Am Montag beginnt wieder das berühmteste Tennisturnier der Welt auf Rasen: Wimbledon Von Favoriten, Falken und Erdbeeren

London. Am Donnerstag war es noch ein bisschen wie bei der Oscar-Verleihung. Zur Vor-Wimbledon-Party im Roof Gardens im Londoner Stadtteil Kensington flanierten die besten Tennisspielerinnen der Welt in ausgewählter Garderobe über den Teppich.
28.06.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Favoriten, Falken und Erdbeeren
Von Marc Hagedorn

Am Donnerstag war es noch ein bisschen wie bei der Oscar-Verleihung. Zur Vor-Wimbledon-Party im Roof Gardens im Londoner Stadtteil Kensington flanierten die besten Tennisspielerinnen der Welt in ausgewählter Garderobe über den Teppich. Maria Scharapowa kam in einem Kleid von Valentino, wie die Fachpresse erfreut festhielt. Ana Ivankovic hatte ihren Freund Bastian Schweinsteiger dabei. Und Serena Williams trug ein dezentes weißes Kleid.

Ab Montag wird es mit der Zurückhaltung bei Williams vermutlich vorbei sein. Dann wird die beste Tennisspielerin der Gegenwart ihre Konkurrenz wieder über das Grün jagen. Serena Williams hat etwas gutzumachen in Wimbledon. 2014 scheiterte sie als hohe Favoritin in der dritten Runde, 2013 war im Achtelfinale gegen Sabine Lisicki Schluss gewesen. Das soll sich nicht wiederholen. Nach dem Sieg bei den Australian Open und den French Open gilt die US-Amerikanerin als Maß der Dinge. Es wäre Williams’ sechster Sieg in London.

Sie könnte auch davon profitieren, dass die Konkurrenz zurzeit schwächelt: Titelverteidigerin Petra Kvitova buchstäblich, sie war zuletzt gesundheitlich angeschlagen. Und die jungen Wilden wie Eugenie Bouchard, die 2014 im Finale stand, und Simona Halep sind nicht in Top-Form. Nur Außenseiterchancen räumen die Experten Sabine Lisicki, 2013 im Finale, Venus Williams und Maria Scharapowa ein.

Bei den Männern könnte es auf ein Duell zwischen Novak Djokovic und Andy Murray hinauslaufen. Djokovic, Titelverteidiger und an Nummer eins gesetzt, trifft auf Philipp Kohlschreiber, der als 33. knapp die Setzliste verpasst hatte. Boris Becker, Trainer von Djokovic, erwartet ein hartes Turnier. „Letztes Jahr ist es für uns perfekt gelaufen, aber jetzt geht es für alle wieder in Runde eins los“, sagte Becker und meinte mit Blick auf den schottischen Lokalmatador Murray: „Er ist aktuell in toller Form. Selbstverständlich gehört er zu den Favoriten.“ Soviel zum Sportlichen, aber Wimbledon ist ja bekanntlich weit mehr als das. Wimbledon ist auch...

...das Turnier von Rufus, dem Falken: Er hat eigene Accounts bei Facebook und Twitter. Und er hat eine eigene Akkreditierung für die Offenen Englischen Tennismeisterschaften als „Vogelschreck“: Rufus, der Wimbledon-Falke. Die Homepage des Clubs bezeichnet ihn als „wichtiges Mitglied der Wimbledon-Familie“. Rufus wird von den Turniermachern vor allem beschäftigt, um die Tauben auf der Anlage zu vertreiben – die lassen sich sonst gern auf dem Gestänge des verschließbaren Centre-Court-Daches nieder. Während der beiden Grand-Slam-Wochen ist Rufus täglich auf Patrouille, übers Jahr kommt er einmal pro Woche mit Besitzer Imogen Davis vorbei. Wimbledon ist übrigens nicht sein einziges Arbeitsgebiet, denn Rufus schützt auch Westminster Abbey vor der Taubenplage.

...das Turnier der Menschenmassen: Es ist Jahr für Jahr einer der faszinierendsten Anblicke, ein Symbol für die ewige, ungebrochene Faszination und Attraktivität der Rasen-Festspiele an der Church Road: die kilometerlange Schlange von Fans, die sich täglich vor den Toren des All England Lawn Tennis and Croquet Club bildet. Für viele Wimbledon-Fans aus aller Welt ist der Weg ins Grand-Slam-Heiligtum schon das Ziel, was wäre der Turnierbesuch ohne die berühmte „Queue“. 500 Tickets für den Centre Court, Court 1 und Court 2 sowie 6 000 Ground Tickets gehen in den täglichen Verkauf, zudem werden Rückläufer von abwandernden Besuchern an die Wartenden ausgegeben. Da heißt es, sich früh in die Schlange einzureihen.

