Ehemaliger Bremer Fußballtrainer Heinrich Brill feiert 92. Geburtstag – und ist noch immer voller Tatendrang „Sir Henry“ und sein Brill-Ball

Am vergangenen Sonntag hat der ehemalige Fußballtrainer Heinrich Brill, besser bekannt als „Sir Henry“, seinen 92. Geburtstag gefeiert. Zu Gast war unter anderem Werder-Legende Max Lorenz. „Sir Henry“ nutzte die Gelegenheit auch, um den Gästen seine Erfindung, den „Brill-Ball“, vorzustellen.
10.08.2014, 00:00
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„Sir Henry“ und sein Brill-Ball
Von Felix Frank

Am vergangenen Sonntag hat der ehemalige Fußballtrainer Heinrich Brill, besser bekannt als „Sir Henry“, seinen 92. Geburtstag gefeiert. Zu Gast war unter anderem Werder-Legende Max Lorenz. „Sir Henry“ nutzte die Gelegenheit auch, um den Gästen seine Erfindung, den „Brill-Ball“, vorzustellen.

Der engste Familienkreis ist schon da. Doch auf einen Gast wartet „Sir Henry“ noch sehnsüchtig: Max Lorenz. Woher er die Werder-Ikone kenne? „Sir Henry“ holt tief Luft und beginnt zu erzählen. Von einem ganz besonderem Fußballspiel. Seine Augen funkeln bei diesem Ausflug in die Vergangenheit voller Begeisterung und Leidenschaft. Nebenbei blättert der ehemalige Fußballtrainer, der am vergangenen Sonntag anlässlich seines 92. Geburtstages in seinen Gröpelinger Stamm-Griechen „Poseidon“ geladen hat, in einer fein säuberlich sortierten Mappe und zeigt auf einen Zeitungsartikel vom 23. Mai 1959.

Heinrich Brill, der von allen nur „Sir Henry“ genannt wird, trainierte zu jener Zeit den AGSV. Seine Gröpelinger Mannschaft stand nach etlichen Niederlagen in der Verbandsliga mit dem Rücken zur Wand. Genau wie der 19-jährige Jungspund Max Lorenz mit seinem Heimatklub SV Hemelingen. „Wir haben immer verloren, standen an vorletzter Stelle“, so Brill. Im direkten Duell um den Ligaverbleib in der höchsten Bremer Spielklasse trafen „Sir Henry“ und Lorenz aufeinander. Gespielt wurde in Hemelingen – auf einem Platz aus „halb Schlacke, halb Rasen“ (Brill).

Für Max Lorenz war es eines der letzten Spiele im SVH-Trikot, bevor er als Vertragsspieler bei Werder Bremen auflief. Bei der Kabinenansprache an sein als Außenseiter gehandeltes Team überraschte „Sir Henry“ dann mit einem ausgeklügelten Plan: Der Trainer streifte sich das Trikot mit der Nummer elf über, stellte sich also selbst auf und gab im zarten Alter von 36 Jahren ein einmaliges Comeback. Es sollte eine denkwürdige Rückkehr werden.

Der AGSV ging 1:0 in Führung, Hemelingen glich aus, ehe die Gäste aus Gröpelingen erneut vorlegten. Die Reaktion von Max Lorenz nach dem 3:1 hat „Sir Henry“ noch genau vor Augen: „Er wurde nervös, hat mit der Faust auf den Boden geschlagen und geschrien: ‚Leute, soll ich den Opa auch noch decken?‘“ Vor allem der letzte Satz klingt wie Musik in den Ohren von Heinrich Brill, der noch heute darüber schmunzeln muss. Seine freche Antwort lautete damals auf dem Platz: „Es ist schon zu spät, da kommen noch mal drei.“ Oder besser vier. Denn die Gröpelinger schlachteten die Hausherren vom SV Hemelingen mit 7:1 (3:1) ab – und Brill, der Linksaußen, gab zu jedem Tor die Vorlage.

Just mit dem Ende der Anekdote betritt Max Lorenz das Lokal. Die Begrüßung ist herzlich. „Na Junge, siehst gut aus“, sagt Lorenz und gratuliert nachträglich zum 92. Geburtstag. Die Freude über das Erscheinen der Werder-Ikone ist dem Gastgeber anzumerken – „Sir Henry“ strahlt. „Max ist für mich eine Persönlichkeit“, sagt das Geburtstagskind. Einige Gedanken werden ausgetauscht. Und natürlich lässt es sich Heinrich Brill nicht nehmen und konfrontiert den ehemaligen Fußballprofi auch nach über 50 Jahren mit jener legendären Fußballpartie.

„Ich war ein ganz junger Bengel, am Ergebnis können wir heute nichts mehr ändern“, sagt Lorenz. Ob ihn die Pleite gegen „Sir Henry“ und den AGSV noch heute ärgert? „Wenn man verliert, kann man sich nicht freuen. Das 7:1 war so eine Klatschte, da muss man sehen, dass man das möglichst schnell vergisst“, sagt der Vizeweltmeister von 1966, der mit Werder Bremen 1961 den DFB-Pokal und vier Jahre später die Deutsche Meisterschaft gewann.

