Andreas Stelljes bei der HSG Stuhr Vom Torwart zum Torwart-Trainer

Andreas Stelljes hat eine besondere Funktion bei der HSG Stuhr: Der 53-Jährige trainiert die Torhüter. Damit ist er mit den Jahren zu so etwas wie einem Aushängeschild des Handballvereins geworden.
22.12.2017, 13:19
Lesedauer: 4 Min
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Von Alexandra Penth

Brinkum. Zielstrebig wandert der Zeigefinger entlang der Klarsichthüllen. Kurz vor Trainingsbeginn geht Andreas Stelljes noch ein paar der abgebildeten Übungen in seinem Ordner durch. Durch das Fenster des Nebenraums sieht man die von Sven Engelmann trainierten Landesliga-Handballer der HSG Stuhr, wie sie sich in der Halle krümmen und strecken. Mit ihnen wärmen sich auch die Keeper Raphael Harting und Stefan Germanus auf, für deren Ausbildung Stelljes verantwortlich zeichnet. „Am besten trainiert man mit drei Torhütern. Der eine wird von der Mannschaft benötigt, die anderen können sich bei den Übungen dann gegenseitig fördern“, erklärt Stelljes, als er wenig später in der Halle steht, eine Bank von der Wand wegschiebt und sie in Tornähe platziert. Seinen Jungs möchte der 53-Jährige im Training all das mitgeben, was sie brauchen, um in ihrem Revier zu bestehen. An zwei Tagen die Woche ist das seit nunmehr neun Jahren sein Job. Darauf angelegt hatte er es nicht. In die Rolle des Torwarttrainers ist der Ex-Keeper mit zehn Jahren Regionalliga- und zweijähriger Zweitligaerfahrung zufällig hineingeraten.

„Ihr müsst mit den Sohlen abwechselnd auf die Bank tippen. Das Ganze parallel, ohne einander zu treffen“, weist der Trainer an. Harting und Germanus legen los. Ziel ist es, den anderen einzuholen. Das schnelle Entlanghüpfen an der Bank mutet ein bisschen wie ein exotischer Volkstanz an. Das wechselseitige Anwinkeln der Beine hat es in sich, die Anstrengung steht den Torhütern schon nach kurzer Zeit ins Gesicht geschrieben. Wenig Mitleid mit ihnen hat Ashkan Sadeghi, der aufgrund einer Verletzung nicht trainieren kann, dafür heute aber assistiert. „Das musste ich früher auch immer bei ihm machen. Ich hatte einen Hasskandidaten, gegen den ich immer verloren habe“, sagt er mit ein wenig Wehmut in der Stimme, die verrät, dass er am liebsten mit einsteigen würde, statt vom Rand aus zuzugucken.

Der 32-Jährige ist die Konstante in Stelljes’ Trainerzeit. Vor acht Jahren holte er ihn von der dritten in die erste Herrenmannschaft des damaligen FTSV Jahn Brinkum, der bekanntlich in die HSG Stuhr aufging. Stelljes wollte seinen Nachfolger im Team aufbauen, ehe er sich allmählich aus dem sportlichen Leben zurückzog, um sich mehr Zeit für seine beiden Töchter freizuschaufeln. „Er hat mir gedroht: Wenn du nicht gut bist, gehe ich zurück ins Tor“, erzählt Sadeghi und lacht. Doch Sadeghi hat es gepackt, und Stelljes konnte weiter in die Trainerrolle hineinwachsen. „Er hat viel Erfahrung und kann wahnsinnig viel rauskitzeln aus den Leuten“, lobt Sadeghi seinen Coach. Stelljes sei mittlerweile ein Aushängeschild des Vereins. Denn nur die wenigsten Handballklubs auf diesem Niveau bieten ein gesondertes Training für Keeper an. Auch das ist ein Grund für Sadeghi, warum er bis auf ein halbes Jahr Unterbrechung seinem Heimatverein stets treu geblieben ist.

Die Bewegungen im Tor sollen in Fleisch und Blut übergehen, bläut Stelljes seinen Keepern immer wieder ein. „50 Prozent ist Wiederholung, die Automatisierung von Bewegungsabläufen ist das Ziel“, sagt er. Ganz am Anfang steht für jeden Torwart jedoch die Überwindung der Angst vor dem Ball. Daher arbeitet Stelljes bei Anfängern zunächst mit Schaumstoffbällen, die dem Kopf des Keepers viele Male bedenklich nah kommen. Auch wie sie Schmerz abfedern können, lernen die Spieler bei ihm. „Die Körperspannung ist das Wichtigste, um sich im Tor nicht zu verletzen“, sagt Stelljes.

Denn trifft ein heranrasender Ball auf einen durchhängenden Arm, reißt er ihn mühelos mit sich. Das Training sieht auch solche Szenarien vor. Der 25-jährige Germanus steht nun breitbeinig mit angespanntem Oberkörper und nach vorne gestreckter Brust vor Stelljes, der mit großem Druck einen Handball gegen mehrere Punkte des Brustkorbs und der Oberarme presst. Germanus, der gemeinsam mit Sadeghi in der ersten Herren spielt, muss einen festen Stand behalten und darf nicht zurückweichen. Später sollen Harting und Germanus ihre Beweglichkeit im Tor trainieren, indem Stelljes sie links, dann rechts oben und schließlich unten in die Ecken des Kastens greifen lässt. „Torwart zu sein, ist kein Dauerlauf, sondern lebt von schnellen Aktionen“, schärft er dem 18-jährigen Raphael Harting ein, dessen Bewegungen für seinen Geschmack noch etwas zu hölzern sind. Einige Übungen später sind die Handballer geschafft. „Trinkpause!“, ruft Stelljes mit kräftiger Stimme. Dass er ins Tor gehört, stand für ihn im Alter von 16 Jahren fest. Damals spielte er noch in seinem Heimatverein SG Oslebshausen. Zuvor hatte er zehn Jahre im Feld gespielt – was ihm auch für sein Torwartleben nützte. „Es ist immer besser, wenn man den Gegner kennt“, sagt Stelljes, außerhalb der Sporthalle Ingenieur bei Airbus.

Wenige Vereinswechsel hat der gebürtige Bremer durchlebt. 20 Jahre seiner Handballkarriere verbrachte er in Oslebshausen, mit deren Mannschaft er als 25-Jähriger den Aufstieg in die Regionalliga miterlebte. Später wechselte er zum Nachbarklub TV Grambke, mit dem er es nach drei Anläufen in die Zweite Bundesliga schaffte. Viele Erfolgsmomente hat ihm der Sport beschert. „Der Ehrgeiz ist ungleich höher, wenn man erfolgreich ist“, spricht Stelljes, der 2005 zur HSG Stuhr kam, bei der bereits seine Ehefrau Anja spielte, aus Erfahrung.

Das Training ist mittlerweile vorbei. Doch bevor es für die Spieler in die Umkleide geht, muss der Hallenboden noch von den Harzspuren der Handbälle beseitigt werden. Einige Spieler kriechen auf allen Vieren, um die unschönen Schlieren mit einem Putzlappen und einigen Spritzern Spülmittel wegzuwischen. Auch das gehört zum Hallensport, den Stelljes stets den zahlreichen Freiluft-Alternativen vorgezogen hat, dazu. So seien Stollenschuhe noch nie etwas für ihn gewesen. „Fußball war immer doof. Fußball war draußen, da hat es geregnet, da ist man im Matsch rumgesprungen, das war nie mein Ding“, bemerkt er.

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