Serie Bremer Sport im Wandel Warum die Bremer-Boxszene tief gespalten ist

Der Boxsport in Bremen steht nicht gerade blenden da, meint der Bremer Dirk Netzer, der seit 15 Jahren für den Bremer Landesverband tätig ist. Das herrscht seiner Meinung nach an der Uneinigkeit der Szene.
25.01.2019, 21:54
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Warum die Bremer-Boxszene tief gespalten ist
Von Olaf Dorow

Dirk Netzer ist Facharzt für physikalische und rehabilitative Medizin. Er bedauert es, dass er kein Boxer geworden ist. Er mag diese Zweikampf-Tradition. Er sagt, dass man so viel lernen könne: über Körperhaltung und Taktik, über Psychologie und In­stinktdenken. Über so vieles. Andererseits sieht er die Gesundheitsrisiken. Und sagt: „Ich sehe eher schwarz für Boxen als zukunftsfähigen Leistungssport.“ Irgendwann werde der Aufwand zum Schutz vor Kopfverletzungen zu groß sein. In den USA würde es im Grunde schon gar kein Amateurboxen mehr geben.

Und in Bremen? Gibt es den Boxsport, aber dass er blendend dasteht, lässt sich nicht behaupten. Dirk Netzer ist seit 15 Jahren für den Bremer Landesverband tätig, als Verbandsarzt, kurzzeitig als Schatzmeister und Vizepräsident und seit dem Frühjahr 2017 als Präsident. Netzers Kurz-Zusammenfassung des Ist-Zustandes: „Der Weser-Boxring Bremerhaven macht seinen Kram, die Bremer Vereine wurschteln herum.“

Damit sind weniger die sportlichen Erfolge gemeint, die es durchaus gibt. Auch die Mitgliederzahlen steigen: 2007 zählte der Verband 300 Mitglieder, zehn Jahre später fast doppelt so viele. Netzers Statement bezieht sich auf die seit Langem herrschende Uneinigkeit in der Szene. Er könne nicht nachvollziehen, sagt Netzer, dass die Querelen dazu führen, dass nicht zusammengearbeitet wird. Es gebe doch keine Verfehlungen, die etwas für die Sportgerichtsbarkeit wären.

Lesen Sie auch

Vor circa 25 Jahren hätten sich viele Bremer Vereine über den Tisch gezogen gefühlt, erzählt Tura-Trainer Klaus Becker. Von Bremerhaven aus regierte der Präsident, dort sollte auch ein Stützpunkt eingerichtet werden. Tura trat aus dem Landesverband aus, die SG Aumund-Vegesack (SAV) trat aus, der Polizei SV trat aus. Die Kämpfer starteten fortan für den BC Verden beziehungsweise VfB Oldenburg. Die Boxer der SG Marßel treten, wie auch die vom Flamingo Gym, inzwischen für den TV Jahn Delmenhorst an. Die kleine SAV-Boxabteilung wiederum ist 2017, nach Netzers Amtsübernahme, in den Bremer Verband zurückgekehrt.

Nicht viele Box-Leuchttürme in der Stadt

Becker hält wenig von einer Rückkehr. „Bremen hat ja nichts“, sagt er. Kein Stützpunkttraining, kein Landestrainer, keine Lehrgänge, so gut wie keine Veranstaltungen in der Stadt. Letztens mal wieder eine, beim Leon Fight Club. Die erste seit rund zehn Jahren. Es gibt nicht so viele Box-Leuchttürme in der Stadt. Einen Mini-Leuchtturm bei OT Bremen, wo sich Trainer Henrik Ohanyan engagiert. Und sich komplett blockiert fühlt vom Landesverband, in dem er zwar Jugendwart ist, der aber von Bremerhaven beherrscht werde (siehe Interview auf dieser Seite).

Die Hälfte seiner Sportler, sagt Becker, hätte ja gar keine Gegner bei einer Bremer Meisterschaft. Er ist ein ehrgeiziger Trainer, er hat die A-Lizenz. Die zahlreichen Erfolge seine Aktiven – vor allem der Frauen – bei deutschen oder Niedersachsenmeisterschaften wären beim Verbleib im Bremer Verband nicht möglich gewesen. Beckers Vorschlag: eine Fusion des Bremer Verbandes mit Niedersachsen. Marco Blome vom Weser-Boxring sagt: „Das ist überhaupt keine Option.“

Er ist Vizepräsident im Bremer Verband, man sei da jetzt im Neuaufbau und wolle die Eigenständigkeit behalten. So verspreche man sich mehr Startplätze bei nationalen Meisterschaften. Ohan­yan schimpft, dass man seine OT-Boxer dort aber kaum starten lasse, nur wieder die aus Bremerhaven. Netzer sagt, die Bremer Vereine würde von einer Fusion womöglich profitieren, Bremerhaven eher nicht.

