E-Sports in Bremen und Wolfsburg

Virtuelle Superstars

E-Sport begeistert mittlerweile ein Millionenpublikum und hat bereits seine ersten Superstars. Es geht dabei nicht nur um Sieg oder Niederlage, sondern vor allem um Geld. Viel Geld.
20.12.2017, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Virtuelle Superstars
Von Patrick Reichelt
Virtuelle Superstars

Profis unter sich: Timo Siep (rechts) und sein Teamkamerad Benedikt Saltzer sind professionelle Videospieler und stehen beim VfL Wolfsburg unter Vertrag.

VfL Wolfsburg

Es ist die 85. Minute. Im Spiel Wolfsburg gegen Bayern München steht es noch 0:0. Maximilian Arnold spielt den Ball perfekt in die Gasse zu Mario Gomez. Ein, zwei Schlenker und der Nationalstürmer steht plötzlich frei vor dem Kasten von Manuel Neuer. Ein strammer Schuss. Tooor!

Timo Siep ballt nur kurz die Faust. Emotionale Ausbrüche sind bei ihm eher selten. Siep ist Profi beim VfL Wolfsburg und hat gerade ein Tor gegen einen seiner Fans geschossen. Er vertritt sein Team jedoch nicht auf dem Rasen im Stadion, sondern virtuell am Bildschirm. Zweimal ist er bereits deutscher Meister in der virtuellen Fußballsimulation Fifa an der Playstation 4 geworden. Hinzu kommen drei Vizeweltmeisterschaften. Ein echter Superstar also. „Meine Eltern waren am Anfang skeptisch, denn sie wussten nicht, was das überhaupt bedeutet, ein E-Sport-Profi zu sein“, sagt Siep. Das änderte sich jedoch schnell. Siep spielte auf großen Turnieren in Berlin, London und Paris und war kürzlich erst in einer Reportage auf dem TV-Sender Sport1 zu sehen.

Videospiele fristeten lange ein Dasein in der Nische, Zocker galten als Nerds, die in Kellern vor sich hin daddelten. Siep hat mit diesem alten Klischee so gar nichts mehr gemein: groß gewachsen, schlank, verschmitztes Grinsen und eine dieser modernen Fußballer-Frisuren, wie sie Marco Reus oder Julian Draxler tragen. In seinem Trainingsanzug vom VfL Wolfsburg könnte der 20-Jährige auch locker als aufstrebender Fußballprofi durchgehen.

Der Vergleich bietet sich in vielerlei Hinsicht an. Siep hat etwa auch seine eigene Fangemeinschaft. „Wenn ich durch die Stadt laufe, fragt der eine oder andere schon nach einem Bild.“ Auch Training ist wichtig: Drei bis vier Stunden übt er täglich an der Playstation. Und auch die körperliche Verfassung darf nicht vernachlässigt werden. „Bei manchen Turnieren müssen wir acht bis neun Stunden am Stück spielen. Wenn man dann nicht auch physisch fit ist, ist es schwer, die Konzentration so lange hochzuhalten.“ Doch die Mühen lohnen sich: Die Preisgelder bei den Wettkämpfen steigen stetig. Erst im August ging es für Siep im Finale der offiziellen Weltmeisterschaft um satte 200.000 US-Dollar. Da er verlor, musste sich der 20-Jährige jedoch mit „nur“ 40.000 US-Dollar begnügen.

E-Sport in Bremen

Von solchen Summen kann Erik Düßen bislang nur träumen. Düßen studiert Elektro- und Informationstechnik an der Universität Bremen und ist Kapitän des Team Uni-Bremen Squad. Gemeinsam mit vier Mitspielern tritt er in der University E-Sport Germany an, einer eigenen Amateurliga nur für E-Sportler von deutschen Universitäten. Anders als Timo Siep spielen sie nicht Fifa, sondern League of Legends, mit 100 Millionen aktiven Spielern das derzeit beliebteste Videospiel im E-Sport. „Man stellt es sich vielleicht leicht vor. Aber auf einem hohen Level konstant gut zu spielen und auch noch relativ viel, ist sehr anstrengend“, sagt Düßen. Dafür liegen die Preisgelder bei großen Turnieren oft auch im Millionenbereich.

