Der Chef und das Riesenbaby Ungleiche Sieger der Sixdays ergänzen sich perfekt

Obwohl die beiden Sieger der diesjährigen Sixdays Iljo Keisse und Marcel Kalz beide technisch sehr gut sind, ist Kalz weit weniger dominant. Er kann mehr erreichen, glaubt sein Partner Keisse.
19.01.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Ungleiche Sieger der Sixdays ergänzen sich perfekt
Von Andreas Lesch

Obwohl die beiden Sieger der diesjährigen Sixdays Iljo Keisse und Marcel Kalz beide technisch sehr gut sind, ist Kalz weit weniger dominant. Er kann mehr erreichen, glaubt sein Partner Keisse.

Eine Woche vor dem Start der Bremer Sixdays hat Iljo Keisse erfahren, was er mit ein paar Worten bewirken kann. Er hat Marcel Kalz eine Nachricht geschickt, in der stand: „Ich werde mit dir fahren. Sieh zu, dass du in guter Form bist.” Als sie sich dann am ersten Renntag in Bremen getroffen hätten, habe Kalz ihm erzählt, die Nachricht habe ihn ganz schön nervös gemacht, berichtete Keisse.

Kalz bestätigte das. Er sagte, als er erfahren habe, dass er in Bremen zusammen mit Keisse fahren wird, „da war das für mich eine Neuigkeit, die mich total aus den Schuhen gehauen hat”. Die Geschichte von Keisses Nachricht und Kalz' Nervosität erzählt davon, wie das Siegerteam der Sixdays 2017 tickt.

Sie zeigt, wer in diesem Team der Große ist – aber sie zeigt auch, wer sich manchmal zu klein macht. Der Berliner Kalz (29) hat in Bremen immer wieder betont, der Erfolg des Teams sei zu 75 Prozent Keisses Verdienst und nur zu 25 Prozent sein eigener.

Beide Sieger technisch sehr gut

Erik Weispfennig, der Sportliche Leiter der Sixdays, sagte: „Das ist Understatement.” Zwar sei der Belgier Keisse (34) der herausragende Fahrer des ganzen Feldes gewesen. Aber auch Kalz habe entscheidend zum Sieg des Teams beigetragen.

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Denn auf der kleinen, engen Bremer Bahn gebe es besonders viele Wechsel zwischen den Fahrern: „Da ist es extrem wichtig, dass man technisch sehr gut ist – und das ist Marcel auf jeden Fall.” Kalz wird so ein Lob schon oft in seiner Karriere gehört haben. Aber er sagte: „Ich stehe halt nicht gerne im Rampenlicht.” Und er scheint immer mal wieder auch einfach zu vergessen, wie gut er ist.

„Er sieht aus wie so ein Riesenbär, aber in sich drinnen ist er gar nicht so dominant”, sagte Weispfennig. „Er ist nicht wie Robert Bartko, der in einen Raum kommt und alles erschüttert – obwohl er von der Körperform genauso aussieht und auch annähernd so gut Rad fährt.” Kalz sei „ein Riesenbaby”. Er sei einer, „der einfach jemand braucht, der ihn ein bisschen leitet und anführt und ihm auch sagt, wie stark er eigentlich ist”.

"Er merkt gar nicht, was er kann und wie stark er ist."

Keisse scheint diese Führungsaufgabe in Bremen gemeistert zu haben. Zu Beginn der Sixdays, sagte Weispfennig, sei Kalz nicht so gut gefahren. Aber dann habe er sich mitreißen lassen von der Stärke seines Partners.

Wie dominant und wertvoll er ist, das hat Keisse nicht nur durch seine Auftritte auf der Bahn bewiesen, sondern auch durch die Anregungen, die er Kalz am Rande der Rennen gegeben hat. „Er merkt gar nicht, was er kann und wie stark er ist”, sagte Keisse. „Ich glaube, wenn er ein klitzekleines bisschen härter und ernsthafter arbeiten würde, dann könnte er wirklich schöne Dinge erreichen.”

Aber er könne Kalz diesen Tipp nur geben – umsetzen müsse der ihn selbst: „Das hat was mit Hingabe zu tun.” Diese Hingabe vermisse er bei Kalz: „Ich habe das Gefühl, er denkt manchmal ein bisschen, das ist alles nur Spaß. Aber es ist sein Beruf.” Kalz sei „ein wirklich starker Typ”. Er könne nur eben noch stärker werden.