Lesen Sie auch

Netzer sagt auch: „Wenn die Bremer Vereine sich einig wären, könnte viel mehr erreicht werden.“ Niemand hindere sie daran, etwas auf die Beine zu stellen: gemeinsame Veranstaltungen oder auch einen Bezirksverband innerhalb Niedersachsens. Er, Netzer, hätte da keine Präferenzen. Er sei als Präsident für den neutralen Blick gewählt worden, auch wenn er Vereinsmitglied beim Weser-Boxring sei.

Mehr ausgegeben als eingenommen

Zurzeit würden Bestrebungen unter den Bremer Vereinen laufen, das Wahlrecht zu ändern. Statt einer Stimme pro zehn Boxer möge es nur eine Stimme pro Verein geben. Laut Netzer ist die Zahl der gemeldeten Bremer Boxer derzeit ähnlich hoch wie die der Bremerhavener. 2017 seien es sogar noch deutlich mehr Bremer als Bremerhavener gewesen, 363 gegen 220. Er könne nur darauf hinweisen, dass die Möglichkeiten des Bremer Verbandes überschaubar sind. „Wir haben Grenzen, wir können nicht jeden zu nationalen Meisterschaften schicken“, sagt Netzer. In den vergangenen Jahren sei jeweils mehr ausgegeben als eingenommen worden.

Bei deutschen Meisterschaften hätten die Bremerhavener Boxer 2017 zwei Meistertitel geholt, dazu eine Vizemeisterschaft, zählt Marco Blome auf. Der Weser-Boxring verfügt in Bremerhaven über eine recht moderne Infrastruktur. Er hat ein Boxcenter über drei Etagen, er hat fünf Trainer und knapp 20 aktive Kämpfer. Dazu ein Team in der 2. Bundesliga. Der Zulauf sei gut, innerhalb eines Jahres sei jetzt die Zahl der boxenden Mitglieder von 195 auf 350 gestiegen. Blome berichtet von Kooperationen mit Schulen, von Werbemaßnahmen in der Stadt.

Zwei grundsätzliche Probleme

So steht Dirk Netzer nun als „Kompromisskandidat“, wie er sich nennt, einem Verband vor, in dem er zwei grundsätzliche Pro­bleme hat. Einerseits die Uneinigkeit der Szene, andererseits sein eigener kritischer Blick auf Boxen als Leistungssport. „Ich würde mir schon ein paar mehr lösungsorientierte Mitarbeiter wünschen“, sagt er zu seiner Arbeit als Verbandspräsident. Er versuche zu schauen, wie weit er es vertreten kann, sagt er zu seinem kritischen Blick auf Wettkämpfe.

Zudem habe er beobachtet, dass Boxen bei Jungen und Mädchen nicht mehr als besonders cool gelte, Karate oder Judo würde da mehr ziehen. Ausschlaggebend werde außerdem sein, wie viele Kinder von ihren Eltern noch zum Boxverein geschickt oder gelassen werden.

Obwohl er doch Boxen bei sehr verantwortungsbewussten Trainern und erst recht als Freizeitbeschäftigung ohne Wettkämpfe nur „absolut empfehlen“ kann. Schnelligkeit, Ausdauer, Flexibilität für Körper und Geist, quasi eine Allround-Fitness: Alles das würde Boxen ja bieten. Er jedenfalls hätte seine Kinder gelassen, wenn sie gefragt hätten.

Info

Zur Sache

Boxen in Bremen und umzu

Laut Bremer Amateur-Boxverband zählen neun Vereine im kleinsten Bundesland zu den Mitgliedsvereinen des Fachverbandes: der Weser-Boxring Bremerhaven, der Deutsch-Türkische Box-Club, SV Hemelingen, der Leon Fight Club, TSV Osterholz-Tenever (OT Bremen), TuS Huchting, SV Grambke-Oslebshausen, die SG Aumund-Vegesack sowie TSV St. Magnus. Dort überall wird Boxtraining angeboten, wie auch bei Tura Bremen, dem Polizei SV, der SG Marßel sowie Flamingo Gym. Dieses Quartett ist aus dem Bremer Verband ausgetreten. Treten Boxer dieser Vereine zu offiziellen Wettkämpfen an, starten sie für niedersächsische Vereine. Auch der lesbisch-schwule Sportverein Wärmer Bremen bietet Boxen an. Boxtraining im Bremer Umland wird unter anderem beim TV Jahn Delmhorst, der SG Diepholz, dem Boxring 46 Kirchweyhe, TV Schwanewede, TuS Syke oder BC Verden angeboten.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+