Fußball-Bundesliga der Frauen

Vom kleinen SV Werder zum großen VfL Wolfsburg

Pia Wolter hat gewusst, was nach dem Vereinswechsel auf sie zukommen würde: eine Geduldsprobe. Noch ist sie in der Liga ohne Einsatz. Das könnte am Sonntag anders werden, wenn der VfL in Bremen spielt.
13.10.2018, 18:14
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Freye
Vom kleinen SV Werder zum großen VfL Wolfsburg

Das Trikot steht ihr gut, aber in einem Punktspiel hat es Pia Wolter für den VfL Wolfsburg bislang noch nicht getragen.

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Bremen. Nach einem Wechsel im Sommer mit der neuen Mannschaft bei der ehemaligen anzutreten, ist meistens eine besondere Sache für eine Fußballerin. Für Pia Wolter ist die Rückkehr auf Platz 11 aber zweifellos ein sehr ungewöhnlicher Vorgang. In Bremen ist sie schließlich geboren, und bei Werder hatte sie seit 2011 gespielt, zuletzt vier Jahre in der ersten Frauenmannschaft. An diesem Sonntag kehrt Wolter mit dem VfL Wolfsburg zum Bundesligaspiel bei den Grün-Weißen (14 Uhr) zurück und findet: „Das ist wie gegen die eigene Mannschaft zu spielen – schon komisch.“

Dabei ist allerdings nicht einmal sicher, ob die 20-Jährige tatsächlich auflaufen wird, um gegen „ihre Mannschaft“ zu spielen. Denn Pia Wolter musste sich erst einmal hinten anstellen in ihrem neuen Team. In den drei Punktspielen der Wolfsburgerinnen kam sie nicht eine Minute lang zum Einsatz; nur im Pokal und in der Champions-League sammelte die Allrounderin Spielpraxis. Die langjährige Stammkraft aus Bremen, hochtalentiert und einst U 20-Nationalspielerin, nimmt in ihrem neuem Team bislang nur eine Nebenrolle ein – es gibt Menschen, die finden wiederum das ziemlich komisch.

Thomas Wolter zählt nicht dazu. Der Vater von Pia Wolter, früher selbst hochdekorierter Profi und heute Sportlicher Leiter des Werder-Nachwuchses, sieht sich vielmehr bestätigt. „Pia hat mit dem Wechsel nach Wolfsburg nicht nur den nächsten Sprung gemacht, sondern vier auf einmal“, sagt Thomas Wolter. Die Niedersachsen sind wahrlich keine Laufkundschaft. Sie sind als Double-Sieger das Maß der Dinge im deutschen Fußball und zählen als Finalist der jüngsten Champions League auch zu den großen europäischen Teams.

Wertvolle Tipps vom Vater

In eine solche Mannschaft wechselt man nicht mal eben so. Das weiß auch Pia Wolter. „Wir haben so viele Nationalspielerinnen, dass wir in der Länderspielpause mit sieben Leuten trainieren mussten“, erzählt die Bremerin. Angesichts eines solchen Aufgebots an Topkickerinnen sei ziemlich normal, was jetzt passiert. Die junge Wolter verdeutlicht das mit einer rhetorischen Frage: „Lässt du lieber eine Nationalspielerin draußen oder sagst du, wir geben Pia jetzt die nötige Zeit, um sich an unser System zu gewöhnen?“ Die nötige Zeit – das ist ein großes Stichwort dieser Tage. Thomas Wolter sagt, er habe seine Tochter angesichts der eigenen Erfahrungen vorbereitet auf die neue Situation: „Sie weiß von mir, dass sie viel Geduld haben muss.“ Und wie Pia Wolter das weiß. Sie sagt: „Das Wort Geduld habe ich von Papa in den letzten vier Wochen bestimmt einhundert Mal gehört.“ Dann lacht Pia Wolter. Sie will damit zum Ausdruck bringen, dass es der mahnenden Worte ihres Vaters nicht bedurft hätte. „Mir war von vornherein klar, dass ich erst mal nicht so viel Spielzeit wie in Bremen bekommen würde.“ Der VfL ist eben eine Mannschaft, die auf einem ganz anderen Niveau arbeitet, in der die Konkurrenzsituation eine ganz andere ist als bei Werder. Aber Pia Wolter gibt auch zu: „Ich hätte nicht gedacht, dass es so krass ist.“

