.2019, 00:00
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Von Christian Markwort
Schlagkräftig und selbstbewusst

Rümeysa Sönmez mit ihrem Vater und Trainer Ferhat Sönmez. Die junge Bremerin tritt gleich in drei Kampfsportarten an.

Christian Markwort

Bremen. Wenn Rümeysa Sönmez den Ring betritt, erntet sie häufig irritierte Blicke. Die 14-jährige Schülerin betreibt seit beinahe zehn Jahren überaus intensiv verschiedene Kampfsportarten und zählt in der Altersklasse U15 zu den derzeit besten Kämpferinnen der Hansestadt. „Ich möchte anderen Mädchen beweisen, dass Kampfsport nicht nur von Jungs oder Männern betrieben werden kann“, erzählt sie, „sondern dass auch Mädchen und Frauen das Zeug dazu haben.“

Gerade erst hat die Achtklässlerin vom Alten Gymnasium beim „Ladies Boxing Cup 2019“ im lettischen Riga Rang zwei belegt, nur eine Woche später nahm sie an der deutschen Meisterschaft im Muay Thai (Thai Boxen) in Rockenhausen Teil – und wurde Erste. Das hoffnungsvolle Nachwuchstalent ist mit ihrem Ehrgeiz und ihren Erfolgen nun startklar für die Meisterschaften, die demnächst auf sie zukommen: Im Juni nimmt sie zunächst an der Weltmeisterschaft im Muay Thai in Antalya/Türkei teil, im August reist sie zur Deutschen Meisterschaft im Boxen.

Die Blicke, die das zierlich wirkende Mädchen oft erntet, beziehen sich allerdings weniger auf die Tatsache, dass sie als Mädchen mit Fäusten und Füßen hervorragend umzugehen weiß, sondern sind eher der Tatsache geschuldet, dass sie mit einem Kopftuch zu ihren Kämpfen antritt. Als praktizierende Muslima ist das Kopftuch zwar ein wichtiger Bestandteil ihres Glaubens, für Rümeysa hat es allerdings vielmehr einen äußerst praktischen Nutzen. „Im Wettkampf würden mir meine langen Haare sonst ins Gesicht fallen und mich behindern“, begründet sie, „niemand verlangt, dass ich es trage, es gehört einfach zu meinem Glauben und lässt mich einfach besser sehen.“ Die vielen Vorurteile,mit denen sie deshalb auch häufig konfrontiert wird, ignoriert sie schlicht. „Niemand, der mich deswegen vorverurteilt, kennt mich wirklich“, sagt sie, „deshalb ist es mir auch egal, was die Leute erzählen.“ Seit ihrem elften Lebensjahr trägt sie das Kopftuch, „weil ich einfach sehr stolz auf meinen Glauben bin und es eben dazu gehört“. Und die Blicke oder dummen Sprüche, mit denen sie hin und wieder leben muss, motivieren sie eher, als dass sie sich verletzt fühlt.

Tägliches Training

Zum Kampfsport kam die 13-Jährige über ihren Vater Ferhat Sönmez, Gründer und Leiter des „Leon Fight Club“ in Bremen-Walle. Dort unterrichtet er Mädchen, Jungen und Erwachsene in den Sportarten Muay Thai, Taekwondo, Kickboxen/K-1und Boxen. Gemeinsam mit ihren jüngeren Brüdern Ali Imran (12) und Cihat (10) hat Papa Sönmez auch Rümeysa schon früh mit in die Trainingshalle am Hohweg mitgenommen. „Ich bin da praktisch reingewachsen“, erzählt das Mädchen, „und kann mir überhaupt keinen anderen Sport vorstellen, der so gut zu mir passt.“

Die Faszination des Kampfsports liegt für Rümeysa besonders in den schnell erkennbaren Fortschritten, die der Sport mit sich bringt: „Man hat schnell Erfolgserlebnisse“, verdeutlicht Rümeysa, „und für mich persönlich sind vor allen Dingen, Ehrgeiz, Disziplin und Gelassenheit ganz wichtige Punkte, die mir im weiteren Leben auch in anderen Bereichen weiter helfen werden.“ Wie zum Beispiel in der Schule, wo Rümeysa unter anderem Sport und Deutsch zu ihren Lieblingsfächern zählt und wo sie in Chemie von der Disziplin aus dem Sport profitiert. „Chemie geht gar nicht“, sagt sie schmunzelnd, „gehört aber eben auch dazu und ich brauche es, um später mein Abitur zu bestehen.“

Nach einem langen Schultag steht für Rümeysa ab dem Nachmittag dann täglich das Training im Studio auf dem Programm. „Das macht mir viel Spaß und ist überhaupt nicht anstrengend“, versichert sie. Es helfe ihr, manch blödes Erlebnis im Alltag zu bewältigen. „Ich kann mich am Sandsack so richtig abreagieren“, sagt sie, „und kann gleichzeitig meine Schlagtechnik verbessern.“

Beim Boxen zählt die junge Kampfsportlerin den Seitwärtshaken sowie den Uppercut zu ihren Stärken, als Rechtshänderin ist sie eine Linksauslegerin. „An ihrer Beinarbeit muss sie allerdings noch arbeiten“, betont Vater Ferhat, der seine Tochter gemeinsam mit Reinhard Lucker trainiert. Außerdem müsse sie noch flüssiger aus der Bewegung herausarbeiten, „aber sie hat erst im vergangenen Jahr überhaupt mit dem Boxen angefangen, da kann natürlich noch nicht alles perfekt sein“, verdeutlicht ihr Vater. Beim Muay Thai arbeitet Rümeysa gerne mit ihren Knien, die „Backspin-Faust“ zählt zu ihren Stärken. Ihr Vater trainiert seine Tochter dort im Gespann mit Trainer Ernst Struckmann. Der dritte Kampfsport, den die 13-Jährige betreibt, ist das Kick-Boxen. Hier arbeitet sie gerne mit Kicks, „ob hoch, oder tief, spielt keine Rolle“, so Ferhat Sönmez, „sie ist schnell und wendig und für ihre Gegnerinnen immer nur schwer auszurechnen“.

Mehr Durchsetzungsvermögen

Rümeysa Sönmez hat gelernt, sich durchzusetzen." Konflikten versucht sie aus dem Weg zu gehen, stattdessen benutzt sie ihren Mund, um sich zu wehren. "Außerhalb des Rings bin ich noch nie in eine Prügelei geraten", erklärt sie, "und ich hoffe auch sehr, dass es auch in Zukunft so bleibt." Allerdings gebe ihr der Kampfsport die Gewissheit, "dass ich mich wehren kann, das macht mich selbstbewusster". Während Mutter Eda die ganze Sache nicht so wirklich große Freude bereitet, unterstützt ihr Vater sie nach Kräften. "Mama hat immer Angst, dass ich mich verletzte", sagt die 14-Jährige, "aber außer einer blutigen Nase ist mir noch nie etwas passiert."

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