Floorball-Team des TV Lilienthal

Von Neuwittenbek nach Dessau

Die Floorballer des TV Lilienthal hatten es bis ins Pokalfinale in Dessau geschafft. Den Traum vom Sieg konnten sie sich nicht erfüllen. Aber eine einmalige Erfahrung war es trotzdem.
14.03.2017, 00:00
Lesedauer: 9 Min
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Von Tobias Dohr
Von Neuwittenbek nach Dessau

Der Moment, für den die Spieler des TV Lilienthal so lange gearbeitet haben: Sekunden vor Beginn des ersten Pokal-Halbfinals der Klubgeschichte in der Anhalt-Arena von Dessau.

tobias Dohr

Der Geist von Neuwittenbek ist bereits an Bord, als Dennis Heike an diesem sonnigen Freitagmittag in den Bus steigt. Neun Jahre zwischen damals und jetzt. Zwischen Neuwittenbek und Dessau. Zwischen dem Beginn einer Reise – und der Ankunft. Genau so fühlt sich diese Abfahrt für die meisten hier nämlich an: wie das Erreichen eines lange verfolgten Ziels. Als Fahrer Jürgen den voll besetzten Bus um 14.03 Uhr vom Parkplatz am Schoofmoor lenkt, geht für viele Floorballer im Kader des TV Lilienthal ein Traum in Erfüllung. Auch für Dennis Heike.

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Damals, am 1. Dezember 2007 in Neuwittenbek, war er gerade mal 17 Jahre alt. Ein blutiger Anfänger. Voll Potenzial. Voll mit sportlichen Träumen. Der TV Lilienthal spielte damals noch in der Regionalliga. Das erste Pokalspiel der Vereinsgeschichte war eine einzigartige und völlig neue Erfahrung. Für die junge Mannschaft, aber auch für den gesamten Verein. Auf Luftmatratzen und Turnmattten übernachtete das Team damals im Landkreis Rendsburg-Eckernförde. Frank Brinkmann, Fabian Diaz de Armas, Daniel von der Heyde, Mark Oliver Bothe – sie alle waren ebenfalls schon dabei. Und sitzen nun gemeinsam mit Dennis Heike im komfortablen Reisebus.

Deutscher Floorball-Pokal in Dessau

Dessau – so lautet das Ziel der Reise. Hier findet an diesem Wochenende das Final-4-Turnier um den deutschen Floorball-Pokal statt. Am besten vergleichbar mit dem DFB-Pokal beim Fußball. Das war es dann aber auch schon an Gemeinsamkeiten. Wobei der FC Bayern München seine Pokal-Endspiele wohl kaum viel professioneller planen und durchführen kann als die Lilienthaler „Wölfe“. Allerdings müssen Philip Lahm, Mats Hummels und Co. sicher keinen Eigenanteil für solch eine Fahrt aufbringen. 35 Euro, soviel muss jeder Lilienthaler Akteur aus eigener Tasche für den Saisonhöhepunkt, der für viele vermutlich sogar ein Karrierehöhepunkt sein wird, aus eigener Tasche berappen.

Den Großteil der Kosten trägt der Verein. Die Teamführung um Cheftrainer Remo Hubacher, Co-Trainer Daniel von der Heyde und Teammanager Günter Frese hat vor der Saison einen Budgetplan aufgestellt. Das ist mittlerweile zwingend notwendig. Zu groß sind die Posten, die die Bundesliga-Floorballer im Laufe einer Saison beanspruchen. Dank zahlreicher Sponsoren geht die Rechnung fast immer auf. Aber auch nur deshalb, weil alle – Trainerstab, Spieler inklusive Eltern und Verwandte – sich mit ganzer Hingabe dem Floorball verschrieben haben. Und wenn es sein muss, eben auch auf Sponsorensuche gehen.

Direkte Qualifikation fürs Viertelfinale

Dass die Spieler für das Pokal-Wochenende lediglich 35 Euro zuzahlen müssen, haben sie sich gewissermaßen selbst zu verdanken. Denn durch die direkte Qualifikation für das Meisterschafts-Playoff-Halbfinale entfällt das Viertelfinale. „Dadurch sparen wir einiges ein“, sagt von der Heyde. Und deshalb ist Dessau finanziell gut zu stemmen. Zwei Hotelübernachtungen plus Frühstück im zentral gelegenen NH-Hotel. Vier Sterne. „Wir wollten dieses Wochenende vom Anfang bis zum Ende zu etwas ganz Besonderem machen“, erklärt Trainer Remo Hubacher. Fußballer fahren oft nur einmal nach Berlin. Floorballer vermutlich nur einmal nach Dessau.