Die hartnäckigsten Fans zelten im nahen Wimbledon-Park, machen dort gern die Nacht zum Tage mit Live-Musik und Grillpartys – auch der englische Landregen kann niemanden schrecken. Aber alles ist wohl organisiert: Die ehrenamtlichen Ordner geben an die geduldigen Fans Aufkleber, Karten mit Daten und Nummern sowie einen „Guide to queueing“ aus. Britischer geht’s nicht mehr.

...das Turnier der Rasenmeister: Was haben Pontiac, Melbourne und Venedig mit Wimbledon zu tun? Extrem viel: Denn nach diesen drei Städtenamen sind drei Sorten Weidelgras benannt, die heute die Rasenmischung für die heiligen Grüns von Wimbledon bilden. Entwickelt wurde dieser Mix in einer Kooperation zwischen den Greenkeepern von Wimbledon und dem englischen Institut für Rasenforschung. Die Experten beraten auch Veranstalter von Fußball-, Golf- und Rugbyturnieren sowie von Pferderennen.

Nach den Geschwindigkeitsorgien der 90er Jahre hatten Spielerorganisationen und zuletzt auch der Club auf eine Entschleunigung hingewirkt, die Plätze, das war das Ziel, sollten langsamer werden und mehr Ballwechsel ermöglichen. Die Bälle verlassen das Gras zwar dieser Tage immer noch mit dem gleichen Tempo, aber die härteren, strapazierfähigeren Plätze garantieren einen höheren Ballabsprung. „Betonhart“ seien die Courts nun, sagt Ex-Superstar John McEnroe, „das ist kein Vergleich mehr zu früheren Tagen.“ Ein Heer von Rasenmeistern kümmert sich um die ganzjährige Pflege, beim Grand-Slam-Turnier misst der Rasen genau acht Millimeter. Geschnitten wird der Rasen permanent, aber niemals um mehr als zwei Millimeter.

...das Turnier der Erdbeeren, Pimm’s and more: Sie sind sündhaft teuer, aber wer kann ihnen schon widerstehen? Die Erdbeeren von Wimbledon. Rund 28 Tonnen werden zusammen mit 7 000 Litern Sahne verkauft. Die kleinen Schälchen mit zwölf oder 13 Erdbeeren (das ist penibel abgezählt) kosten umgerechnet cirka 3,50 Euro. Angeliefert werden sie aus der Grafschaft Kent. Genauso wie Erdbeeren mit flüssiger Sahne gehört das Nationalgetränk „Pimm’s“ zu einem stilechten Wimbledon-Abstecher. VIP-Besucher wurden früher eher spartanisch im All England Lawn Tennis and Croquet Club versorgt, mit kalten Platten und süßlichem Sekt. Heute schlemmen die „Corporate Guests“ in abgezirkelten Bereichen bei fürstlichen Mehr-Gänge-Menüs. Auf dem Henman Hill beziehungsweise Murray Mount draußen bei den Normalsterblichen, sind selbstverständlich „Fish and Chips“ beliebt, aber auch Wokgerichte, Pizza oder Sushi. Wer mit einer vierköpfigen Familie kommt, muss tief in die Tasche greifen: 200 Euro sind da allein für das Essen weg.

...das Turnier unter Dach: Lange sträubten sich die Club-Oberen mit aller Gewalt und dem Verweis auf die ehernen, heiligen Traditionen gegen ein Dach über dem Centre Court. Doch inzwischen ist der mächtige Regenschirm zur selbstverständlichen Bereicherung geworden – als letzte Rettung vor einem Komplett-Ausfall bei den Wetterkapriolen in London SW 19. Vor sechs Jahren wurde in einer feierlichen Zeremonie das verschließbare Dach in Betrieb genommen. Der Club hatte für die etwa 130 Millionen teure Investition einen Kredit aufgenommen, aber wie stets keine öffentlichen Gelder beansprucht.

Internationale TV-Stationen, aber auch Sponsoren hatten den Veranstalter erheblich unter Druck gesetzt, wenigstens den Centre Court vor den obligatorischen Regengüssen zu schützen – auch die BBC, einer der größten Geldgeber, drängelte, um Millionen Fern-Sehern nicht mehr mit Tenniskonserven aus dem Archiv versorgen zu müssen, wenn es goss. Wimbledon war nach den Australian Open das zweite Grand-Slam-Turnier mit Dach, ab 2016 kommen auch die US Open mit dem Arthur-Ashe-Stadion hinzu.

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