Die erfolgreiche Trainerkarriere von Heinrich Brill, der am 29. Juli 1922 als Sohn deutscher Eltern in Oberschlesien das Licht der Welt erblickt hatte, begann indes wesentlich früher. 1954 macht er in Polen seinen ersten Trainerschein. Brill, der fließend Polnisch und Russisch spricht und eine Zeit lang als Übersetzer gearbeitet hat, trainierte international unter anderem die polnische Militär-Nationalmannschaft und die ungarische Junioren-Nationalmannschaft. 1957 kam das Urgestein nach Bremen und war neben seiner Station beim AGSV auch Trainer bei TuS Eintracht Bremen oder dem Polizei SV, die früher alle in der höchsten Bremer Klasse kickten. Seine A-Lizenz beim DFB erwarb der Betriebsingenieur 1972. Momentan ist Heinrich Brill der drittälteste Trainer im Bund Deutscher Fußball-Lehrer.

„Er war ein guter Fußballer und ein erfolgreicher Trainer. ‚Sir Henry‘ hatte einen Namen in den Fußballkreisen“, lobt Max Lorenz. Seit Jahren hätten sie ein „freundschaftliches Verhältnis. Ich bin aus Überzeugung und gerne hierhergekommen, er gibt sich Mühe.“ Und beim gemeinsamen Durchstöbern der Fotos aus der Vergangenheit fügt der einstige Werder-Star hinzu: „Er war immer ein Gentleman, und so hat er sich auch angezogen.“ Auch bei seiner 92. Geburtstagsfeier hat sich „Sir Henry“ in Schale geworfen: Schwarze Lackschuhe, eine schwarze Anzughose und ein weißes Hemd garniert mit einer bunten, stilechten Fliege, einem passenden Kummerbund und silbernen Manschettenknöpfen.

Rührt der Spitzname daher? Sein stets schnieker Kleidungsstil lässt darauf schließen, der Ursprung ist aber in seinem Spielstil als aktiver Fußballer begründet. In Polen nannten ihn die Kollegen zunächst „Püppchen“, weil er immer über die grätschenden Gegenspieler drüber gesprungen sei. „Alle sind mit der Schnauze in den Dreck geflogen; alle waren sie dreckig, nur ich nicht“, erinnert sich „Sir Henry“. Der Beiname „Püppchen“ ärgerte ihn so sehr, dass eine Vereinsversammlung einberufen wurde. Dort wurde dann der neue Spitzname beschlossen: Fortan hieß er wegen seiner eleganten Spielweise „Sir Henry“.

Die Feier seines 92. Geburtstages nutzt der „Sir“ nun auch, um auf seine Erfindung, den „Brill-Ball“, aufmerksam zu machen. Aus einer Plastiktüte, die am Griff seines Rollators baumelt, kramt er seinen Schatz hervor. An einem kleinen Plastikball ist eine mit diversen Knoten versehene Gummischnur befestigt, die sich mit Hilfe einer Öse manuell verkürzen lässt. Das „Bewegungsgerät“, so Brill, diene der Verbesserung der Technik und Ballbehandlung.

Eine Ballpumpe, ein Eisenring zum optionalen Befestigen im Rasen sowie eine Tasche zum Verstauen der gesamten Utensilien vervollständigen die Idee vom „Brill-Ball“. Nachdem er seinen Geburtstagsgästen die Theorie erklärt hat, führt „Sir Henry“ höchstpersönlich den „Brill-Ball“ in der Praxis vor. Draußen, auf der Einfahrt des Restaurants, hält er die Schnur fest und kickt einige Male gekonnt gegen den Ball, der immer wieder zu ihm zurückkommt. Eine beeindruckende Beweglichkeit in diesem Alter.

Schon 1975 habe er ein Patent für den „Brill-Ball“ angemeldet, in all den Jahren aber nicht die kostspieligen Gebühren bezahlen wollen. Einen Abnehmer für seinen speziellen Pendelball gab es bisher nicht. „Ich komme nicht dazu, das an den Mann zu bringen“, sagt Heinrich Brill. Sein 74-jähriger Kumpel Max Lorenz äußert derweil Skepsis: „Das ist eine wunderbare Idee, die sich in der heutigen Zeit aber leider nicht mehr verwirklichen lässt. Die Zeit ist weitergelaufen, die großen Firmen haben kein Ohr dafür. Der Ball hat keine Chance.“ Die Antwort von „Sir Henry“: „Das wollen wir mal sehen, Max.“

50 Stück hat er schon in eigener Handarbeit produziert. Auch ein Oberschenkelhalsbruch sowie Probleme am rechten Auge konnten ihn nicht stoppen. Und noch heute tüftelt „Sir Henry“, der auch andere Trainingsmethoden wie das Auslaufen nach Punktspielen entwickelt hat, in seiner Senioren-Wohnung. Er sagt: „Ich erfinde fast jeden Tag etwas. Ich bin froh, dass ich beruflich und sportlich auf hohem Niveau bin.“

Für seine Zukunft wünsche er sich, seine Gesundheit und seinen Willen zu behalten. „Du musst wollen. Suche nicht das, was du brauchst, sondern finde das, was du hast“, zitiert „Sir Henry“ seine Lebensmottos. Was wohl Uwe Seeler zum „Brill-Ball“ gesagt hätte? Die HSV-Legende, mit der „Sir Henry“ ebenfalls per du ist, konnte nicht an der Geburtstagsfeier teilnehmen. Dafür schickte „uns Uwe“ aber eine Gratulationskarte.

„Sir Henry“ und sein Brill-Ball: Anlässlich seines 92. Geburtstags stellte die Bremer Fußballlegende sein Patent vor. FOTO: FELIX FRANK

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