Christian Ertel ist Sixdays-Glöckner

Sie nennen ihn Glöckchen

Noch näher dran ist niemand. Kurz bevor die Bahn einen Bogen macht, mit dem Gesicht zur Nordtribüne der Arena, direkt am Rand des Ovals, hat Christian Ertel seinen Arbeitsplatz bei den Sixdays.
15.01.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Sie nennen ihn Glöckchen
Von Nico Schnurr
Sie nennen ihn Glöckchen

Sixdays 2017 - Serie - Die am Rad drehen - Christian Ertel

Frank Thomas Koch

Noch näher dran ist niemand. Kurz bevor die Bahn einen Bogen macht, mit dem Gesicht zur Nordtribüne der Arena, direkt am Rand des Ovals, hat Christian Ertel seinen exakt für einen Laptop Raum bietenden Arbeitsplatz bei den Sixdays.

Direkt neben ihm nimmt Hallenchef Peter Rengel pausenlos Anrufe entgegen. Nicht mal einen Meter hinter ihm sucht Erik Weispfennig, der Sportliche Leiter der Sixdays, das Gespräch mit den Fahrern, die sich vor ihren Kabinen erholen.

Ertel, den sie hier alle nur Glöckchen nennen, braucht nicht viel Platz zum Arbeiten. Sein wichtigstes und spitznamengebendes Arbeitsutensil baumelt direkt über ihm. Glöckchen ist ein einflussreicher Mann, vielleicht der einflussreichste der gesamten Sixdays. Alle hier hören sie auf ihn, den Glöckner von Bremen. Er entscheidet, wann Rennen beginnen und enden.

Wenn Glöckchen bimmelt, wird in die Pedale getreten. Wenn Glöckchen bimmelt, entspannen sich die Muskeln der Fahrer schlagartig. Wenn Glöckchen bimmelt, entscheidet er über Sieg und Niederlage. „Ich kann Rennen zerstören“, sagt Ertel. Seine Aufgabe ist es, genau das zu vermeiden. Fällt er nicht weiter auf, obwohl die ganze Halle seine Glocke hört, hat er seine Aufgabe besonders gut gemeistert.

Der Glöckner von Bremen hat es nicht leicht. „Diese Illusion, dass ich hier den einfachsten und lockersten Job in der Halle hätte, muss ich den Leuten leider nehmen“, sagt er. Sechs Tage und sechs Nächte steht er am Rand der Bahn, seit fünf Jahren schon. Immer geht es bei ihm um Sekunden. Er muss pünktlich sein, er muss „verdammt genau“ sein. Eine Hand am Laptop, eine am Strick der Glocke, so verharrt er für Stunden.

Glöckchen hat einen Job, für den man sehr gute Augen braucht – „deswegen trage ich eine Brille“, sagt er. Sie sind fast so wichtig wie die Glocke, die er läutet. Wenn seine Augen zufielen, dann wäre das „eine Katastrophe“. Denn Glöckchen muss „das Rennen lesen“, um zu wissen, wann er wieder bimmeln muss. Anfangs musste er das lernen. „Das ist eine Frage der Routine“, glaubt er. „Man muss das wirklich üben. Das Drumherum und die Party über Tage ausblenden zu können, ist nicht immer einfach.“

Vor seinem ersten Bimmeln hatte Glöckchen richtig Bammel. „Ich habe nächtelang kaum ein Auge zubekommen“, sagt er. Das sei nun mal „eine elementare Aufgabe“, ohne die nichts laufe, oder besser: fahre, bei den Sixdays. Inzwischen hat Glöckchen sich an seine Aufgabe gewöhnt. Er ist froh, „Teil dieses wahnsinnigen Zirkus zu sein“. ­Tatsächlich ist der Glöckner von Bremen ­geradezu prädestiniert für seine Aufgabe. Weil „ich ein großes Herz fürs Rad und den Sport habe“. Weil er Deutscher Meister im Derny ist. Und weil er einen Beruf hat, der ihn darin übt, genau zu sein. Glöckchen kümmert sich um Kernkraft. Er hilft, Kernkraftanlagen abzubauen. „Bei den Sixdays ist es wie beim Kernkraftwerk“, sagt Glöckchen. „Wenn ich nicht genau bin, dann brennt‘s.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+