Das Zweitliga-Schlusslicht hält unbeirrt an Trainer Lienen fest St. Pauli – mal wieder anders

Hamburg. In der Rangliste der taumelnden Hamburger Profi-Fußballklubs liegt der FC St. Pauli knapp vor dem HSV, immerhin, denn dem Zweitligisten ist in dieser Saison etwas gelungen, worauf der Erstligist noch wartet.
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Von Hendrik Buchheister

Hamburg. In der Rangliste der taumelnden Hamburger Profi-Fußballklubs liegt der FC St. Pauli knapp vor dem HSV, immerhin, denn dem Zweitligisten ist in dieser Saison etwas gelungen, worauf der Erstligist noch wartet. Er hat schon ein Spiel gewonnen. Im September, am vierten Spieltag, besiegte St. Pauli vor eigenem Publikum Arminia Bielefeld 2:1, die Fans hofften, dass der miserable Saisonstart mit drei Niederlagen damit abgehakt sei, dass St. Pauli jetzt richtig loslegen würde. Wie in der vergangenen Spielzeit, als sich die Mannschaft sogar um den Aufstieg bewarb und in der Endabrechnung auf dem vierten Platz landete.

Doch diese Hoffnung wurde enttäuscht. Der Sieg gegen Bielefeld nützte nichts, St. Pauli verlor einfach weiter und ist, wie eine Liga höher der HSV: Tabellenletzter. Bei 35 der 36 Vereine in den ersten beiden Ligen hätten in einer solchen Krise längst die sogenannten Mechanismen der Branche gegriffen, längst wäre der Trainer von seinen Aufgaben entbunden worden, doch der FC St. Pauli, der ja als der etwas andere Klub eingestuft wird, widersetzt sich diesen Mechanismen mit großer Standhaftigkeit. „Die Trainerfrage stellt sich nicht. Wenn wir vom Trainer nicht überzeugt wären, hätten wir schon reagiert“, sagte Geschäftsführer Andreas Rettig nach der 0:1-Niederlage gegen Düsseldorf vor zwei Wochen, und diese Haltung gilt auch vor dem Heimspiel gegen Kaiserslautern an diesem Freitag.

Was auch daran liegt, dass Lienen, passend zum Klub, ein etwas anderer Trainer ist als Alt-Linker, Gewerkschaftsgründer, ehemaliger Friedensaktivist und immer noch bekennender Antifaschist. Die Beziehung zwischen dem neuerdings 63-Jährigen und St. Pauli ist wegen dieser geistigen Nähe längst romantisch verklärt und schon deshalb nicht so einfach abzuwickeln wie ein handelsübliches Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis.

Darüber hinaus hat sich Lienen viel von dem erworben, was in der Fachsprache Kredit genannt wird. Seit fast genau zwei Jahren führt er Regie am Millerntor, rettete die Mannschaft in seiner ersten Saison vor dem Abstieg und formte sie in der zweiten zu einem Erstliga-Kandidaten. Dieser Kredit ist noch nicht aufgebraucht, zumindest nach Einschätzung von Präsident Oke Göttlich und Geschäftsführer Rettig.

Für die Krise werden andere zur Verantwortung gezogen, zum Beispiel Sportchef Thomas Meggle, der vor einem Monat freigestellt wurde. Er muss sich vorwerfen lassen, dass er die Weggänge von Leistungsträgern wie Marcel Halstenberg (Leipzig), Marc Rzatkowski (Salzburg) und Lennart Thy (Werder Bremen) nicht angemessen kompensiert hat. Der Trainer bleibt unantastbar, zumindest nach außen hin.

Und er gibt sich Mühe, er kämpft. Lienen hat Wutreden gehalten, er hat die Einstellung der Mannschaft und einzelner Spieler kritisiert. Er baut sein Team immer wieder um und predigt Hoffnung, jede Woche aufs Neue. „Natürlich kann man sagen, dass die Tabellensituation aussichtslos ist. Aber im Fußball kann es ganz schnell gehen, wenn man alles gibt und zusammenhält“, sagt er.

Allerdings hat bislang keine seine Maßnahmen zur Besserung der Lage beigetragen. Und genau deshalb kann man die Treue des Klubs zum Trainer auch riskant finden. „Lienen hat sich bei St. Pauli verbraucht“, kommentierte das Hamburger Abendblatt nach dem jüngsten 0:2 in Heidenheim. Es mehren sich die Stimmen im Umfeld des Vereins, die es dem Trainer nicht mehr zutrauen, die Krise zu beheben. Die seine Weiterbeschäftigung für fahrlässig halten.

Lienen selbst versucht, diese Debatte auszublenden. „Ich komme überhaupt nicht dazu, mir darüber Gedanken zu machen“, behauptet er, und er verweist darauf, dass ja nicht er selbst auf dem Platz stehen würde, sondern die Spieler. „Sie sind in der Verantwortung, alles für diesen Verein und für diese Fans zu tun“, sagt Lienen. Damit hat er ohne Zweifel recht.

Nur dass ein Klub in der Krise die ganze Mannschaft entlässt und nicht den Trainer, das wird wohl nicht einmal beim FC St. Pauli passieren.

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