Gerade in Bremen ist die E-Sport-Szene recht überschaubar. „Dieser Bereich wird wachsen und bietet neue Möglichkeiten. Auch die Universität Bremen könnte das mehr unterstützen und damit sogar neue Studenten werben“, sagt Düßen. Ein Blick über den großen Teich zeigt, was alles möglich ist. In den USA bekommen talentierte Zocker bereits Stipendien, eine große Uni-Liga organisiert regelmäßige Turniere, rivalisierende Teams liefern sich Derbys und ein Kabelsender überträgt die Spiele live. „Sobald die alten Denkmuster immer weiter verschwinden und der E-Sport nicht als einfaches ‚Computer spielen‘ abgestempelt wird, steht ihm nicht mehr viel im Weg“, findet Düßen.

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Darauf deuten auch die Umsatzprognosen hin. Laut einer Studie des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungssoftware wird 2020 der E-Sport in Deutschland einen Umsatz von 130 Millionen Euro erzielen. Weltweit sollen es dann sogar schon deutlich mehr als eine Milliarde US-Dollar sein (siehe Grafik). Dieser Trend ist auch den großen Vereinen nicht entgangen. Sieben Bundesligaklubs haben schon eigene E-Sport-Profis unter Vertrag. Neben Wolfsburg sind das der VfB Stuttgart, RB Leipzig, Schalke 04, Bayer Leverkusen, der 1. FC Nürnberg und VfL Bochum. Werder Bremen beschäftigt sich nach eigenen Angaben „akribisch“ mit dem Thema, eine Entscheidung wurde allerdings noch nicht getroffen. Daneben haben auch ausländische Vereine wie etwa Manchester City oder Paris Saint-Germain eine eigene E-Sport-Sparte.

Bald auch bei den Olympischen Spielen?

Doch was versprechen sich die Vereine davon? „Zum einen wollen die Klubs dadurch an Attraktivität gewinnen, gerade in der jungen Zielgruppe“, sagt Christoph Burmann, Inhaber des Lehrstuhls für innovatives Markenmanagement an der Universität Bremen. „Zum anderen soll auch das Image eines Vereins davon profitieren. Nach dem Motto: Wir machen etwas Neues und Innovatives.“ So hat der VfL Wolfsburg etwa im Vorfeld der Partie gegen RB Leipzig am 16. Spieltag eine besondere Aktion gestartet: Die VfL-Profis Maximilian Arnold und Marvin Stefaniak zockten ein Fifa-Match gegen Bernardo und Kevin Kampl von RB Leipzig. Die Wolfsburger wurden dabei von Timo Siep gecoacht, die Leipziger von ihrem eigenen Videospiele-Profi.

All das ändert jedoch wenig daran, dass E-Sport besonders von älteren Menschen noch nicht ernst genommen wird. Die Anerkennung als Sportart ist für die Szene daher auch eines der wichtigsten Anliegen (siehe Interview). Asien, wo E-Sport gesellschaftlich anerkannt ist, hat hier eine Vorreiterrolle eingenommen. Ein Meilenstein könnten auch die Olympischen Spiele 2024 in Frankreich werden. Das Pariser Komitee will darüber diskutieren, E-Sport mit ins Programm aufzunehmen. „Wir müssen uns das ansehen, weil wir nicht einfach sagen können: E-Sport ist nicht olympisch“, sagt Tony Estanguet, Co-Präsident des Komitees. „Die Jugend ist interessiert an E-Sport. Lasst uns das anschauen. Lasst uns sie treffen. Lasst uns ausprobieren, ob wir einige Brücken schlagen können.“ Vielleicht holen also bald Menschen wie Timo Siep oder Erik Düßen olympische Goldmedaillen für Deutschland.

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