Fußball Zwei unvergessliche Länderspiel-Tore

Michael „Magic“ Müller spielt mit der deutschen U35 gegen Frankreich und Spanien
27.12.2020, 16:01
Lesedauer: 6 Min
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Von Jens Pillnick

Bremen-Nord. Ende Juli 2006 in einem Stadion bei Frederikshavn. Michael „Magic“ Müller, der viel herumgekommene Offensivspieler aus Lemwerder, bestreitet zwei inoffizielle Fußball-Länderspiele für Deutschland. Bei einem Blitzturnier für Ü35-Traditionsmannschaften trägt er den deutschen Adler auf der Brust, spielt gegen Spanien und Frankreich und erzielt dabei zwei Tore. „1:0 für Deutschland. Torschütze Michael Müller“, an diese zwei Sätze, die der Stadionsprecher mit dänischem Akzent sagte, erinnert sich der heute 50-Jährige als wäre es gestern gewesen: „Das war ein Gänsehaut-Gefühl. Ich hatte Tränen in den Augen.“ Ähnlich sei das Empfinden bereits beim Abspielen der Nationalhymne gewesen.

Dass der Auftritt der deutschen Ü35 insgesamt nicht sonderlich erfolgreich war, das ist allerdings auch ein Teil der Geschichte. Denn im ersten Spiel hatten die Deutschen Bekanntschaft mit dem Tiki-Taki der laut Müller total austrainiert daherkommenden Spanier gemacht und mit 0:5 verloren. Im Spiel um Platz drei hatte es gegen Frankreich nach 90 Minuten 1:1 gestanden, im fälligen Elfmeterschießen verloren die Deutschen.

„Budde“ lädt ein

Bekanntschaft mit Fußball-Promis hatte „Magic“ Müller aber auch schon vor den beiden Spielen in Dänemark gemacht. In seiner anderthalbjährigen Zeit, die er für den Brinkumer SV kickte, lernte er die dort im Umfeld tätige Werder-Legende Dieter Burdenski kennen. „Budde“ organisierte auch die Spiele der Werder-Traditionsmannschaft und lud Michael Müller fortan über Jahre ein. Eine Werder-Vergangenheit hatte Müller, der derzeit der Trainer des A-Junioren-Verbandsligisten Blumenthaler SV ist, schließlich auch. Sowohl in der U19 als auch auch für Werder Bremen II lief Müller Ende der Achtziger beziehungsweise Anfang der 90er auf.

Dass Dieter Burdenski ihn nach Dänemark einlud, überraschte Michael Müller schon. „Das Interesse war wohl nicht sonderlich groß“, erklärte er es sich, warum ihm diese Ehre zu Teil wurde. Er vermutet, dass das Event für viele in die Jahre gekommene Bundesliga-Spieler finanziell nicht reizvoll war. So stellte sich das Team schließlich hauptsächlich aus dem Werder-Dunstkreis zusammen. Mit der Fluggesellschaft OLT machte sich die Delegation von Bremen aus auf den Weg nach Dänemark. Für Müller war das der Start „in ein tolles Erlebnis“. Das lange Wochenende – mit Unterkunft im Scandic Stena Hotel Frederikshavn – sei von einer sehr guten Kameradschaft geprägt gewesen, und eben diesen beiden sportlichen Duellen mit großen Fußball-Nationen.

Die Gastgeber, auf die Müller und Co. allerdings nicht trafen, hatten zwei besondere Zugpferde in ihren Reihen: Michael und Brian Laudrup. Während Müllers Mannschaftskameraden leicht die Augen verdrehten, ließ der es sich nicht nehmen, diese früheren Topstars um eine Foto-Audienz zu bitten. „Heute hätte man mit ihnen ein Selfie gemacht“, lacht Müller.

Torschütze gegen Frankreich

Der erste Auftritt war glanzvoll. Aber nur aus der Sicht der Spanier, die laut Müller allesamt körperlich in hervorragender Verfassung waren und den Ball zirkulieren ließen. Müller: „Eine Augenweide.“ Für die Deutschen, die diesbezüglich nicht mithalten konnten, eine unlösbare Aufgabe. Nach 90 Minuten hieß es 0:5, es blieb eine zweite Chance im Spiel um Platz drei. Das ging zwar im Elfmeterschießen verloren, aber da gaben die Deutschen ein gutes Bild ab, allen voran Michael Müller, der im Gegensatz zu einigen Mitstreitern körperlich in Topverfassung war. Müller hatte nicht nur etliche gute Szenen, sondern erzielte auch das für ihn so bedeutsame Tor zum 1:0. Aber ihn freute nicht nur die folgende Durchsage des Stadionsprecher („1:0 für Deutschland. Torschütze Michael Müller“), sondern auch die Art und Weise, wie es zustande gekommen war. Ausgerechnet Oliver Freund, mit dem Müller einst bei Werder in der A-Jugend gespielt hatte, leistete mit einer Flanke die Vorarbeit. Und Müller nahm den Ball volley und drosch ihn in die Maschen. „Mein Gegenspieler war Loco. Eine echte Kante, aber ich habe mein Tor gemacht“, blickt Müller zufrieden zurück.

