Wie Trainer Sebastian Kohls beim TV Oyten die Arbeit mit gleich drei Mannschaften bewältigt Stressabbau im Pantoffelkino

Oyten. "Stress bemerkt man erst, wenn er nicht mehr da ist", doziert Sebastian Kohls mit einem freundlichen Grinsen, wenn er auf seine gegenwärtige Omnipräsenz in der Handballabteilung des TV Oyten angesprochen wird. Der 33-jährige B-Lizenz-Inhaber trainiert derzeit alle drei Leistungsmannschaften des TV Oyten, die Frauen der 2. Bundesliga und der Oberliga sowie die weibliche Jugend A.
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Michael Schön

Oyten. "Stress bemerkt man erst, wenn er nicht mehr da ist", doziert Sebastian Kohls mit einem freundlichen Grinsen, wenn er auf seine gegenwärtige Omnipräsenz in der Handballabteilung des TV Oyten angesprochen wird. Der 33-jährige B-Lizenz-Inhaber trainiert derzeit alle drei Leistungsmannschaften des TV Oyten, die Frauen der 2. Bundesliga und der Oberliga sowie die weibliche Jugend A.

Doch so ganz spurlos ist der erste große Arbeitstag mit drei aufeinanderfolgenden Heimspielen in der Pestalozzihalle nun doch nicht an dem scheinbar stressresistenten Multifunktionsträger vorübergegangen. "Konditionell doch eine anspruchsvolle Angelegenheit", gibt Kohls zu. Im Punktspiel der ersten Mannschaft, die vor einer sehr lauten Geräuschkulisse zu spielen pflegt, hatte er mit heiser gebrüllter Stimme Probleme, sich Gehör zu verschaffen. Trotzdem bedurfte es hernach im Pantoffelkino nicht einmal eines sonderlich aufregenden "Tatorts", um den Puls des Trainers nach drei Stunden teilweise kriminell spannenden Handballs wieder auf Normalfrequenz zu bringen. "Es war ja insgesamt ein erfolgreicher Tag. Das ist dann schneller abgehakt als eine Enttäuschung, die einen doch länger grübeln lässt."

Alles in allem hat der für ein großes Unternehmen in der Baubranche tätige Cluvenhagener die neuerliche Dreifachbelastung bisher sehr gut weggesteckt. "Ein Dauerzustand kann das natürlich nicht sein, und es wird ja auch nach Lösungen gesucht", gibt Kohls zwar zu bedenken. Doch dank seines großen Organisationstalents und der tatkräftigen Unterstützung einiger Trainerkollegen und anderer Funktionsträger beim TV Oyten läuft der Punktspielbetrieb auch nach der Demission Gerd Antons reibungslos weiter. Mehr noch: Die Oberliga-Mannschaft hat inzwischen die Tabellenspitze übernommen, die weibliche A das Gipfeltreffen mit dem TV Neerstedt gewonnen, und auch die Zweitliga-Frauen zeigen einen deutlichen Aufwärtstrend, auch wenn sie noch nicht aus dem Teufelskreis herausgekommen sind, in den sie mit einem durch vier Niederlagen in Folge ramponierten Selbstvertrauen geraten sind. Die Zuschauer entdeckten bei der Oytener 27:30-Niederlage gegen Travemünde jenen Korpsgeist wieder, von dem in den

Spielen zuvor nicht viel zu sehen gewesen war. Und Rückraumspielerin Kim Pleß, die unter der Regie Antons von der Führungsfigur zur Reservistin geworden war, zeigte als elffache Torschützin eine wahre Leistungsexplosion.

Eigentlich wäre Sebastian Kohls vielen Oytener Handballfreunden schon gleich zu Saisonbeginn als Nachfolger von Sascha Rajkovic willkommen gewesen. Der Serbe selbst riet dem Vorstand in diesem Sinne zu handeln. Doch Kohls wollte abwarten, die erfolgreiche Arbeit mit der weiblichen A (zweimal in Folge Norddeutscher Meister) fortsetzen und auch für Kontinuität in der zweiten Mannschaft sorgen, die er erst im Vorjahr von dem ebenfalls mitten in der Saison zurückgetretenen Jörg Leyens übernommen hatte. "Der jetzige Zustand ist sicherlich aus der Not geboren", sagt Kohls. Er sei seinen Weg als Trainer zwar nie nach einem früh entworfenen Masterplan gegangen, sondern "Step by Step" in die verschiedenen Aufgaben "hineingerutscht".

Dennoch habe ihn die 2. Liga "als Herausforderung" natürlich gereizt. Als Assistent von Trainer Libor Hrabal und später auch als zweimaliger Vertreter Hartmut Engelkes, der dem Tschechen nachfolgte, hat er die Klasse bereits kennengelernt. Viele Schiedsrichter und auch Spielerinnen kennt er aufgrund seiner erfolgreichen Tätigkeit im Dienst der A-Jugend, die ihn zu den wichtigsten nationalen Turnieren und Championaten führte.

Auch weil diverse aktuelle Zweitligaspielerinnen aus der von ihm gecoachten A-Jugend hervorgingen, hat Kohls die Offerte des Vorstands, noch eine dritte Mannschaft zu übernehmen, nicht ausgeschlagen. "Außerdem hat mir der Verein ja auch immer Vertrauen entgegengebracht."

Doch ohne einen sehr engagierten Tross aus diversen Betreuern, aushelfenden Trainerkollegen und anderen ehrenamtlichen Mitarbeitern ginge es nicht. "Man müsste ansonsten zu viele Dinge, beispielsweise vom Ausfüllen der Spielberichte bis hin zur Meldung der Ergebnisse, im Auge haben."

Trotzdem ist das zu bewältigende Pensum enorm. Beim kürzlichen Heimspieltag des TV Oyten traf er sich bereits um elf Uhr vormittags mit der weiblichen A-Jugend vor dem Spiel zum rituellen Spaziergang. Nach dem Spiel noch in der Halle eine kurze Besprechung mit dem Team, dann improvisierte Pressekonferenz. Direkt anschließend stieß Kohls zur ersten Mannschaft, die bereits die ersten Vorbereitungen auf das Match (Tapen usw.) getroffen hatte. Und nach dem ebenfalls recht fließenden Übergang zur Oberliga-Mannschaft und deren erfolgreichem Auftritt war der Arbeitstag für Kohls, der Nachbereitungen übernehmen und Interviews geben musste, noch lange nicht vorbei.

Das Training findet drei Mal wöchentlich statt, wobei der Übungsbetrieb teilweise für zwei Mannschaften parallel durchgeführt wird. An den trainingsfreien Abenden schreibt Kohls Trainingspläne und guckt die Videoaufzeichnungen vom Spiel des jeweils nächsten Gegners an. Viel Freizeit bleibt da nicht. Doch Kohls ist keineswegs ein Adrenalin-Junkie. Im Gegenteil: Wie den Lärm und den positiven Stress beim Handball schätzt er auch die Stille und die Natur, vorzugsweise bei seinen Kajakpartien in Skandinavien. Doch einstweilen setzt er alle Energien ein, um im "Boot" des TV Oyten die gesteckten Ziele zu erreichen. Die Verantwortlichen haben Grund zu der Annahme, dass ihm dies gelingen wird.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+