Im Bus wird Karten gespielt. Früher war es Skat. Heute nennt sich das Spiel „Arschloch“. Co-Trainer Daniel von der Heyde hat heute Geburtstag. Es wird Kuchen gereicht. Apfel-Nuss. Der Bus ist komplett voll. Vorne Trainer und Fans, hinten die Mannschaft. „Nach Neuwittenbek sind wir damals mit Privatautos gefahren“, erinnert sich Dennis Heike. Jetzt sitzt er im geräumigen Bus, fährt zum bundesweiten Floorball-Höhepunkt, übernachtet im Vier-Sterne-Hotel. Wie ein Profi fühlt er sich trotzdem nicht. Eher wie ein Verrückter. Ein Floorball-Besessener, der den Sport so sehr liebt, dass er ihm so manche Stunde geopfert hat. Und so manchen Euro. Und zwar mit einem Lächeln.

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Freudige Erwartung: Auf der Hinfahrt ist die Stimmung im Bus überaus verheißungsvoll.

Foto: tobias Dohr

Gelacht wird auch an diesem Nachmittag viel. Nach vier Stunden Fahrt – nicht eine einzige Pipipause ist nötig – erreicht der Bus endlich den Ort, an dem Träume wahr werden sollen. Hallo Dessau. Das Traumland ist grau, baufällig und erinnert an die 80er-Jahre. Plattenbauten, wie man sie im Jahr 2017 kaum noch für möglich gehalten hätte. Für viele der gerade einmal 20 Jahre alten Spieler eine echte Neuerfahrung. Um 18.30 Uhr, eine halbe Stunde nach Ankunft im Hotel, geht es los zum gemeinsamen Abendessen beim Italiener. Und hinterher noch einmal in die Halle. „Atmosphäre aufsaugen“, wie Hubacher es nennt.

3000 Sitzplätze gibt es in der Anhalt Arena. „Die größte Halle, in der ich bisher gespielt habe“, sagt Mark Oliver Bothe, als sein Blick über die großen Tribünen wandert. Wenn es nach ihm ginge, würde das Halbfinale gegen Weißenfels noch heute angepfiffen werden. Es kribbelt. Nicht nur bei Spaßvogel Bothe.

Der Preis für den Pokalsieg

Samstagmorgen. Der große Tag beginnt mit Rührei und Speck. Das gigantische Frühstücksbuffet ist schon mal eines Pokalsiegers würdig. Die Uhrzeit ist es nicht. Findet jedenfalls „Oli“ Bothe. 8.15 Uhr, das ist für einen Student ein ziemlich hartes Brot. „Das ist der Preis für den Pokalsieg“, sagt er grinsend. Um 9 Uhr steht ein kurzer Spaziergang auf dem Programm. Den Kreislauf in Schwung bringen. An jeder dritten Straßenlaterne sind große Plakate angebracht, die für die „schöne Ü30-Party“ im Mannschaftshotel werben. Plakate über das größte Floorball-Event Deutschlands sucht man in der Dessauer Innenstadt vergeblich.

Knapp 12 000 Mitglieder hat der Bundesverband. Derzeit kämpft der internationale Floorballsport für die Aufnahme ins olympische Programm. Die Mitgliederzahlen steigen stetig, doch für den großen Durchbruch braucht es eben auch finanzielle Mittel. Zum Ende der Saison steigt nun auch noch Hauptsponsor Stena-Line aus. Das schwedische Fährunternehmen hat den Verband mit einer fünfstelligen Summe jährlich unterstützt, war Namensgeber des Pokalwettbwerbs und der Bundesliga. Eine ähnliche Summe soll der UHC Sparkasse Weißenfels alleine von seinem Hauptsponsor bekommen. Geld spielt an diesem Wochenende keine Rolle – und tut es irgendwie doch.

Im Teammeeting um 10 Uhr setzen Hubacher und von der Heyde ein paar finale Reizpunkte. Auf dem Weg ins Finale haben die „Wölfe“ die deutlich bessere Bilanz gehabt als der heutige Gegner. Der Beamer schmeißt Bilder vom Pokal an die Leinwand, dazu motivierende Sprüche. Freude! Genießen! An den Sieg glauben! Immer! Der Funke, das ist deutlich zu spüren, ist längst bei allen übergesprungen.

