Der Grasberger Jörn Schumm von den Triathlöwen Bremen startet 2017 beim Ironman Hawaii Tortur als Belohnung

Bremen. Anspruchsvolle Strecken, hohe Temperaturen von über 30 Grad Celsius und eine hohe Luftfeuchtigkeit – das ist der Ironman Hawaii. Der Langdistanz-Klassiker ist der Saisonhöhepunkt für die Profis und Altersklassen-Athleten der Triathlon-Szene.
06.10.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Tortur als Belohnung
Von Marlo Mintel

Bremen. Anspruchsvolle Strecken, hohe Temperaturen von über 30 Grad Celsius und eine hohe Luftfeuchtigkeit – das ist der Ironman Hawaii. Der Langdistanz-Klassiker ist der Saisonhöhepunkt für die Profis und Altersklassen-Athleten der Triathlon-Szene. Das prestigeträchtigste Triathlon-Rennen der Welt findet am kommenden Sonnabend in Kona auf Hawaii statt. Das Event wird wieder zahlreiche Zuschauer vor die Fernseher locken, so auch Jörn Schumm aus Grasberg. Seit Jahren verfolgt der Angestellte im Holzhandel die Berichterstattung über den Ironman Hawaii intensiv. An diesem Wochenende intensiver, denn im kommenden Jahr greift er selbst mit ins Geschehen ein. Der 41-Jährige, der dem Regionalligateam der Triathlöwen Bremen angehört, hat sich ein Ticket für die Teilnahme am Ironman Hawaii 2017 der Amateure gesichert.

„Realisiert, dass ich dabei sein werde?”, fragt Schumm und schüttelt immer noch ungläubig den Kopf. „Nein, das habe ich tatsächlich noch nicht.” Er, der 2007 erst im Alter von 32 Jahren mit dem Triathlon begann, darf sich zehn Jahre später mit den besten Athleten seiner Altersklasse messen. Dabei habe er bis Juli 2015 nicht ernsthaft über Hawaii nachgedacht. Denn der Triathlon im mittelfränkischen Roth war sein erster über die Langdistanz gewesen. Und sollte zugleich der Wendepunkt in der Gedankenwelt des Grasbergers sein. „Da habe ich gesehen, dass ich zeitlich mithalten kann.” Von da an glaubte er an eine mögliche Teilnahme auf Hawaii. „Es ist die Weltmeisterschaft. Das ist der Ursprung und das Ziel jedes Triathleten, der Langdistanz macht, da einmal hinzukommen.”

Dabei ist die Qualifikation für den Ironman Hawaii ein kompliziertes Konstrukt. Der Ironman auf Hawaii besteht aus den bekannten Distanzen von 3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Marathon, ist aber ein geschützter Markenbegriff von Triathlon-Wettkämpfen. Die Marke gehört der World Triathlon Corporation. Sie wechselte im vergangenen Jahr ihren Besitzer und ging an die chinesische Dalian Wanda Gruppe über.

Um sich für die Weltmeisterschaft auf Hawaii zu qualifizieren, werden bei Ironman-Wettkämpfen sogenannte Slots, Teilnahmeberechtigungen, verteilt, rund 2000 für die Altersklassen-Athleten im Amateurbereich. Einen dieser begehrten Slots ergatterte der in Bremen geborene Triathlet beim Ironman Wales im September. Es war Schumms erster Triathlon bei einem Ironman-Wettkampf, erst sein zweiter über die Langdistanz überhaupt. „Da habe ich es auch gleich gerockt.”

