Die Unentbehrlichen: Katharina Kiefer hat beim TuS Huchting eine neue Ära eingeleitet

Turnen als Leistungssport

Bremen. Die jungen Mädchen turnen sich warm, drei Mütter schauen zu. Sie unterhalten sich auf Russisch, und das ist kein Zufall.
19.08.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Heinz Fricke

Die jungen Mädchen turnen sich warm, drei Mütter schauen zu. Sie unterhalten sich auf Russisch, und das ist kein Zufall. „Die Russinnen sind die weitaus größte ausländische Gruppe bei uns“, sagt Trainerin Katharina Kiefer, die selbst in Russland geboren wurde. Doch das spielt für die Chefin der Abteilung Leistungssport Turnen beim TuS Huchting nur eine Nebenrolle. „Ich habe nicht nach Russinnen gesucht. Doch die haben eine sehr starke Beziehung zum Turnen, deswegen sind sie zu uns gekommen. Und sie haben Disziplin. Ohne die geht im Turnen gar nichts“, glaubt die 28-Jährige.

Es geht seit einigen Jahren ganz gut voran mit der Turnabteilung beim TuS Huchting. Als Katharina Kiefer den Job übernahm, hatte sie 35 Mädchen zu betreuen. Heute sind es genau 120, mit einer wesentlich veränderten Ausrichtung: „Damals war es eine Breitensport-Abteilung, heute geht es vor allem um Leistungssport.“ Die neue Ausrichtung hat die jungen Huchtingerinnen an die Spitze der Bremer Szene gebracht. Und die Ambitionen gehen weiter. „Wir wollen auch auf Bundesebene mitmischen“, sagt Kiefer.

Der Anfang ist bereits gemacht. So hat Bundesstützpunkt-Trainer Michael Gruhl (Detmold) bereits ein Auge auf die zehnjährige Karina geworfen. „Karina ist unglaublich talentiert“, glaubt auch ihre Huchtinger Trainerin und ist überzeugt: „Sie hat den Biss, das durchzuhalten.“ Denn Leistungstraining ist auch bei den Turnerinnen kein Zuckerschlecken. Karina, ebenfalls mit russischen Wurzeln, trainiert sechsmal pro Woche, zweimal davon im Detmolder Stützpunkt. Und gelegentlich fahren die besten Huchtingerinnen mit ihrer Trainerin auch nach Buchholz in der Nordheide. Denn mit dem Verein ist man eine Kampfgemeinschaft eingegangen, vor allem aus einem Grund: „Die Buchholzer haben die besseren Trainingsbedingungen.“ Dazu zählt vor allem eine Schnitzelgrube, die zum Üben von Salto und Flic-Flac unentbehrlich ist.

Auch Katharina Kiefer selbst wollte mal eine erfolgreiche Turnerin werden. Als Achtjährige nahm sie ihr Sportlehrer Jörg Busch mit zu einem Schnupper-Training beim TuS Huchting, von da an war die Leidenschaft geweckt. „Doch irgendwann habe ich gemerkt, dass es für ganz oben nicht langt“, gibt sie zu, wollte aber beim Turnen bleiben. Mit 14 Jahren machte sie mit einer Sondergenehmigung den Übungsleiterschein und begann mit dem Training der Kinder. Und stand zwei Jahre später plötzlich alleine da. „Alle anderen in der Abteilungsleitung haben plötzlich aufgehört, also habe ich erst einmal auch noch die Abteilungsleiterin gemacht.“

Das macht sie inzwischen nicht mehr, es wäre zu viel geworden. Denn zum einen ist sie in Sachen Turnen ohnehin über 30 Stunden in der Woche engagiert, zum anderen hat sie auch noch einen Beruf: Katharina Kiefer arbeitet halbtags in Delmenhorst als Friseurin. Und so ganz nebenbei kümmert sie sich noch um Sponsoren. Denn die Abteilung Leistungsturnen im TuS Huchting ist die teuerste Sparte des Vereins, vor allem die Fahrten zu Training und Wettkämpfen schlagen zu Buche. Und hohe Vereinsbeiträge sind von Kindern in einem mit vielen sozialen Problemen belasteten Stadtteil wie Huchting nicht zu erwarten.

Doch die Vereinsführung akzeptiert es. „Wir wissen, dass es Leistungssport nicht zum Nulltarif gibt“, sagt Klub-Managerin Heike Kretschmann und bestätigt die Ambitionen ihrer Trainerin: „Wir haben etliche große Talente, und wir wollen im Olympiakader vertreten sein.“ Doch sie weiß auch, dass es ohne Katharina Kiefer wohl kaum funktionieren wird. „Sie lebt mit ihren Mädchen. Ohne sie würde es diese Sparte wohl nicht geben.“

Die Unentbehrlichen: Ohne sie geht meist nichts. Die Rede ist von den Männern und Frauen in Bremer Sportvereinen, die in speziellen Funktionen tätig sind, mit denen ihr Name eng verbunden ist. Übungsleiter, Trainer, Ideengeber, Idealisten, kurz: Menschen, die etwas nachhaltig bewegen für ihren Verein. Von ihnen erzählt diese Serie.

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