Vor dem Badminton-Länderspiel in Bremen

Stine Küspert weiß, was sie will

Die 19-Jährige hat im 1. Bremer Badminton-Club das Spiel erlernt, inzwischen ist sie auf dem Sprung an die Spitze. Das Länderspiel gegen die Niederlande wird ihr erstes im deutschen A-Team sein.
08.09.2018, 14:35
Lesedauer: 4 Min
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Stine Küspert weiß, was sie will
Von Jörg Niemeyer
Stine Küspert weiß, was sie will

Sie pendelte mit 13 Jahren schon täglich von Bremen nach Hamburg, ging mit 14 ins Internat und bestreitet demnächst ihr erstes A-Länderspiel: Stine Küspert.

Christina Kuhaupt

Das Hallo in der Halle ist riesig: Stine Küspert ist da, mal wieder. Das kommt nicht oft vor. Und wenn sie denn schon mal da ist, weckt die 19-Jährige auch gleich Begehrlichkeiten. Stines älterer Bruder Flinx (24) kommt angelaufen und sagt, ein Spieler aus der Trainingsgruppe habe Lust auf ein Match mit der Nationalspielerin. "Klar", sagt sie, "das geht." In der Halle der Oberschule an der Julius-Brecht-Allee herrscht eine ausgesprochen familiäre Atmosphäre – nicht nur, weil außer Stine und Flinx auch deren Eltern, Britta und Thomas, da sind.

"Stine ist unsere erste echte Nationalspielerin", sagt der 82-jährige Vorsitzende des 1. Bremer Badminton-Clubs (1. BBC), Wolfgang Lindhorst. Er hat den reinen Badminton-Klub 1956 mit gegründet und ist stolz darauf, dass die Schülerin ihre sportlichen Wurzeln im BBC hat. Was kein Zufall war, denn Vater Thomas (Sportwart und selbst noch als Spieler aktiv), Mutter Britta (Kassenwartin) und Bruder Flinx (Stütze der ersten Mannschaft in der Weserliga) gehören im 65 Mitglieder zählenden Verein ebenfalls zu den Aktivposten.

Weiteres Beispiel für Bremer Topsportler

Dass Stine Küspert so beliebt ist, dürfte aber in erster Linie mit ihrer freundlichen und verbindlichen Art zu tun haben. Wenn ihre Leistungskurve weiter so steil nach oben zeigen sollte wie bisher, hat sie durchaus das Zeug, eines Tages sogar das Gesicht des Deutschen Badminton-Verbands (DBV) zu sein. Gewiss eine kühne These, aber angesichts des bisherigen Werdegangs der angehenden Abiturientin keineswegs unmöglich.

Stine Küspert ist ein weiteres Beispiel für Bremer Topsportler, die ihr Glück in der Fremde suchen müssen, weil es in der Heimat keine sportliche Aufstiegschance mehr gibt. Schon als ganz junges Mädchen ist sie fortgegangen. Sie war gerade elf, als sie ihren Lebensmittelpunkt mehr und mehr nach Hamburg verlegte. Zunächst trainierte sie am dortigen DBV-Nachwuchsstützpunkt.

Als 13-Jährige, nach der sechsten Klasse, wechselte sie von der Sportbetonten Schule Ronzelenstraße an die Eliteschule des Sports nach Hamburg, mit knapp vierzehneinhalb bezog sie ihr Zimmer im Internat des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). "Zunächst pendelte sie mit dem Zug zwischen Bremen und Hamburg, ab Klasse sieben war sie dann ganz weg von zu Hause", sagt Britta Küspert.

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"Am Anfang war das sehr ungewohnt ohne Vater, Mutter und Bruder", sagt die Tochter. Aber die ein Jahr ältere Mitbewohnerin im Doppelzimmer des Internats und der mit Schule und Sport streng durchgetaktete Alltag hätten ihr das neue Leben leichter gemacht. Außerdem: Es war Stines ureigener Wunsch. "Ich wollte unbedingt ins Talent-Team-Deutschland", sagt sie – mit 14 Jahren war sie drin.

Inzwischen absolviert Stine Küspert neben Punktspielen für Blau-Weiß Wittorf sowie nationalen und internationalen Turnieren wöchentlich zehn Trainingseinheiten: viermal morgens, viermal abends und zweimal Krafttraining. Die Verbindung zwischen Schule und Sport sei kein Problem für sie – der Notendurchschnitt von 1,7 nach der zwölften Klasse lässt auch keins erkennen. Und wie kommt sie damit klar, dass zumindest während der Woche keine Zeit ist, um auszugehen?

