Ein Skater wird sesshaft Vom Board zur Schere

Spanien, Frankreich, Türkei, Skandinavien, Brasilien –Ümit Akbulut hat mit seinen 29 Jahren schon sehr viel von der Welt gesehen. Jetzt wird es beschaulicher.
18.01.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Kim Patrick Puhlmann

Spanien, Frankreich, Türkei, Skandinavien, Brasilien – Ümit Akbulut hat mit seinen 29 Jahren schon sehr viel von der Welt gesehen. Der Profisportler aus Delmenhorst war bereits Deutscher Meister und gewann die Europameisterschaft im Street-Skateboarden. Nun möchte er aber etwas kürzer treten. Der Grund: Vor neun Monaten wurde er Vater. Zudem führt Akbulut einen Friseursalon. Ganz ohne Skateboard geht es für ihn allerdings nicht.

Ein paar Jugendliche studieren mit ihren Skateboards Tricks ein. Nebenan spielen andere Fußball auf dem Gelände des Max-Planck-Gymnasiums in Delmenhorst. Einmal rollt der Ball in Richtung der Treppenstufen – dorthin, wo geskatet wird. Ümit Akbulut läuft hinterher, um ihn wiederzuholen. „Wieso versucht ihr immer wieder die gleichen Tricks?“, spricht der damals 14-jährige Deutsch-Türke den Skater Malte Fenk an – und erhält eine plumpe Antwort: „Komm’, geh einfach weiter kicken.“ Die Neugier von Akbulut ist allerdings groß, er schnappt sich einfach ein Board und steigt mit seinen Fußballschuhen drauf. Ein, zwei Versuche – die reichen Malte Fenk schon, um zu erkennen: Dieser Junge ist ein Naturtalent. Und tatsächlich: Heute ist Ümit Akbulut mit dem Skateboard schon Deutscher Meister geworden und hat die Street-Europameisterschaft gewonnen.

Die Szene am Max-Planck-Gymnasium liegt mittlerweile 15 Jahre zurück. Ümit Akbulut erinnert sich aber noch ganz genau an diesen Tag. Es war der Tag, an dem sich sein Leben änderte: „Ich bin gleich nach Hause gelaufen, habe mir ein Skateboard geschnappt, das ich zuvor noch nie benutzt hatte, und bin wieder zurück zu Malte.“ Das Fußballspielen beim Delmenhorster TB gab er danach sofort auf. „Für meinen Vater war das im ersten Moment ein großer Schreck. Ich war eben ziemlich erfolgreich“, erklärt Akbulut, der früher fester Bestandteil der Niedersachsen-Auswahl des Jahrgangs 1984 war. Inzwischen dürfte aber auch Vater Ali gemerkt haben, dass der Sportart-Wechsel seines Sohnes eine gute Entscheidung war.

Die Augen von Ümit Akbulut funkeln förmlich, wenn er von seiner Leidenschaft erzählt. Mit einem Schmunzeln berichtet der 29-Jährige von seinem ersten Wettbewerb: „In Oldenburg hatte ich mein erstes Turnier. Damals war ich extrem nervös, ich wollte gar nicht erst losfahren.“ Gut, dass er es doch tat. Akbulut landete in seiner Gruppe auf dem ersten Platz und wurde nach seinem Lauf prompt von einer Skaterfirma angeworben – diese sollte in den kommenden Jahren nicht sein einziger Sponsor bleiben. Während andere Schüler damals auf Taschengeld und Minijobs angewiesen waren, verdiente Akbulut durch Preisgelder und Sponsoring bis zu 1400 Euro im Monat. 2004 nahm er an seinen ersten Deutschen Meisterschaften teil, nur ein Jahr später wurde der Delmenhorster Erster bei den Europameisterschaften im schwedischen Malmö. 2008 entschied er dann die Deutschen Meisterschaften für sich.

„Das Skaten hat mir ermöglicht, viel von der Welt zu sehen. Ohne den Sport hätte ich das nicht geschafft“, erklärt Akbulut. Mittlerweile gibt es kaum einen Fleck auf der Europa-Karte, an dem der 29-Jährige noch nicht mit seinem Skateboard unterwegs war. „Bis auf ein paar Staaten im Osten habe ich schon fast alles gesehen. Zudem war ich auch in Brasilien. Damals wollte ich immer nur zum nächsten Skatepark.“ Mittlerweile schätzt der Delmenhorster auch die Kultur, das Essen und die Sehenswürdigkeiten eines jeden Landes, das er bereist. „Am schönsten ist es in Istanbul. Dort habe ich viele Menschen durch das Skaten kennengelernt.“ Erst vor zwei Wochen war Akbulut wieder für sechs Tage in der Türkei. Weiter, beziehungsweise für längere Zeit von zu Hause weg sein – das kommt für ihn jedoch nicht mehr in Frage. Dafür gibt es einen guten Grund: Seit neun Monaten ist der 29-Jährige Vater. Mit seiner langjährigen Partnerin Charmaine Barysch, deren Bruder Andre beim TuS Heidkrug Fußball spielt, kümmert sich Akbulut um den gemeinsamen Sohn Matteo. „Einen Profi-Skater zum Lebenspartner zu haben, ist bestimmt nicht einfach“, räumt der Weltenbummler ein und legt liebevoll den Arm um Charmaine. Wegen seiner kleinen Familie will Akbulut nicht mehr zu Europa- oder Weltmeisterschaften reisen. Ganz ohne Skateboard geht es jedoch auch nicht: „Eigentlich will ich schon seit vier Jahren aufhören. Aber jedes Mal, wenn ich aufs Brett steige, merke ich: Da ist noch ordentlich Benzin im Tank.“

Neben der Familie und dem Skaten gibt es für den Delmenhorster übrigens eine dritte große Leidenschaft: seinen Beruf. Der gelernte Friseur ist Geschäftsführer eines Salons am Hasporter Damm. Dort schneidet Akbulut seit knapp zwei Jahren die Haare seiner Kunden. „Ich war schon immer an Mode interessiert. Der tägliche Umgang mit Menschen ist mir zudem sehr wichtig“, erklärt er. Auch im Salon ist das Thema Skaten nie weit entfernt. Inhaber Selman Tonguz ist zugleich Akbuluts Manager. Außerdem zählt ein ganz wichtiger Mensch aus dem Leben des Profis zu seiner Stammkundschaft: Malte Fenk.

Wenn der Mann, der ihn damals aufs Board brachte, vor Akbulut Platz nimmt, erklärt es sich von selbst, worüber die beiden Männer während des Haareschneidens sprechen...

Erfolgreicher Skateboarder und stolzer Vater: Ümit Akbulut wurde in seiner Laufbahn schon Deutscher Meister und gewann die Europameisterschaft. Wegen seines Sohnes Matteo möchte er künftig aber kürzer treten.

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