Ein Verein im Floorballfieber

Im Foyer, kurz bevor es zum Mittagessen geht, liest Mannschaftsführer Fabian Diaz de Armas eine SMS vom TVL-Vereinsvorsitzenden Reinhard Schülke vor, die mit dem Satz endet: „Nehmt keine Rücksicht auf mein Herz, ich halte einen knappen Sieg heute locker aus.“ Ein Verein im Floorballfieber.

Der Bus bringt die Mannschaft erneut zur Halle, wo gerade das erste Damen-Halbfinale läuft. Anschließend geht es zum Mittagessen. Dennis Heike freut sich über die darauf folgende Mittagsruhe. Er war bereits um 5.15 Uhr wach, plagt sich mit einer verstopften Nase herum. „Die Pause wird mir hoffentlich gut tun.“ Der Bus muss nun etwas entfernt vom Hotel parken. Wegen eines Aufmarsches von Neonazis plus entsprechender Gegendemonstration hat die Polizei die Dessauer Innenstadt gesperrt. 150 Rechtsradikale halten die drittgrößte Stadt Sachsen-Anhalts auf Trab. Dass zeitgleich gerade das größte Floorball-Event Deutschlands in ihrer Stadt stattfindet, scheint sich unter den 80 000 Einwohnern nicht wirklich herumgesprochen zu haben.

Immerhin: Dennis Heike hat noch ein Nasenspray auftreiben können, fühlt sich nun – zwei Stunden vor Spielbeginn – deutlich besser. „Natürlich rein pflanzlich“, sagt er. Dopingproben sind im Floorball zwar nicht üblich, aber durchaus im Bereich des Möglichen. Alle Bundesliga-Spieler unterschreiben vor der Saison eine entsprechende Vereinbarung, müssen sich deshalb an die im Profisport geltenden Vorschriften halten. Allein: Dem Verband fehlen die finanziellen Mittel und personellen Möglichkeiten, die Proben überhaupt durchzuführen.

Die Lilienthaler auf dem Feld

90 Minuten vor Spielbeginn beziehen die „Wölfe“ ihre Kabine. Die Spieler hören Musik, verteilen sich auf der riesigen Tribüne, bleiben nun für sich und tauchen in ihren ganz persönlichen Tunnel ein. Fast 20 Minuten früher als der Gegner betreten die Lilienthaler das Feld. Doch nicht nur das Hubacher-Team freut sich auf das anstehende Duell mit dem Rekordchampion. Ganz Floorball-Deutschland fiebert diesem vorweggenommenen Finale entgegen, wie Matthias Liebing berichtet. Liebing kümmert sich für den Bundesverband um die Pressearbeit. Mit einer unglaublichen Professionalität und Hilfsbereitschaft.

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Totaler Fokus: letzte Instruktionen in der Lilienthaler Kabine wenige Minuten vor dem Anpfiff.

Foto: tobias Dohr

Mit acht Kameras werden die Spiele des Final-4-Turniers ins Internet gestreamt. Höchst professionell geschnitten und produziert. Eine Hochglanz-Übertragung wie von einer Handball-WM – live aus der harten Realität des Amateursports. Bis zu 3000 Zuschauer werden online dabei sein. Vielleicht sitzt auch der eine oder andere Sportjournalist vor dem PC. In der Halle sind die Reporter jedenfalls nicht. Nicht einmal von der Mitteldeutschen Zeitung, die in Weißenfels vertrieben wird, ist jemand gekommen – obwohl es nur 85 Kilometer sind.

Ein deutscher Rekordchampion in einer Randsportart ist zwar ein schönes Alleinstellungsmerkmal, aber eben kein Verkaufsargument. Am Ende will der Kunde dann wohl doch lieber den 28. Bericht über den FC Bayern lesen. Und obendrein sind diese Agenturberichte wesentlich günstiger für den Verlag als eine Dienstreise nach Dessau.

Wenige Minuten vor Spielbeginn kommen die „Wölfe“ noch einmal in der Kabine zusammen. Jetzt zählt es. Der Moment ist da. Mit einer beeindruckenden Lichtershow werden die Teams in die Arena geholt. Gänsehaut-Feeling in der Anhalt-Arena. Dass die Halle in diesem Moment nur zu etwas mehr als einem Fünftel gefüllt ist, könnte den neutralen Beobachter bedrücken oder gar traurig stimmen. Sport ist nicht fair und Leidenschaft wird im Amateurbereich definitiv zu selten honoriert. Die Floorball-Gemeinde aber feiert sich. Fahnen und Pauken, Banner und Trompeten. Ein Hexenkessel muss keinesfalls ausverkauft sein.

