Galopprennbahn Tradition in der Vahr - wie lange noch?

Die Galopprennbahn in der Vahr gibt es seit 110 jahren, den Rennverein noch länger. Dieser feiert in diesem Jahr sein 160-jähriges Bestehen. Die Geschichte droht aber zu Ende zu gehen.
16.04.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Jürgen Hinrichs

Die Galopprennbahn in der Vahr gibt es seit 110 jahren, den Rennverein noch länger. Dieser feiert in diesem Jahr sein 160-jähriges Bestehen. Die Geschichte droht aber zu Ende zu gehen.

Die beiden Brüder aus Bottrop, zwei füllige Herren, die in der Wetthalle auf Hockern am Stehtisch sitzen, haben ihren Wettschein bereits ausgefüllt. Es ist das erste Rennen an diesem Tag, die erste Chance, ein wenig Geld zu machen. Obwohl: „Eigentlich Schwachsinn“, sagt Herbert Okrent, der ältere von den beiden. Sie haben auf Sieg gesetzt und sich ein Pferd ausgesucht, das als der absolute Favorit gilt. „Nichts geht gegen Forgino“, steht in der Wettempfehlung des Veranstalters. Entsprechend schlecht ist die Quote, zwölf für zehn. „Wenn er gewinnt, kriegen wir kaum etwas, gleichzeitig weiß man ja nie, das Pferd ist lange nicht mehr gelaufen, und passieren kann immer was.“ Deswegen auf einen der krassen Außenseiter zu setzen, wäre aber doch dumm. Und dumm wollen sie nicht sein. Also einen Zehner auf Forgino. Das Pferd siegt, zwei Euro gewonnen.

Es ist Renntag auf der Galopprennbahn in der Vahr. Wie in jedem Jahr beginnt die Saison an Karfreitag. Tradition, so wie alles, was mit diesem Sport in Bremen zu tun hat. Die Rennbahn gibt es seit 110 Jahren, den Rennverein noch länger, er feiert in diesem Jahr sein 160-jähriges Bestehen. Nun aber scheint diese Geschichte zu Ende zu gehen. Dem Verein ist gekündigt worden, er muss die Bahn räumen. Sollte es dabei bleiben, ist mit dieser Saison Schluss. Vielleicht nur noch zwei Rennen, und das wär‘s dann. Bremen will auf dem Gelände Wohnungen bauen. Doch noch ist es nicht so weit. Es gibt Widerstand, der Verein will nicht aufgeben. Und fühlt sich an diesem Tag bestätigt. Mehr als 5000 Besucher, so viele, wie seit Jahren nicht mehr, sind gekommen, um sich die Rennen anzuschauen und bei Gelegenheit auch zu wetten.

Die Okrent-Brüder lieben das, diesen Kitzel beim Tippen, „nur wegen der schönen Tiere sind wir nicht hier“. Seit mehr als 40 Jahren klappern sie die Rennbahnen ab, sind mal in Baden-Baden, mal in Köln, Hamburg, Hannover und jetzt eben in Bremen. „Wir wollten uns das hier noch mal angucken, bevor möglicherweise geschlossen wird“, sagt Michael Okrent. Ein anderer Grund, die drei Stunden Zugfahrt auf sich zu nehmen, ist schlicht der, dass es an diesem Tag keine Alternative gibt. Nirgendwo sonst in Deutschland werden Rennen veranstaltet. Nur Bremen erlaubt diese Ausnahme vom Ruhegebot an Karfreitag. Warum, weiß noch nicht einmal der Rennverein.

Galopp reiten ist ein Gewichtssport

Am Wetter liegt es nicht, dass so viele Besucher da sind. Es ist Regen angesagt, dunkle Wolken am Himmel. An einem der Getränkestände wird Glühwein angeboten, Kinderpunsch gibt es auch. Am Ende bleibt es aber weitgehend trocken, und so kalt ist auch nicht, dass der Alkohol besser heiß getrunken wird. Stattdessen gehen am frühen Nachmittag reichlich Biere über den Tresen. Es riecht nach Pommes und Bratwurst. Die Leute stehen Schlange, ein gutes Geschäft. In der Lounge, wo die Prominenz sitzt, bedienen sich die Gäste am Büffet und nippen am Weißwein. Werder ist da, ein paar Spieler und der Vereinsboss.

Galopp reiten ist ein Gewichtssport. Zu viel Ballast auf dem Rücken, und das Pferd hat keine Chance. Lauter Schmachthaken deshalb, die sich beim Wiegen einfinden. Die Jockeys sind klein und wiegen keine 60 Kilo. Sie streiten um jedes Gramm, als die Waage ausschlägt. „Stimmt nicht“, sagt einer, „zu Hause wiege ich ein Kilo weniger.“ Da wird geschimpft und gestikuliert, bis sie einen Kompromiss finden.

Als das erste Rennen beginnt, eilen die Menschen auf die Tribüne, die so alt ist wie die ovale Rennbahn. Eine schöne Holzkonstruktion, die dringend mal wieder gestrichen werden müsste, das Weiß blättert ab. Es geht über 1200 Meter, vier Pferde am Start, ein Stall hat abgesagt. Forgino, der Favorit, ist zunächst nur Zweiter auf der Strecke, der Jockey lauert auf seine Chance und ergreift sie, als das Feld aus der Kurve kommt. Er setzt sich mit dem Wallach an die Spitze, gewinnt am Ende aber bei weitem nicht so deutlich, wie das erwartet worden war.

Heinz Hesse kann zufrieden sein. Ein Pferd ganz vorne, das von seinem Schwiegersohn trainiert wird. Gute Arbeit, Hesse versteht etwas davon. „Ich bin 60 Jahre lang selbst Trainer gewesen“, sagt der 78-Jährige. Eine Zeit, so lang, dass er den Glanz und das Gloria des Galopprennsports erlebt hat. Genauso aber auch den Niedergang. „Heute dreht sich alles nur noch um den Fußball, auch die Wetten. Und in den Medien kommen wir kaum noch vor.“ Auch Bremen sei auf dem absteigenden Ast. Trotzdem: dass die Bahn geschlossen wird – „eine Schande“, sagt Hesse, „die ist super, wunderbar.“ In Frankfurt, wo er lebt, soll auch bald Schluss sein. Wegen Fußball. Der DFB will auf dem Areal ein Leistungszentrum bauen, wird aber aufgehalten, weil der Renn-Club vor die Gerichte gezogen ist. Das Rennen noch offen. In Bremen auch?

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+