Zweitliga-Schlusslicht entlässt Meggle ‒ und hält an Trainer Lienen fest St. Pauli feuert den Sportchef

Hamburg. Der Arbeitstag der Profis des FC St. Pauli dauerte etwas länger, doch sie beschwerten sich nicht – im Gegenteil: Der Mehraufwand im Anschluss an das 1:1 gegen den 1.
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Von Hendrik Buchheister

Hamburg. Der Arbeitstag der Profis des FC St. Pauli dauerte etwas länger, doch sie beschwerten sich nicht – im Gegenteil: Der Mehraufwand im Anschluss an das 1:1 gegen den 1. FC Nürnberg war wie eine Belohnung. Gleich nach dem Abpfiff versammelte Trainer Ewald Lienen seine Mannschaft im Mittelkreis zu einer Nachbesprechung mit positivem Tenor, danach gingen die Spieler in die Fankurve und ließen sich vom Publikum hochleben für einen mutmachenden Auftritt. Zum ersten Mal nach vier Niederlagen in Folge hatte St. Pauli wieder gepunktet. Der passablen Leistung zuletzt beim Aus im Pokal gegen Hertha BSC folgte eine passable Leistung in der Liga gegen die zuletzt starken Nürnberger.

Die Protagonisten reagierten mit Erleichterung auf das Remis und sind zuversichtlich, dass es auch bald mal wieder mit einem Sieg klappt. „Wenn wir so weitermachen, haben wir uns die drei Punkte vielleicht schon im nächsten Spiel verdient“, sagte Mittelfeldmann Waldemar Sobota. „Im Gegensatz zu den vergangenen Wochen hatten wir diesmal das Gefühl, dass wir zumindest gewinnen könnten“, berichtete Verteidiger Lasse Sobiech. Seiner Meinung nach hat die Mannschaft endlich begriffen, dass es in dieser Saison nicht um die vorderen Plätze geht wie in der vergangenen Spielzeit, die mit dem vierten Rang abgeschlossen wurde, sondern gegen den Abstieg. Das Team hat den Abstiegskampf angenommen, wie es in der Branchensprache heißt.

Auch Trainer Ewald Lienen sieht einen zarten Aufwärtstrend. „Wir waren leidenschaftlich bis zum Gehtnichtmehr und haben genau so gespielt, wie wir in unserer Situation spielen müssen“, urteilte er über das Remis am gewohnt stimmungsvollen Millerntor.

Vor dem Pokalspiel gegen Berlin hatte der Trainer eine Brandrede vor der Presse gehalten und von seinem kickenden Personal Leidenschaft und Kampfgeist gefordert. Wie es aussieht, hat er die Profis erreicht mit dem verschärften Ton. Die Lethargie der vergangenen Wochen ist gewichen, beim 1:1 gegen Nürnberg war eine Mannschaft zu besichtigen, die mit großem Engagement zu Werke ging und beinahe sogar gewonnen hätte. Aber eben nur beinahe. Angreifer Cenk Sahin vergab zehn Minuten vor Schluss freistehend die Chance zum Sieg. Und so kommt der FC St. Pauli in der Tabelle nicht voran, bleibt Letzter mit vier Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz. Erst einen Sieg hat die Elf in dieser Saison erwirtschaftet.

Oft muss in solchen Notlagen der Trainer gehen, doch der Hamburger Zweitligist steht zu Lienen. Der Übungsleiter hat den Klub im vergangenen Jahr vor dem Abstieg gerettet und passt ideologisch wunderbar zu St. Pauli als Gewerkschaftsgründer, Ex-Friedensaktivist und bekennender Antifaschist. Als Schuldigen für den Niedergang hat der Verein Sportchef Thomas Meggle auserkoren. Am Tag nach dem Spiel gegen Nürnberg wurde seine Freistellung verkündet. Präsident Oke Göttlich nannte „Differenzen bei der strategischen Ausrichtung im sportlichen Bereich“ als Grund für das Aus des ehemaligen Spielers und Trainers des Klubs. Wer Meggles Nachfolger wird, ist noch nicht klar. Denkbar wäre, dass Andreas Rettig das Amt übernimmt. Er war schon Manager in Freiburg, Köln und Augsburg und ist seit dem vergangenen Jahr als kaufmännischer Geschäftsleiter des FC St. Pauli aktiv.

Die Trennung von Meggle ist nachvollziehbar. Neben einigen atmosphärischen Störungen wie dem Zerwürfnis mit Klublegende Fabian Boll hat er zu verantworten, dass die Mannschaft zu dieser Saison dramatisch an Qualität verloren hat. Der Klub hat im Sommer einige seiner wichtigsten Spieler abgegeben. Marc Rzatkowski wechselte zu RB Salzburg, Sebastian Maier nach Hannover, Lennart Thy zum SV Werder und Enis Alushi nach Nürnberg. Keiner dieser Spieler konnte angemessen ersetzt werden, Meggle verpflichtete Masse statt Klasse.

Das hat natürlich damit zu tun, dass der Verein nur wenig Geld für Transfers zur Verfügung hat. Zur neuen Spielzeit wurde nur für zwei Profis überhaupt eine Ablösesumme gezahlt, insgesamt gerade einmal etwas mehr als eine halbe Million Euro. Die meisten Zugänge waren ablösefrei. Doch Meggle fehlte auch das Gespür für die richtigen Spieler. So ist St. Pauli in Rekordzeit vom Aufstiegskandidaten zu einem Klub geworden, der tief im Abstiegskampf steckt – aber immerhin ein bisschen Zuversicht aus dem Auftritt gegen Nürnberg ziehen kann.

„Wir waren leidenschaftlich bis zum Gehtnichtmehr.“ Ewald Lienen
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