Vereins-Legende über die sportliche Krise

„Schalke braucht wieder eine Identität“

Nach der 1:3-Niederlage gegen Werder Bremen wurde Schalkes Trainer David Wagner entlassen. Viele Fans wünschen sich nun ein Comeback von Vereins-Legende Marc Wilmots. Wir haben bei ihm nachgefragt.
27.09.2020, 11:24
Lesedauer: 2 Min
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„Schalke braucht wieder eine Identität“
Von Jean-Julien Beer
„Schalke braucht wieder eine Identität“

Ärmel hoch und anpacken: So ist Schalkes Vereins-Legende Marc Wilmots.

dpa

Herr Wilmots, Sie werden als möglicher neuer Trainer von Schalke gehandelt. Wie haben Sie das Spiel gegen Bremen gesehen – und wären Sie bereit, Ihrem Verein zu helfen?

Marc Wilmots: Wie alle Fans in diesen Coronazeiten habe ich das Spiel gegen Werder Bremen im Fernsehen gesehen. Und wie alle Schalker habe ich mitgefiebert und mitgelitten. Ich habe in den letzten Tagen auch viele Nachrichten von Schalkern erhalten, was mich sehr gefreut hat. Mehr werde ich zu Ihrer Frage nicht sagen, aus Respekt vor meinem Kollegen und früheren Mitspieler David Wagner. Das gehört sich nicht. Ich hatte ihm alle die Wochen immer die Daumen gedrückt, dass die Wende gelingt. Denn von den Namen her ist das ja keine schlechte Mannschaft. Schwierig vielleicht, aber nicht schlecht.

Wenn Sie zum Traineramt jetzt nichts sagen möchten – können Sie vielleicht grundsätzlich erklären, was Schalke fehlt? Schließlich sind Sie eine der größten Vereins-Legenden.

Nehmen Sie meine Antwort aber bitte losgelöst von diesem Saisonstart, denn so einer bin ich nicht, dass ich mich da jetzt einmischen würde. Ganz grundsätzlich, finde ich, würde Schalke eine klare Identität gut tun. Schalke war immer erfolgreich, wenn es eine klare Philosophie gab. Schauen Sie mal nach Spanien: Da gibt es die großen Klubs Real Madrid und FC Barcelona mit all ihren feinen Fußballern. Daneben hat aber Atletico Madrid eine Nische gefunden, und ist damit sehr erfolgreich. Atletico spielt leidenschaftlichen Fußball, da stehen elf echte Kerle auf dem Platz, gegen die keiner gerne spielen will. Das ist Männerfußball. Wenn man das mit Deutschland vergleicht: Da gibt es die Bayern, die schweben in ihrer eigenen Sphäre. Dahinter setzen Dortmund und Leipzig auf sehr gute spielerische Lösungen. Ich bin sicher: Alle Schalke-Fans wären mit dem Herzen dabei, wenn Schalke wie Atletico Madrid so eine Nische besetzen würde. Mit leidenschaftlichem Fußball. Mit einem eigenen Charakter. Das ist es, was mir seit einer Weile ein wenig fehlt. Es gibt solche Momente im Fußball: Als ich die belgische Nationalelf übernahm, standen 20 spannende Spieler vor mir, die in den größten Vereinen Europas richtige Stars waren. Viele Alphatiere. Aber sie waren kein Team. Erst als wir eine richtige Mannschaft wurden, stieg Belgien zur Nummer 1 der Weltrangliste auf und erreichte wieder Welt- und Europameisterschaften.

Vor ein paar Jahren wollte Schalke Sie schon einmal zurückholen. In vielen Medien rund um Schalke hieß es, Sie wären zu teuer gewesen.

Vergessen Sie das. Vergessen Sie beides. Das mag mancher Schalker ungewöhnlich finden, aber die Medien sitzen bei meinen Gesprächen mit Klubs nicht mit am Tisch. Und hören Sie mit dem Geld auf. Schalke ist mehr als ein Verein, sehr viel mehr. Es gibt sicher tausend Gründe, ein Schalker zu sein. Aber Geld ist keiner davon. Sowieso wird mir bei Schalke zu viel über Geld gesprochen, über Schulden, über die Baustellen. Es würde bestimmt nicht schaden, wenn wieder mehr über Fußball gesprochen würde. Schalke emotionalisiert Millionen Fans in Deutschland. Weil es ein toller Fußballverein ist. Jeder kennt Schalke und große Spieler, die dort mal waren. Fußball muss immer das Herz von Schalke sein, nicht Geld. Wir haben bei unseren Gesprächen damals nie über Geld gesprochen, sondern über Inhalte, über den Kader und über Ziele. Zum Beispiel auch über ein Mitspracherecht des Trainers bei Transfers, was ich einfach sehr sinnvoll finde. Inhalte sind immer wichtiger als Geld.

Das Gespräch führte Jean-Julien Beer.

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