Die ersten Fünf seiner Altersklasse erhielten in Wales einen Slot, die Qualifikation für die WM 2017. Schumm kam zwar als Siebter ins Ziel, sicherte sich aber als Nachrücker das Ticket für Hawaii. Der Viert- und Sechstplatzierte, die in der Vergangenheit bereits in Hawaii am Start waren, verzichteten freiwillig auf ihre WM-Teilnahme. „Das kann verschiedene Gründe haben. Der Reiz ist vielleicht nicht mehr da, vielleicht gibt der Körper auch einen weiteren Triathlon nicht mehr her. Aber auch der Faktor Geld spielt eine Rolle”, sagt Schumm. Der Grasberger habe nach dem Ironman Wales bereits 999 Dollar Startgebühr für den WM 2017 zahlen müssen. Er rechne für die gesamte Hawaii-Reise mit Kosten zwischen umgerechnet 5000 und 6000 Euro. Bereits im vergangenen November startete Schumm in die Vorbereitung auf den Triathlon in Wales. „Damals lag der Fokus auf diesem speziellen Ironman”, so Schumm, der mit einer vorderen Platzierung in seiner Altersklasse geliebäugelt hatte. „Ich habe dann das Pensum stetig gesteigert.” Ab März habe er bis zu sechsmal in der Woche trainiert, vor und nach der Arbeit. „Das ist schon eine harte Nummer”, sagt Schumm. Lange Laufeinheiten, Sprints, Krafttraining, die seinem Körper zusetzten. „Du warst teilweise am Ende. Der Zustand war immer, dass du total kaputt warst.” Aber Schumm hielt durch. Absolvierte über das Jahr verteilt einzelne Wettkämpfe, wie zum Beispiel Zehn-Kilometer-Läufe bei der Syker Winterserie. „Um zu sehen, wo ich stehe”, sagt Schumm. Zusätzliche Wettkampfhärte über kürzere Distanzen holte er sich mit den Einsätzen für das Regionallliga-Team der Triathlöwen Bremen. Insgesamt ein hartes Programm für eine optimale Vorbereitung „auf den Saisonhöhepunkt und Saisonabschluss zugleich” – den Ironman Wales.

Dort legte Schumm eine furiose Aufholjagd hin. Von Krämpfen geplagt, stand er nach der ersten Disziplin, dem Schwimmen, an Position 135 von 350 in seiner Altersklasse 40 bis 44. „Für mich gehen diese Wettkämpfe erst nach dem Schwimmen richtig los”, sagt Schumm. Warum, zeigte er auf der windanfälligen Radstrecke. Der 41-Jährige holte Position um Position auf und verbesserte sich vor dem abschließenden Marathon auf den 23. Rang. Der Rückstand auf den fünften Platz, der zur Teilnahme an der WM 2017 berechtigte, betrug allerdings schon 18 Minuten Rückstand. Doch Schumm zeigte auf dem hügeligen Streckenprofil sein Kämpferherz. „Es hätte an sich nicht besser laufen können, bis auf die Krämpfe beim Schwimmen.” Den positiven Rennverlauf hätte ihm aber ein Starter aus Belgien streitig machen können, der bei Kilometer 38 am Grasberger vorbeiflitzte. Schumm konnte den Kontrahenten aus seiner Altersklasse eineinhalb Kilometer vor dem Ziel wieder stellen und sich schließlich von ihm absetzen. Das war auch nötig, denn nach dem Zieleinlauf wurde Schumm klar: „Der wäre sonst für mich nach Hawaii gefahren wäre.”

Jetzt darf Schumm an Stelle des Belgiers gedanklich die Koffer packen. Die Trainingspläne für die Saisonvorbereitung auf Hawaii 2017 stehen bereits. Vor allem an seiner Schwachstelle, dem Schwimmen, möchte der Triathlet arbeiten. Zudem seien zwei Trainingslager eingeplant, eines im Februar auf Lanzarote und eines im Mai auf ­Mallorca. Am 14. Oktober 2017, dem Tag der übernächsten Weltmeisterschaft, möchte Jörn Schumm den Ironman Hawaii auskosten. „Als Außenstehender ist das schwer nachvollziehbar, wenn man diesen Wettkampf, bei diesen Strapazen, genießen will. Für mich ist das eine Belohnung”, und fügt hinzu: „Die Qualifikation ist eine Qual, Hawaii ist der Lohn.” Der Lohn, beim Saisonhöhepunkt der Triathlon-Szene starten zu dürfen.

„Die Qualifikation ist eine Qual, Hawaii ist der Lohn.“ Jörn Schumm
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