"Das ist nicht schlimm", versichert sie glaubhaft, "ich liebe meinen Sport – dafür nehme ich das in Kauf." Entbehrungen gibt es auch in finanzieller Hinsicht. 5000 bis 6000 Euro müsse Familie Küspert wohl jährlich für ihren Sport aufbringen, schätzt die 19-Jährige, die als höchstes Preisgeld bislang 350 Euro in den Büchern stehen hat. "Und die mussten auch noch versteuert werden", sagt sie mit einem Lachen.

Studium könnte zehn Jahre dauern

Trotz all der Schwierigkeiten möchte Stine Küspert eines Tages mit ihrem Sport Geld verdienen. Davon träumt sie – und daran glaubt sie. "Das geht auch im Badminton", sagt sie, "aber für mich wird das wohl noch ein bisschen dauern." Warum sollte es nicht klappen? Im Talent-Team-Deutschland war sie ja auch noch nicht, als sie dieses Ziel hatte. Bei aller Entschlossenheit zeichnen Stine Küspert auch Weitsicht und Vernunft aus, weil sportlicher und finanzieller Erfolg nicht planbar sind und eine Karriere endlich ist. "Ich möchte mich auf das Leben nach dem Sport vorbereiten und etwas für meinen Geist tun", sagt sie und könnte sich vorstellen, nach dem Abitur 2019 Wirtschaftspsychologie zu studieren.

Sollte der sportliche Weg ein erfolgreicher sein, könnte das Studium durchaus zehn Jahre dauern, sagt sie. Leistungssportler haben diese Möglichkeit, und sollte Stine Küspert ihre sportlichen Ziele erreichen, wird sie davon wohl auch Gebrauch machen müssen. Die 19-Jährige träumt von der Teilnahme an Olympischen Spielen und dem Vorstoßen in die Weltspitze im Damen-Doppel. Nicht im Einzel? "Nein, ich liebe es, mit jemandem gemeinsam zu kämpfen. Und der Spielstil im Doppel gefällt mir auch besser."

Nicht der letzte Schritt

Da eine Topkarriere als Einzel- und Doppelspielerin grundsätzlich eher unrealistisch sei, konzentriert sich Stine Küspert also auf das Doppel. Und hat dafür Saarbrücken als Ziel vor Augen. Am dortigen Olympia-Stützpunkt trainieren die Doppel – geografisch getrennt von den Einzelspielern, die in Essen untergebracht sind. Erst das Abitur, dann der Wechsel nach Saarbrücken, dann irgendwann Olympia: So könnte der Zeitplan der aktuellen deutschen U 19-Einzelmeisterin aussehen.

Vorher jedoch steht ihr Debüt in der A-Nationalmannschaft an – am 18. September in ihrer Heimatstadt Bremen. Welch eine Fügung! "Das ist großartig", sagt Stine Küspert. Und dann noch im Metropol-Theater. "Sehr cool, ist mal etwas anderes." Natürlich wird der halbe BBC dann hinter ihr stehen. Und die Familie sowieso. "Für sie ist es der nächste Schritt", sagt ihr Vater Thomas. Und vermutlich wird es nicht der letzte Schritt sein.

Info

Zur Sache

Badminton-Länderspiel mit Stine Küspert im Bremer Metropol-Theater

Der Veranstalter wirbt damit, dass es das weltweit erste Badminton-Länderspiel sei, das nicht in einer Sporthalle ausgetragen wird. Ungewöhnlich wird es auf jeden Fall sein, wenn am Dienstag, den 18. September, ab 18.45 Uhr im Metropol-Theater am Richtweg die A-Nationalteams aus Deutschland und den Niederlanden auf die Bühne kommen. Fünf Partien stehen dann an: Je ein Damen- und Herren-Einzel, je ein Damen- und Herren-Doppel sowie ein Mixed. Die Bremerin Stine Küspert wird im Doppel an der Seite von Eva Janssens auflaufen. Das Länderspiel gilt als Vorbereitung auf die EM-Qualifikation im Dezember dieses Jahres. Eintrittskarten gibt es bei Nordwest-Ticket und allen Zeitungshäusern des WESER-KURIER.

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