Nach der geglückten Qualifikation ist in England von Vorfreude auf die Weltmeisterschaft nichts zu spüren

Uninspiriert und leblos

London. Je später es wurde im nur zu zwei Drittel gefüllten Wembley-Stadion in London, desto besser wurde die Stimmung auf den Rängen. In der ersten Halbzeit der Partie zwischen England und Slowenien am Donnerstag war es so leise gewesen, dass die Kommandos von Trainer Gareth Southgate bis auf die Tribünen zu hören waren.
08.10.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Hendrik Buchheister
Uninspiriert und leblos

Ausnahmestürmer: Harry Kane (r.) erzielte im September 13 Tore in acht Pflichtspielen für seinen Klub und die Nationalmannschaft. Auch Marcus Rashford gilt als Offensivspieler mit großem Potenzial.

Carl Recine, Action Images via Reuters

London. Je später es wurde im nur zu zwei Drittel gefüllten Wembley-Stadion in London, desto besser wurde die Stimmung auf den Rängen. In der ersten Halbzeit der Partie zwischen England und Slowenien am Donnerstag war es so leise gewesen, dass die Kommandos von Trainer Gareth Southgate bis auf die Tribünen zu hören waren. In der zweiten Hälfte wurde es zunehmend atmosphärisch, die Zuschauer fühlten sich offenkundig gut unterhalten. Beziehungsweise: Sie unterhielten sich selbst. Zu Hunderten gingen Papierflieger von den Rängen nieder, und immer, wenn es eines der Flugobjekte bis auf das Spielfeld schaffte, brach Jubel aus. In den Schlussminuten rannte ein Flitzer auf den Rasen, er wurde angefeuert wie ein Hundertmeterläufer. Und ganz am Ende fiel dann sogar noch ein Tor. Durch das 1:0 dank des Treffers von Harry Kane in der 94. Minute haben sich die Engländer schon vor dem abschließenden Qualifikationsspiel an diesem Sonntag in Litauen die Fahrkarte zur Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in Russland gesichert.

Im Grunde war die Partie gegen Slowenien also ein Erfolg, aber es fühlte sich nicht so an. Die Mannschaft spielte so uninspiriert und mittelmäßig, dass nicht zu erkennen war, wie sie bei der Endrunde in Russland eine gute Rolle spielen soll. Dass die Zuschauer lieber Papierflieger absetzten, als sich ernsthaft mit dem Geschehen auf dem Rasen zu befassen, sollte ein Alarmsignal für die Fußball-Nation England sein. Wenigstens wird das Team im kommenden Jahr ohne die wie üblich überzogenen Erwartungen zur WM aufbrechen. Oder, wie es der „Independent“ stellvertretend für das insgesamt vernichtende Presse-Echo formuliert: „Nach diesem Spiel können 2018 keine Hoffnungen enttäuscht werden.“ Auch wenn die Qualifikation ohne eine einzige Niederlage gelang, wird den Engländern gerade klar, dass ihre Nationalmannschaft nicht besonders gut ist.

Das gesteht sogar der seit einem Jahr amtierende Trainer Southgate. „War das das Spiel, das wir uns gewünscht haben? War das der Abend, den wir uns gewünscht haben? Nein, sicher nicht“, sagte er nach der Partie gegen Slowenien, wollte seiner Mannschaft allerdings keinen Vorwurf machen. Seiner Meinung nach ist das Team eine Baustelle, auf der heftig gewerkelt wird und auf der noch einiges zu tun ist bis zur WM im kommenden Jahr. „Wir wissen, dass wir besser werden müssen. Die Mannschaft hat Potenzial. Aber wir haben verdammt viel Arbeit vor uns“, sagte er. Er sieht das Team in einem Prozess.

Tatsächlich ist es nicht so, dass Southgate mit einer Ansammlung von Holzfüßen und Kneipenkickern auskommen müsste. Gerade in der Offensive hat er Spieler mit hervorragenden Anlagen zur Verfügung, den 19 Jahre jungen Marcus Rashford von Manchester United zum Beispiel, den 22 Jahre jungen Raheem Sterling von Manchester City, den 21 Jahre jungen Dele Alli von Tottenham Hotspur und vor allem dessen Vereinskollegen Kane, der gerade den besten Monat seiner Karriere hingelegt hat. Ihm gelangen im September 13 Tore in acht Pflichtspielen für seinen Klub und die Nationalmannschaft. Eine Quote, die an Messi und Ronaldo erinnert.

Doch der englischen Auswahl fehlt jemand, der das Spiel steuert, der das Geschehen an sich reißt, wenn es hakt wie gegen Slowenien. Rekordtorschütze Wayne Rooney hat gerade seine Karriere im Nationalteam beendet, Profis wie David Beckham, Steven Gerrard oder Frank Lampard sind schon lange nicht mehr dabei. Liverpools Kapitän Jordan Henderson, einem gewissenhaften Arbeiter im defensiven Mittelfeld, fehlt für diese Rolle die nötige Führungsstärke, und ob Hoffnungsträger Kane dieser Aufgabe mittelfristig gewachsen ist, muss sich erst noch zeigen, unter anderem gegen Deutschland. Am 10. November ist der Weltmeister zum Testspiel im Wembley-Stadion zu Gast.

Trainer Southgate ist realistisch, was die Wachstumschancen seiner Auswahl bis zur WM angeht. „Können wir in den kommenden acht Monaten wie Spanien werden? Nein, können wir nicht“, sagte er nach der Partie gegen Slowenien. Das erwartet allerdings auch niemand. Es würde schon reichen, wenn die Mannschaft wie Island werden würde, schrieb der Guardian. Wie das Team, das die Engländer bei der EM im vergangenen Jahr im Achtelfinale sensationell aus dem Turnier warf.

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