Wenn sie bei Werder über den Frauenfußball und die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten reden, dann fällt eigentlich immer auch der Name von Wolters neuem Verein. Der VfL Wolfsburg würde dank der Unterstützung durch die Volkswagen AG über ganz andere Möglichkeiten verfügen. Er gilt deshalb als Maßstab für den Weg der Bremerinnen in die Ligaspitze – der ist nämlich schier unendlich. Der Etat der Wolfsburgerinnen dürfte mittlerweile bei rund vier Millionen Euro liegen. Sie hängen den Rest der Liga, vielleicht abgesehen vom FC Bayern, damit locker ab. Das Gros der Teams muss sogar mit einem mittleren sechsstelligen Betrag auskommen, die Bremerinnen sowieso.

Aber in Wolfsburg wird eben auch vom Frauenfußball gelebt. Und wer wie Pia Wolter nebenbei noch studieren möchte, geht zum „VfL-Campus“, also auf die vereinseigene Uni. „Die Konzentration auf den Fußball ist hier eine ganz andere“, sagt die junge Kickerin. Sie musste sich auch erst einmal daran gewöhnen, nicht mehr am Abend zu trainieren. Das war bei Werder noch üblich gewesen. In Wolfsburg, wo ja eigentlich immer alle Spielerinnen zur Verfügung stehen, wird am Tag geübt, sieben- bis achtmal in der Woche. Und dabei steht ein Team hinter dem Team, das fast schon Ausmaße einer männlichen Profimannschaft annimmt.

Zwei unterschiedliche Welten

Die Geschäftsstelle des Wolfsburger Frauenfußballs umfasst allein drei hauptberufliche Mitarbeiter, also so viel, wie die Bremer Abteilung insgesamt hat. Daneben gibt es drei Physiotherapeuten, Torwart- und Athletiktrainer und die zwei eigentlichen Assistenten von Chefcoach Stephan Lerch. Pia Wolter schätzt, dass sich rund zehn Menschen in Vollzeit um ihr Team bemühen. Um eine Mannschaft, die angesichts ihrer finanziellen Ausstattung die deutschen Nationalspielerinnen Alexandra Popp, Almuth Schult, Sara Doorsoun, Babett Peter und Lena Gößling beschäftigt, in der mit Torjägerin Pernille Harder (Dänemark) Europas Fußballerin des Jahres steht.

„Als kleiner Verein wie Werder kannst du eigentlich gar nicht oben ankommen“, findet Pia Wolter. Aber Werder kann gegen den VfL Wolfsburg spielen, am Sonntag um Bundesligapunkte. Und wenn Wolter dabei ist, dann muss die Freundschaft ruhen, dann spielen die „vielen Kontakte“ in die Heimat keine Rolle. Leicht wird ihr das nicht fallen. Aber die Kickerin ist sich sicher, dass sie es hinbekommen wird. Schon deshalb, weil die Bremerinnen ihr ja auch nicht den Roten Teppich ausbreiten. „Sie werden bestimmt nicht sagen: Komm Pia, geh mal eben durch und mach dein Tor“, sagt Wolter – und lacht mal wieder.

Info

Zur Sache

Wiedersehen mit alten Bekannten

Während Pia Wolter mit dem VfL Wolfsburg an diesem Sonntag ab 14 Uhr auf alte Bekannte trifft, gibt es auch für Werders Luisa Wensin und Samantha Steuerwald ein Wiedersehen. Beide wechselten im Sommer von den Niedersachsen nach Bremen, allerdings aus der Reserve des VfL. „Mit Wolfsburg erwartet uns die aktuell beste Mannschaft der Frauen-Bundesliga“, sagt Carmen Roth. Die Werder-Trainerin macht sich deshalb keine Illusionen: „In diesem Heimspiel sind wir der Außenseiter, dennoch werden wir mit Kampf, Leidenschaft und Willen gegen den VfL antreten und wollen uns positiv präsentieren.“ In den vier Punktspielen gegen Wolfsburg gewann ihr Team noch keinen Punkt. Im letzten Duell siegte der VfL mit 5:0 in Bremen.

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