Im Elfmeterschießen kniffen dann viele. „Ihr seid doch alles gestandene Profis. Und ich soll jetzt schießen?“, mit diesen Worten habe sich Müller an das von „Dixi“ Dörner betreute Team gewandt, weil sich die Anzahl der Freiwilligen sehr in Grenzen hielt. Müller löste das auf seine Art – und versenkte den Ball. Zum Sieg gegen Frankreich reichte Müllers zweites Tor für Deutschland aber nicht. „Ich hätte das Trikot mit der Nummer neun gerne mitgenommen. Aber sie sind alle wieder eingesammelt worden“, findet Müller es noch heute schade, dass ihm damals ein schönes Erinnerungsstück vorenthalten wurde. Wie Werder-lastig das damalige Team war, zeigt ein Blick auf die Reisegruppe: Friedhelm Frenken, Christoph Budde, Matthias Rülander, Manfred Bockenfeld, Michael Schulz, Uli Borowka, Oliver Freund, Dieter Eilts, Wolfgang Sidka, Lars Unger, Tammo Feuerherdt, Martin Rapp und Michael Müller.

Viermal zurück zu Blumenthal

Dass Michael „Magic“ Müller acht Jahre für Werders Traditionsmannschaft spielte und auch für das Ü35-Blitzturnier in Dänemark eingeladen wurde, ist letztlich auch der Lohn für seine Einstellung zum Fußball. „Seit ich 15 bin, ging es bei mir nur um Leistung. Ich kann nicht nur aus Spaß spielen. Ich bin Leistungs- und kein Breitensportler“, beschreibt Müller, der bis 2019 noch Spielertrainer bei der SVG Berne war, sein Handeln. Mit 15 hatte er damals den Sprung aus Lemwerder über die Weser zum Blumenthaler SV („Der BSV war das Maß aller Dinge“) gewagt und von dort aus eine Laufbahn gestartet, die ihn sehr nahe an den Profibereich heranführte. Die ersten Jahre beim BSV und eine insgesamt viermalige Rückkehr würden seine Verbundenheit zeigen. Und auch wenn er in Lemwerder aufgewachsen ist und seit Jahren nur wenige Meter entfernt von seinem Elternhaus lebt, waren die Jahre in Bremen-Nord beim Blumenthaler SV prägend: „Ich bin ein Blumenthaler.“

Den Sprung von den Werder Amateuren zu den Profis hat aus Sicht von Michael Müller nicht geklappt, weil „König Otto“ (Otto Rehhagel) fertige Spieler gewollt hätte. „Aad de Mos hätte mich hoch geholt“, glaubt er. Später klopfte Michael „Magic“ Müller beim VfL Osnabrück noch einmal an das Profi-Tor, danach ging seine Reise durch die Bremer und Bremerhavener Vereine sowie Vereine aus der niedersächsischen Nachbarschaft weiter. Bei der Wiederauferstehung des SV Atlas Delmenhorst im Jahre 2012 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern und schaffte als Spielertrainer den anvisierten Aufstieg. Es war der Start zu einem Höhenflug, der den Kult-Klub – dann allerdings ohne das Mitwirken von Michael Müller – bis in die Regionalliga führte.

„Natürlich wäre ich gerne Profi geworden“, sagt „Magic“ Müller rückblickend auf seine Karriere. Die Klasse dafür hätte er gehabt, allerdings hätte ihm ein Berater gefehlt. Den Namenszusatz „Magic“ hat ihm übrigens sein Bruder Martin Anfang der 90er verpasst. Denn da hatte Michael Müller beim Hallenturnier des SV Lemwerder ein wunderschönes Tor per Lupfer erzielt und war quasi doppelt belohnt worden. Den Namen Michael Müller gibt es in Deutschland zigfach, doch der Name Michael „Magic“ Müller galt zumindest in der Region als Marke.

Haus, Familie, Job

Längst mit beiden Beinen am Boden stehend, weiß er aber auch zu schätzen, dass sein Leben in einer anderen Bahn verlaufen ist: „Ich habe ein Haus, eine Familie und einen Job. Wer weiß, ob ich das als Profi gehabt hätte.“ Die vielen Spiele mit der Werder-Traditionsmannschaft und die inoffiziellen Länderspiele beim Ü35-Blitzturnier haben ihn aber immer wieder mit Ex-Profis zusammengeführt. Und ihm in der Nähe von Frederikshavn das besondere Gefühl als Torschütze für Deutschland spüren lassen.

Info

Zur Person

Michael Müller

ist 50 Jahre alt und arbeitet als kaufmännischer Angestellter bei der Bremer Lagerhaus-Gesellschaft im Neustädter Hafen. Mit seiner Frau Gaby, die Jana (28) mit in die Beziehung gebracht hat, hat er die gemeinsamen Kinder Sophia (21) und Matteo (18). Michael „Magic“ Müller begann seine sportliche Laufbahn beim SV Lemwerder, danach führte ihn der Weg über den Blumenthaler SV zur U19 von Werder Bremen. Die weiteren Stationen: OSC Bremerhaven, Werder Bremen II, FC Bremerhaven, SV Lemwerder, TSV Lesum-Burgdamm, SV Atlas Delmenhorst, SV Wilhelmshaven, FC Oberneuland, VfL Osnabrück, Sharjah FC, FC Bremerhaven, FC Oberneuland, Brinkumer SV, Bremer SV, Blumenthaler SV, SV Lemwerder, Blumenthaler SV, SV Atlas Delmenhorst, Blumenthaler SV und SVG Berne. Derzeit ist Michael Müller Trainer des A-Junioren-Verbandsligisten Blumenthaler SV und spielt für die Ü32 der Nordbremer.

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