Ü65-Fußball

Spielen, Spaß haben, nicht lang ärgern

Ihre Spielklasse nennt sich Ü 65-Liga. Die Bezeichnung gibt einen Hinweis auf das Mindestalter. Etliche Oldie-Fußballer in den 70ern sind darunter, aber mit bald 81 Jahren ist Klaus Pyka der älteste Aktive.
21.12.2018, 16:25
Lesedauer: 3 Min
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Von Thomas Müller
Spielen, Spaß haben, nicht lang ärgern

Klaus Pyka, hier beim Torschuss in der Halle Ostlandstraße, ist mit fast 81 Jahren ältester aktiver Fußballer im Landkreis.

von Lachner

Lilienthal. Einen wie ihn lässt man besser nicht an den Ball kommen. Klaus Pyka lässt mit einer einfachen Körpertäuschung seinen Gegenspieler stehen, läuft auf der rechten Seite mit der Kugel noch ein, zwei Schritte, schaut zur Mitte, ob einer besser steht. Nee, lieber sofort abschließen. Wumm! Der Ball schlägt trocken im kurzen Eck ein, Torwart Walter Kunke bleibt keine Abwehrchance. Nichts Besonderes, werden Sie jetzt vielleicht einwenden. Schon möglich.

Aber man muss dazu wissen, dass diese Szene in der Halle Ostlandstraße einem Trainingsspielchen mit Senioren-Fußballern entstammt. Und dass Torschütze Klaus Pyka am dritten Tag des kommenden neuen Jahres seinen 81. Geburtstag feiert. Er ist der älteste noch aktive Kicker im Landkreis Osterholz. Das hat Ralf Müller vom Spielausschuss im Kreisfußballverband bestätigt.

In seiner Ü 65-Mannschaft der SG Lilienthal-Falkenberg hat Pyka immerhin einen kleinen Vorsprung vor seinen Mitspielern Adolf Geib (79) oder Dieter Baumgarten (77). Und im Landkreis Osterholz gibt’s in der SG Pennigbüttel mit dem 74-jährigen Kurt Wrieden ja ebenfalls noch einen Seniorenkicker, der im hohen Alter noch viel Spaß am Kicken hat. Denn das ist die Hauptsache. Offiziell jedenfalls. Klaus Pyka aber verrät: „Eigentlich ist es die dritte Halbzeit.“ Wenn sie nach den Punktspielen noch beim Bierchen zusammensitzen. „Und meine Frau Ingrid ist dann auch immer dabei.“

Freilich müssen sie in der Sommerrunde in dieser Altersklasse schon einige Kilometer fahren, um auf den nächsten Gegner zu treffen. Pennigbüttel liegt ja praktisch vor der Haustür. Nach Visselhövede, Langwedel, Verden, Wahnebergen oder Achim-Uphusen dauert es dann aber doch etwas länger. Dabei spielen sie ihre zweimal 30 Minuten nur mit Siebener-Mannschaften. „Aber draußen sind wir manchmal nur zu acht oder neunt“, bedauert Klaus Pyka. Ja, es werden immer weniger.

In den Spielen muss Klaus Pyka dann manchmal auch öfter ran, als es seine Puste zulässt. Gut, dass es in der Altersklasse keine festen Wechselvorschriften gibt. Dann hebt er den Arm, um den Mitspielern auf der Bank zu signalisieren, dass er selbst aus dem Spiel raus und ein frischer Akteur ins Spiel rein muss. Pyka muss besonders auf seinen Körper achten. „Hier“, sagt er und zeigt auf eine etwas wulstige Stelle oberhalb der linken Brust, „mein Herzschrittmacher“.

Die Narben auf der Haut sind erst seit wenigen Tagen verheilt. Aber das Ganze funktioniert. Pyka kann weiter kicken. Einst ein gefürchteter Torjäger in den Nachkriegsjahren in Bremen beim ATSV Sebaldsbrück und später beim Landesligisten in Bad Bramstedt, wohin er berufsbedingt umzog, lässt er es heute ruhiger und deutlich tiefer stehend angehen. Nach einer Fußball-Pause bis 1965 mit Familiengründung und Hausbau in Marßel ging er bald wieder auf die Jagd nach dem runden Leder: beim 1. FC Burg, bei der SG Marßel, schließlich in Lilienthal beziehungsweise beim Vorgängerverein TV Falkenberg.

Jene Zeiten möchte er nicht missen. Weil – es wurde ja ganz anders gespielt. Sozusagen in einem 5-5-System. „Hinten spielten zwei Verteidiger und drei Läufer, davor fünf Stürmer“, erklärt Pyka. Vierer-Abwehrkette? Gab’s damals doch nicht! Und wenn dann doch zu viele Gegentore fielen? „Dann mussten die Stürmer zur Entlastung doch mehr mit nach hinten arbeiten.“ Es wurde halt deutlich mehr nach Instinkt gespielt. „Fußball eben“, wirft der rüstige Oldie ein. Und etwas ruhiger war es auch. „Früher gab es eine Ansage vor dem Spiel, heute rufen die Trainer ja fast die ganze Zeit aufs Feld.“

Ist auch völlig überflüssig, wenn die Oldies ihr Rasenschach spielen. Mit Auge eben. Laufen? Sollen doch Ball und Gegner! Abseits gibt’s eh nicht. Deshalb stehen hinten besser immer zwei Mann parat. „Heute ist mir das alles zu taktisch“, schüttelt Klaus Pyka, der früher als REFA-Techniker in der Arbeitsvorbereitung unter anderem auf der Schlieker-Werft in Hamburg gearbeitet hat, den Kopf.

Was ihn aber nicht davon abgehalten hat, als Dauerkarteninhaber (seit 14 Jahren) auch dem Werder-Stammtisch beim Bundesligisten in Bremen anzugehören. Dort zischt er dann auch gerne mal mit Jürgen L. Born, dem Ex-Clubchef, ein Bierchen. Gefachsimpelt wird natürlich auch heftig. Über die Werder-Spieler, wenn sie mal wieder nicht wie gewünscht gespielt haben. Eben anders als früher.

„Weil sie zu viele Chancen auslassen. Die Art, wie sie verlieren, da kann ich mich richtig ärgern“, ereifert sich der 80-Jährige, streicht mit der Hand über sein silber-grau-meliertes Haar und setzt noch verschmitzt nach: „Ich war mal ganz schwarzhaarig.“ Ob sie selbst früher denn nie verloren hätten? „Klar doch“, erwidert Klaus Pyka, „aber die Niederlage hatten wir sofort vergessen; denn das nächste Spiel wollten wir ja gleich gewinnen.“

In der Halle läuft derweil ein Angriff gegen Pykas Mannschaft. Manfred Meyer aus dem anderen Team versucht da ganz schlitzohrig, mit einem Heber einzunetzen. Aber Tormann Werner Börsdamm ist auf Zack. Er hat den Braten gerochen, fährt den rechten Arm aus und lenkt die Pille über den Kasten. Mist, ärgert sich Manfred Meyer. Aber nur für einen kurzen Augenblick. Schon vergessen? Wir sind schließlich beim Senioren-Fußball.

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