Terminchaos im Formationssport

Die Siegerhymnen der Weltmeisterschaft in Wien sind gerade verklungen, da beginnt auch schon das Rätselraten um den Austragungsort für die nächste WM der Lateinformationen. Hatten sich in den vergangenen Jahren der Grün-Gold-Club und die österreichischen Vereine mangels anderer Interessenten abgewechselt, ist der Termin 2018 noch immer nicht besetzt.
11.12.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Terminchaos im Formationssport
Von Ruth Gerbracht

Die Siegerhymnen der Weltmeisterschaft in Wien sind gerade verklungen, da beginnt auch schon das Rätselraten um den Austragungsort für die nächste WM der Lateinformationen. Hatten sich in den vergangenen Jahren der Grün-Gold-Club und die österreichischen Vereine mangels anderer Interessenten abgewechselt, ist der Termin 2018 noch immer nicht besetzt. Der Grün-Gold-Club richtet im März die deutsche Lateinmeisterschaft der Paare aus und hat deshalb schon abgewunken. „Wir müssen auch mal durchatmen. Für eine WM auf Sponsorensuche zu gehen, ist eine Herausforderung, die man nicht mal eben so machen kann“, erklärt der Vorsitzende des Bremer Vereins, Jens Steinmann.

Und Sponsoren sind unabdingbar. Bevor auch nur eine Formation das Parkett betritt, muss der ausrichtende Verein 7000 Schweizer Franken an den internationalen Tanzsportverband (WDSF) und 7000 Euro an den deutschen Tanzsportverband (DTV) zahlen. Der DTV kassiert zudem noch 1,55 Euro pro verkaufter Eintrittskarte. Übernachtungskosten für die Teams sowie Hallenkosten trägt der Verein, abgesehen von den anderen Ausgaben. „Das kann man nur schaffen, wenn es gelingt, die Kosten mit Sponsorengelder abzudecken“, sagt Steinmann, der weiß, dass ein solches Paket von vielen der auch in Wien vertretenden Nationen nicht gestemmt werden kann. Vera Thymen und Due Team Perm aus Russland haben bereits am Sonnabend erklärt, dass sie nicht in der Lage seien, eine WM auszurichten, sie haben schlichtweg kein Geld.

Für eine echte Überraschung sorgte in diesem Zusammenhang in Wien der Eintrag im Wettkampfkalender des Internationalen Tanzportverbands für den Sommer 2018. Am 9. Juni wird dort eine Europameisterschaft im polnischen Kalisz, ein Ort rund 120 Kilometer südöstlich von Posen, angekündigt. „Das wusste hier kein Mensch“, sagt Jens Steinmann. Seit mehreren Jahren hat es keine Europameisterschaften der Lateinformationen mehr gegeben, da kein Ausrichter gefunden wurde.

Nun also doch wieder zu einem ungünstigen Termin, an dem viele Teams an neuen Choreografien arbeiten? Man werde abwarten, ob es tatsächlich dazu kommen wird, sagt der Grün-Gold-Vorsitzende. Sollte die EM stattfinden, dann müsse die Grün-Gold-Formation mit dem alten Thema starten und gleichzeitig eine neue Choreografie einstudieren.

Da stellt sich dann auch schon die nächste Frage: Warum richtet Polen nicht gleich eine WM aus, am besten zum traditionellen Dezember-Termin? Auch das ist eine Frage des Geldes, erklärt Steinmann, die Lizenzgebühren für eine WM sind doppelt so hoch wie bei einer Europameisterschaft. Das hat Abschreckungspotenzial, also lässt sich der polnische Verband zunächst lieber auf die Ausrichtung einer EM ein. Dem internationalen Tanzsportverband scheint es offensichtlich nicht zu interessieren, ob das alles sportlich Sinn macht. Bevor man keine 7000 Franken Lizenzgebühren bekommt, weil kein Ausrichter sich findet, dann wenigstens noch die Hälfte für eine EM kassieren?

Wie wenig Rücksicht der WDSF auf die nationalen Belange nimmt, ist bei den Standard-Formationen zu erkennen. 2018 soll es eine EM am 25. Februar geben, zeitgleich zur Bundesliga in Deutschland. Die Ligaturniere haben jedoch eine große Bedeutung, da kann man schlecht fehlen. Immerhin qualifiziert sich der Bundesliga-Sieger für die Weltmeisterschaft. Wie also soll man da eine Regelung treffen, wenn zwei Teams nicht an den Start gehen könnten? „Das ist eine völlig abstruse Situation, aber auch eine diffizile“, sagt Jens Steinmann. Lassen die deutschen Teams die EM sausen, wird sofort von einem Boykott gesprochen.

Im Gegensatz zu den Lateinformationen gibt es im Standardbereich immerhin eine WM 2018 in Ungarn. Sollte die WM für die Lateiner tatsächlich ausfallen, wäre dies ein Schlag für die Aktiven, die ein ganzes Jahr auf dieses sportliche Highlight hinarbeiten. Aber wie könnte eine Lösung aussehen? Womöglich entscheidet sich der polnische Ausrichter doch noch für eine WM statt EM, oder der Grün-Gold-Club springt kurzfristig ein? „Das ginge überhaupt nur, wenn wir die Lizenzgebühren für die Verbände nicht zahlen müssten“, erklärt Jens Steinmann, der damit allerdings nicht rechnet. Der Vorsitzende des Bremer Vereins geht vielmehr davon aus, dass man die WM 2018 eher ausfallen lassen würde. Immerhin scheint der übernächste Termin sicher: Der Grün-Gold-Club hat sich für die WM 2019 beworben. Einen Mitbewerber wird es angesichts der momentanen Lage wohl kaum geben.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+