Kalz gewann Bremer Sixdays zum dritten Mal

Dabei ist Kalz schon jetzt der erfolgreichste noch aktive Fahrer bei den Bremer Sixdays. Er hat sie schließlich zum dritten Mal gewonnen. 2013 hat er mit Franco Marvulli triumphiert, 2015 mit Alex Rasmussen und jetzt mit Keisse. Kalz sagt, er könne nicht sagen, welcher Sieg der schönste gewesen ist. Jeder sei auf andere Weise speziell gewesen.

Der Sieg mit Marvulli sei sein erster von insgesamt fünf Sechstage-Siegen gewesen, der mit Rasmussen sehr überlegen – und jetzt habe er „einfach den wahrscheinlich weltbesten Partner an meiner Seite” gehabt: „Ohne ihn würde ich hier oben nicht stehen, das kann man einfach mit hundertprozentiger Sicherheit so sagen.”

Als Kalz über Keisse sprach, da geriet er schnell ins Schwärmen. Er klang weniger wie sein Partner, mehr wie sein Fan. Kalz sagte, der Belgier habe nicht nur ein erstklassiges Auge und eine erstklassige Taktik. Er fahre auch einen beeindruckenden Stil: „Wenn ich gesehen habe, wie der Kollege da attackiert, wie der da drüberbläst, da wird mir selbst oben auf der Bahn schlecht. Da muss ich drei Mal tief Luft holen.”

Plötzlicher Nervenkitzel war so nicht gewollt

In der letzten Großen Jagd von Bremen jedoch ließen Keisse und Kalz erst einmal ihre Gegner attackieren. Sie ließen es zu, dass Leif Lampater/Wim Stroetinga, Jesper Mørkøv/Yoeri Havik und Andreas Graf/Kenny De Ketele ihre Rundenrückstände aufholten und ihnen in der Gesamtwertung noch einmal nahe kamen.

„Sie hätten's deutlich einfacher haben können”, sagte der Sportliche Leiter Weispfennig. Kalz gab zu, ein bisschen sei der Verlauf der finalen Jagd Absicht gewesen: „Wir haben ja vorher gesagt, wir wollen dem Publikum ein gutes Finale liefern.” Und gut ist ein Finale nun mal nur dann, wenn es eng und spannend ist. „Dass es natürlich so krass wird, war jetzt nicht geplant”, sagte Kalz.

Auch sein Mitstreiter Keisse gestand, er habe den plötzlichen Nervenkitzel so nicht gewollt. Es sei aber auch „kein wirkliches Problem” gewesen. Sein Kollege und er hätten ja nur jede Attacke der Gegner kontern müssen. Er klang, als habe er nie daran gezweifelt, dass ihnen das auch gelingt.

Tage in Bremen gefielen Keisse

Ob die beiden ungleichen Teamkollegen im nächsten Jahr nach Bremen zurückkehren, um ihren Titel zu verteidigen? Weispfennig sagte, er fände das „sehr, sehr schön”. Aber ob Keisse erneut dabei sein wird, ist offen. Schon in diesem Jahr ist er ja nur mitgefahren, weil die Katar-Rundfahrt abgesagt worden war. Immerhin sagte er, die Tage in Bremen hätten ihm gefallen: „Ich habe hier eine gute Zeit gehabt. Alles war perfekt organisiert.”

Und seine Befürchtungen, er könne auf der anspruchsvollen Bahn stürzen und sich verletzen, hätten sich zum Glück auch nicht bewahrheitet. So verließen Keisse und Kalz als zufriedene Männer die ÖVB-Arena. Keisse fuhr nach Belgien. Er verbringt dort drei Tage mit seiner Familie, dann bricht er nach Spanien ins Trainingslager auf.

Kalz fuhr noch in der Nacht nach Berlin, wo er an diesem Donnerstag seine nächsten Sixdays beginnt. In seiner Heimatstadt ist Kalz besonders motiviert: „Da möchte ich natürlich wieder vorne angreifen.” Kalz wird das Rennen in Berlin zusammen mit dem Mann fahren, der noch in Bremen zu seinen stärksten Gegnern zählte: mit Leif Lampater.

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