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Lichtershow wie bei Profis: Dennis Heike bei der Vorstellung der Starting Five.

Foto: tobias Dohr

Der Traum vom Pokaltriumph

Die Lilienthaler spielen gut, aber eben nicht gut genug. Nicht konstant genug. Und Konstanz ist das A und O, wenn man Weißenfels endlich einmal schlagen will. „Wir waren im ersten Drittel einfach nicht bereit für dieses Event“, sagt Dennis Heike. War es Übermotivation? Die Nervosität? Jetzt ist es sowieso egal. Der Traum vom ersten Pokaltriumph ist geplatzt. Und die Mannschaft braucht einige Zeit, um diese brutale Erkenntnis zu verkraften.

Eine Stunde nach Spielschluss versammelt Hubacher sein Team noch einmal in der Kabine. Die lobenden Worte, die zu Recht kommen, prallen auf eine Wand der schweigenden Frustration. Noch nie hatten die Lilienthaler in einem Drittel gegen Weißenfels so viel Ballbesitz wie in dem mit 1:0 gewonnenen zweiten Durchgang. Aber kann das trösten? Macht es das besser? In diesem Moment nicht. „Aber das wird uns für die Zukunft helfen“, ist sich Remo Hubacher sicher. Und schließt seinen Vortrag mit den Worten: „Jetzt fahren wir ins Hotel und trinken ein oder zwei Bierchen.“ Woraufhin Spaßvogel Bothe nur entgegnet: „Und dann steigen wir auf Schnaps um.“

Die Mannschaft lacht. Es ist ein erlösendes Lachen. Quasi der Startschuss für die aktive Frustbewältigung. Die wird erst um 6 Uhr am Sonntagmorgen halbwegs abgeschlossen sein. Im Club „Flowerpower“ wird der Frust weggespült und weggetanzt. Die Nachwirkungen werden am Sonntagmittag erhobenen Hauptes mit in die Halle genommen. Um 13 Uhr startet das Herrenfinale zwischen Weißenfels und BAT Berlin. Es tut noch einmal unendlich weh, dieses Spiel nun zu sehen. Die Kopfschmerzen werden weggehen. Die Enttäuschung wird bleiben.

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Unfassbare Enttäuschung: Klaas Minnermann (links) und Miska Grönvall direkt nach Spielende.

Foto: tobias Dohr

Die Berliner spielen das Finale, von dem die Lilienthaler so sehr geträumt hatten. Und zwingen den großen Favoriten vor der Rekordkulisse von 1080 begeisterten Zuschauern nach 0:4-Rückstand sogar noch in die Verlängerung. Am Ende gewinnt dann aber doch wieder der UHC. Man könnte sagen, der Floorball hat in Weißenfels ein ähnliches „Problem“ wie der Fußball mit dem FC Bayern. Spannung ist lebenswichtig für eine Sportart. Der TV Lilienthal arbeitet daran, diese Spannung wieder bieten zu können.

Der Geist von Neuwittenbek

Um 15.30 Uhr geht es schließlich wieder zurück Richtung Heimat. Der Geist von Neuwittenbek ist ebenfalls wieder an Bord. Und dazu gesellt sich nun der Geist von Dessau. Ebenso wie das erste Pokalspiel der Vereinsgeschichte, wird sich auch dieses erste Pokalfinale einbrennen ins Langzeitgedächtnis. Es wird bleiben. Für immer. Und neue Motivation geben. Neuwittenbek ging damals, im Dezember 2007, mit 5:7 verloren. Es war eine weite Reise von damals bis heute. Und wie der Lilienthaler Tross an diesem sonnigen Sonntagnachmittag wieder nach Hause fährt, macht sich das Gefühl breit, dass Dessau gar nicht der Zielort war – lediglich ein weiterer Zwischenstopp.

Das kompletten Spiel des Floorball-Endturniers können Sie unter www.playo.tv in ganzer Länge noch einmal kostenlos anschauen.
„Das ist der Preis für den Pokalsieg.“ Mark-Oliver Bothe um ca. 8.15 Uhr beim Frühstück am Samstagmorgen
„Wir waren im ersten Drittel einfach nicht bereit für dieses Event.“ Dennis Heike kurz nach dem 4:8 gegen den späteren Pokalsieger Weißenfels
„Jetzt fahren wir ins Hotel und trinken ein oder zwei Bierchen.“ Remo Hubacher zum Thema Frustbewältigung am Samstagabend
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